Freitag, 16. September 2022

Schon wieder ein Hafen - am Ende der Welt

 Zwei Häfen hintereinander, ohne ein bis mehrere Seetage dazwischen! Was im Mittelmeer eine Selbstverständlichkeit wäre, bleibt auf dieser Reise die ganz große Ausnahme. Gestern nacht sind wir den SLS zunächst in umgekehrter Richtung gefahren, und dann Richtung Nord-Nord-West in den Saguenay-Fjord abgebogen, an dessen Ende wir heute angelegt haben. Gleichzeitig schein es das Ende der Welt zu sein. Es gibt ja viele Orte, die so etwas von sich behaupten, aber ich denke, für Kreuzfahrtschiffe ist das hier. Tatsächlich erweitert sich der Fjord hier in Saguenay so weit, dass man ein so langes Schiff problemlos umdrehen kann, was der Captain wohl schon heute Nacht gemacht hat, denn wir liegen in der richtigen Richtung zum Auslaufen. 

Ja, und da haben wir unseren Salat: eine wunderschöne hügelige Landschaft, 30-40 Häuschen, eine Boulangerie (Bäckerei), ein paar andere Geschäfte (unter anderem eine Animalerie, also ein Zoogeschäft (tolles Wort, finde ich. Französisch hat einfach Stil, also, die Sprache). Ich möchte aber kein Katzenfutter kaufen, sondern hätte gerne ein paar Souvenirs, und gerate dabei in ein kleines Museum. Als ich schon wieder gehen will, erwischt mich eine Art Wachmann und fragt mich irgendwas, wahrscheinlich, ob er mir helfen kann. Ich kann sehr schön auf französisch sagen, dass ich kein französisch spreche, was schon mehr französische Muttersprachler irritiert hat, von wegen „aber Du sprichst doch französisch“. Nicht so der Wachmann. Er fragt als nächstes in gutem Englisch, und schon sind wir im Gespräch. Er sagt, er hat leider keine Ahnung vom einkaufen, kann mir aber erklären, wo ich alle Geschäfte im Örtchen finden kann. Dann hilft er mir noch sorgfältig über eine Straße, wo sowieso kaum einer fährt, und verabschiedet sich höflich. Die Kanadier scheinen tatsächlich so nett zu sein, wie man immer sagt und schreibt.

Ich gehe also los, finde ein Café, einen Coiffeur, ein kleines Hôtel, und einen agent immobilier.

Alles nicht zielführend, aber bloß nicht aufgeben. Tatsächlich stoße ich irgendwann auf ein „Magasin General“, was nichts militärisches ist, sondern ein Dorfladen, und zwar einer von der Sorte, der wirklich alles anbietet, sogar eine schmale Auswahl an Souvenirs. Als ich habe, was ich will, suche ich nach der Kasse. In diesem Laden gibt es sage und schreibe drei Türen, jede in einer anderen Richtung, und jede verfügt über einen Kassenstand. Zwei davon sind unbesetzt, und am dritten sitzt ein sehr junges, sehr dünnes Mädchen, dass mit der vielen Teenagern auch bei uns eigenen arroganten Ausstrahlung auf ihrem Handy herumtippt. Ich krame in meinen letzten Fragmenten an französischen Vokabeln, werde fündig, und trompete ihr ein fröhliches: Bonjour! Ici la caisse? (Guten Tag. Ist hier die Kasse?) entgegen. Und schon geht die Sonne auf. „Oui oui“ bestätigt sie, strahlt mich an wie ich noch selten angestrahlt wurde, tippt meine Einkäufe ein, fragt dann fürsorglich „Voulez-vouz“ nein, natürlich nicht was Ihr jetzt denkt, sie sagt „voulez-vouz un sac?“ Nein einen Sack brauche ich nicht für die paar Sachen. Späßle. „sac“ ist die Einkaufstasche, der Plastikbeutel, so etwas in der Richtung. Und auch wirklich ein Sack, denn man sagt „sac-à-dos“ für den Rucksack. Wahrscheinlich fragt Ihr Euch langsam, warum der dicke Mann immer behauptet, dass er kein französisch spricht. Tatsächlich kommt, wenn es muss, so manches wieder zum Vorschein, und ich liebe Sprachen. Aber kalt ist es hier, nicht im Laden, sondern draußen, zum ersten Mal seit vielen Monaten habe ich eine Jacke an. Ich weiß, das war keine gute Überleitung.

Einer der Einheimischen hier liebt den heutigen Tag ganz besonders, schätze ich mal. Er besitzt nämlich ein 8-sitziges Wasserflugzeug und lebt - zumindest teilweise - davon, dass er mit Touristen kleine Rundflüge macht, und vermutlich nicht allzu viel Geld dafür verlangt. Für heute hat TUI Cruises ihn komplett und exklusiv gebucht, vermutlich zu einem Preis, der beide freut, und das ganze für sehr viel Geld den Kreuzfahrern als Ausflug angeboten. Und komplett verkauft.  Was die Nachfrage betrifft, hätte man ein zweites Flugzeug brauchen können, mit Pilot, versteht sich.

Als wir nachts zurück fahren, verschlechtert sich das Wetter unerwartet sehr stark. Aus Norden baut sich ein Orkan auf, der mit bis zu 150 km/h als katabatischer Fallwind in den Fjord stürmt. Er baut aufgrund der Enge des Fjords zwar keine Wellen auf, rüttelt aber mit aller Macht am Schiff und stellt es schräg wie ein Segelboot. Natürlich nicht so stark, aber man spürt schon, dass der Weg von Steuerbord nach Backbord leicht bergauf geht. Man darf nicht mehr raus und auch keine Balkontüren öffnen. Wie wir am nächsten Tag erfahren, ist die Situation nicht ganz unkritisch gewesen, denn durch unsere hohen Aufbauten haben wir ganz ohne Segel eine deutlich größere Segelfläche als die Gorch Fock (ein ehemaliges Segelschulschiff der Bundesmarine, die Jüngeren können sich vielleicht noch an den Finanzskandal bei der kürzlich erfolgten Renovierung erinnern, die Älteren an die Rückseite vom Zehnmarkschein, wo sie abgebildet war). Damit sind wir angreifbar gegen plötzliche Böen, und wenn man bedenkt, das der Fjord schmaler ist als unser Schiff lang, führt der Weg schnell mal ins Abseits. „Wir sind auf so etwas trainiert und gut darin“ erklärt der Captain am nächsten Morgen „Karibik in der Sonne kann schließlich jeder“. Wo er Recht hat, hat er Recht.


Donnerstag, 15. September 2022

Die Sammlung wächst


Wir sind in Québec angekommen - natürlich wieder zu früh, was höchstens die Hafenbehörde stört, und ich betrete zum ersten Mal im Leben Kanada, was somit in meiner Ländersammlung die Nummer 56 wird und sie somit um eins weniger erweitert, als ich für dieses Jahr erwartet hatte (eigentlich waren Rumänien und die Ukraine geplant gewesen, und auf der Ersatzreise hätte ich Israel und Zypern besucht), aber Kanada ist so groß, dass man es doppelt zählen könnte. Oder dreifach. Oder zehnfach? Und wie zählt man dann den Vatikanstaat? Am besten gar nicht? Nein Quatsch, Länder zählen „stückweise“, egal wie groß sie sind. Inzwischen bin ich an einem Schulbus angekommen, mit dem heute die kleine Stadtrundfahrt in Québec stattfinden soll. Der Guide heißt Schumacher, aber deutsch haben nur seine Vorfahren vor zweihundert Jahren gesprochen. Er ist schon knappe siebzig, genau wie der Busfahrer. Da er neben der in Québec üblichen Landessprache französisch nur ein sehr schönes englisch spricht, bekommen wir vom Schiff einen Audioplayer mit, der mit deutschen Erklärungen besprochen ist. Unter anderem. 

Wir fahren los, alles gut, der Audioplayer funktioniert und erklärt was wir sehen: klar, laut, deutlich - aber auf französisch. Hin- und herspulen, ein- und ausschalten, alles zwecklos, die beiden älteren Herren kriegen das kleine Stück Hightech nicht in den Griff. Nach etwa einem Kilometer drehen wir um und fahren zwecks technischem Support zurück zum Schiff, wo Geneviève, eine junge Kollegin aus dem Ausflugsteam und sehr gefragt, weil französische Muttersprachlerin, sich dem Problem erfolgreich widmet. Vorsichtshalber fährt sie dann auch gleich mit. Das Schiff darf zwar eigentlich niemanden zum übersetzen mitschicken, auch wenn der örtliche Fremdenführer kein deutsch spricht, aber gegen einen Operator für den Audioplayer hat keiner was gesagt. So findet die Stadtrundfahrt dann endlich statt, mit zum Teil holprigen Texten, Sprüngen und Lücken, aber immerhin auf deutsch.

Québec ist wirklich sehenswert. Es besteht, ähnlich wie Lissabon, aus einer Ober- und einer Unterstadt, gekrönt von dem majestätischen Château Frontenac, einem Luxushotel, das als Hauptsehenswürdigkeit der Stadt gilt. 



Es gibt noch unzählige verwinkelte Altstadtgassen mit kleinen und großen Häusern aus der Kolonialzeit, teils im französischen, teils auch im englischen Kolonialstil. Ich könnte mir diese Stadt wunderbar als Filmkulisse vorstellen, für irgendwas historisches, je nach Licht und Blickwinkel für eine Fantasy-Geschichte, oder, wenn schön verschneit, für ein Weihnachtsmärchen à la Dickens. 

Alle Mitglieder unserer kleinen Reisegruppe sind begeistert, fanden aber Souvenirs und alles sonst recht teuer. Woher soll man als normal gebildeter Mensch auch wissen, dass man den amerikanischen Dollar zwar ungefähr 1:1 zum Euro rechnen kann, ein kanadischer aber nur 70-80 Cent wert ist. Und schon ist es vorbei mit den hohen Preisen.

„Québec“ bedeutet übrigens in einer alten Sprache „Flussverengung“, denn der SLS ist an dieser Stelle nur etwa einen Kilometer breit. Als wir abends ablegen, muss sich das Schiff um 180° drehen, damit es wieder in die Richtung fahren kann, aus der es gekommen ist. Obwohl jedes moderne Kreuzfahrtschiff sich auf der Stelle drehen kann, ist das Manöver, je nach Wind- und Strömungsverhältnissen, sicherlich nicht einfach und dürfte von außen höchst spektakulär ausgesehen haben.




 

Mittwoch, 14. September 2022

Volle Fahrt voraus


Ja, das liebt er, unser Captain: immer volle Fahrt, und dann kommt er zu früh, also an, und muss anschließend stundenlang auf Schleichfahrt gehen, um den Lotsen zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu treffen, aber nicht zu heftig. Das wird irgendwann heute Nacht passieren, wenn der SLS sich verengt und hohe Geschwindigkeiten nicht mehr angesagt sind, jedenfalls nicht für ein so großes Schiff mit sage und schreibe 65.000 PS, wobei es recht genügsam ist: mit einer einzigen Tankfüllung könnte es 35 Tage lang Vollgas fahren, sagt der Captain, was sicher etwas langweilig wäre, denke ich mir, 35 Tage ohne anzuhalten? Da dürfte das eine oder andere Lebensmittel und vor allem Kaltgetränk knapp werden. Und wie weit wäre man dann? Ich habe es einmal überschlagen: 35 Tage lang 24 Stunden am Tag mit einer Geschwindigkeit von 21 Knoten reichen für 75% des Erdumfangs, also rund 30.000km. Das ist schon eine beeindruckende Strecke, die ich persönlich für übertrieben halte, konnte aber leider keine Vergleichszahlen finden.

Unser Schiff ist mit 316m etwas weniger als ein Schiff lang (ich weiß, das klingt dämlich, aber diese Maßeinheit ist mir im besoffenen Kopf letzten Urlaub eingefallen, oder noch früher, als ich mal an drei hintereinander liegenden Kreuzfahrtschiffen entlang laufen musste). Man rechnet: 3 Schiffslängen sind 1 km, das ist der gleiche Faktor wie beim Fliegen: 3 Fuß (feet) Flughöhe sind 1m, näheres siehe Lanzarote 2022). Es hat 15 Decks, ist für ca. 2.900 Passagiere zugelassen und gehört damit noch zu den mittelgroßen Kreuzfahrtschiffen. Die ganz großen, also die Oasis-Klasse (die alle einen Namen mit …of the Seas tragen, also Oasis, Allure oder was auch immer) haben mehr als doppelt so viele Passagiere an Bord, zumindest meistens, und können aufgrund ihrer gewaltigen Größe nur sehr eingeschränkt irgendwo anlegen. 

Zurück zur Mein Schiff 1. Es gibt im all inklusiv-Bereich 8 Restaurants und Bistros, darunter ein 24-Stunden-Imbiss-Restaurant und eine Dönerbude mit Sitzgelegenheiten, sowie 12 Bars und Lounges, darunter eine Eisdiele und eine Diskothek. Wer gastronomisch Geld ausgeben möchte, findet gegen Aufpreis im Heck des Schiffes, den Bereich „große Freiheit“ (nicht das finden kostet Aufpreis), der in einem riesigen diamantförmigen Fenster endet, noch vier weitere Restaurants enthält und eine Bar, die 24 Stunden geöffnet hat. Aber echt, das braucht man nicht! Das Essen soll auch teilweise gar nicht gut sein dort, und was die Bar betrifft: alkoholfreies, Kaffee und Tee gibt es auch im Tag und Nacht Bistro rund um die Uhr, und die kostenfreie Alkoholpause dauert nur von zwei Uhr nachts bis neun Uhr morgens. Das sollte ok sein. 

Die Kabine (also meine, andere kenne ich nicht) begeistert mich. Bis auf die etwas ikeamäßige Farbgestaltung ist sie auf den ersten Blick nicht viel anders als auf den alten Schiffen, aber durch ein paar kleine Änderungen im Grundriss und dem Mobiliar hat man jetzt bei gleicher qm-Zahl mehr Platz, und dazu noch unfassbar viel Stauraum. Das haben sie gut gemacht, die Schiffsdesigner! Und dazu immer diese unfassbaren Deckentiere vom room service! Heute ist es ein Quadropus:


Genau so toll ist meine Masseurin, die mich heute zum zweiten Mal in die Mangel nehmen durfte. Es hat schon nicht mehr so weh getan an den verspannten Stellen, also, die macht ihren Job wirklich gut. Ich freue mich schon auf das nächste Mal. Und auf morgen, denn an drei Tage hintereinander auf immer noch ruhiger See bin noch nicht einmal ich gewöhnt - immer so viele Leute überall! 

Und ehe ich es vergesse: was glaubt Ihr, stand heute über dem Tagesprogramm? Genau: 4. Seetag.

 

Dienstag, 13. September 2022

Kanadische Spezialitäten


Sie bleiben dabei: 3. Seetag, heute mit der Schlagzeile „Seeluft genießen“. Nun gut, zurück zu gestern. Ich war der modernen Technik auf den Leim gegangen, und hatte noch dazu die letzte Durchsage des Kreuzfahrtdirektors nicht gehört. Wir Ihr alle zweifellos wisst, ist die Welt in Zeitzonen eingeteilt, aufsteigend in östlicher und absteigend in westlicher Richtung, und zwar immer in Sprüngen von einer Stunde. Beispiel: Wenn wir in Frankfurt um 16.00 Uhr losfliegen, ist es in New York erst 10:00 Uhr. Was interessiert uns das? Es geht weiter: wir sind in NY losgefahren, strikt nach Ost-Nord-Ost, um bei Sydney (dem kanadischen) auf Nord zu drehen, in den Sankt-Lorenz-Strom einzubiegen, und dann - wenn auch deutlich weiter nördlich - wieder zurück nach Westen zu fahren, wenn auch nicht mehr ganz so weit. Das sind zwei Zeitzonen hin und eine her. Da wir unterwegs nicht anlegen, hat der Captain beschlossen, die ersten beiden, sich gegenseitig aufhebenden Zeitumstellungen nicht mitzugehen, sondern erst in Québec die eine Stunde Differenz zur New Yorker Zeit umzustellen. Eine sehr gute Idee, hätte ich es nur gewusst und dem iPhone sagen können, es soll die automatische Umstellerei sein lassen. Aber lustig war das schon, und nicht die erste Zeitumstellung, die ich übersehe. Allerdings die erste, die nicht vorhanden war. 


Das Abendessen war dann auch noch sehr lecker.


Kommen wir zu den kanadischen Spezialitäten, womit ich weder dicke Pullover noch Ahornsirup meine, und auch nicht die unfassbare Freundlichkeit der Menschen dort. Vielmehr sind es behördliche Dinge, die ich so nicht erwartet habe. Während in den meisten Ländern, die ich kenne, die Einreiseformalitäten im ersten Anlaufhafen des neuen Landes stattfinden, bestehen die Kanadier auf eine Abfertigung an ihrer Grenze. Die liegt an der Meerenge von Sidney, wo man gemeinsam mit etlichen anderen Schiffen anhalten und Anker werfen muss. 


Die kanadischen Behörden kommen dann an Bord,  prüfen die Papiere und schnüffeln überall herum. Halt, ich lüge, in den Passagierbereich kommen sie nicht, denn wer legal (also mit ESTA oder Visum) in die USA eingereist ist, also wir alle, muss nicht neu kontrolliert werden. Aber sie verlangen, dass in kanadischen Häfen, oder wenn man in kanadischen Gewässern vor Anker liegt, alle Geschäfte an Bord geschlossen sein müssen (ok, das ist überall so, wegen den Zollrechten) und auf jedem Deck maximal eine Bar geöffnet sein darf. Restaurants schränken sie zum Glück nicht ein, denn wir liegen hier fast vier Stunden, und das über Mittag. Zu allem Überfluss fällt auch noch die Videothek aus, die man auf den Kabinen benutzen kann, und Fernsehen gibt es ohnehin nur auf Englisch und Chinesisch. Ganz spontan wird im Theater jetzt ein Film gezeigt ("Ich war noch niemals in New York"), in der Hoffnung, auch diejenigen Leute ruhig stellen zu können, die schon eine leichte Mischung aus Langeweile und Lagerkoller zeigen. Ich verstehe zwar nicht warum, aber es gibt sie. Und irgendwann geht es dann doch weiter, der Anker wird gehoben, die Gitter vor den Läden gehen hoch, die Korken knallen, die Stimmung steigt, und die Temperaturen sinken. Wir fahren jetzt Richtung Norden, biegen heute Abend in den Sankt-Lorenz-Strom ein und sehen in gutbesuchten Bars einem weiteren Seetag entgegen.





Montag, 12. September 2022

Mit Weitblick aufs Meer



Dieser fast schon poetische Satz ist nicht von mir (wie Ihr Euch schon gedacht habt), sondern prangt als einleitende Schlagzeile über dem täglichen Bordprogramm, einem der wenigen Stücke Papier, die es an Bord noch gibt, und das jeden Abend neben dem Betthupferl (dem aus Schokolade) auf dem Kopfkissen liegt. Nahezu alles andere läuft nur noch über Smartphone. Auch das Betthupferl hatte man vor einiger Zeit bereits eingespart. Nach heftigen Protesten von seiten der Stammkundschaft musste man zurück rudern und macht man es jetzt so: am ersten Abend gibt es eins, und daneben einen kleinen Zettel auf dem man ankreuzen kann, ob man jeden Abend eins möchte oder gar keins mehr. Damit stellt man einigermaßen sicher, dass die Dinger im Bauch landen und nicht im Müll, was ja schade wäre. Ach ja, und heute - sie haben es wieder so klar und deutlich geschrieben - ist 2. Seetag, und der erste von drei, bis wir die 1.248 Seemeilen nach Québec hinter uns gebracht haben. 

Der heutige Tag soll deshalb für mich ein gesunder sein, (das Motto des Schiffs: Sport und Gesundheit), und so frühstücke ich erst einmal wie ein Kaiser. Am Eingang des Hauptrestaurants Atlantik classic auf Deck 3, ziemlich weit hinten, wird man mit einem Glas Sekt empfangen.

Aus dem reichhaltigen Buffet picke ich mir ein full english breakfast zusammen, und genieße den Ausblick aus den Fenstern, die nur wenige Meter über dem Meer hängen, bei noch immer herrlichem Wetter.


  

Am Spätvormittag habe ich einen Termin im SPA, wozu ich das Schiff einmal diagonal durchqueren muss, ganz nach vorne, auf Deck 12, noch über der Brücke. Dort knetet mich ein zartes Mädchen aus irgendwo ganz weit weg so lange weich, dass ich mich im Surf & Turf-Restaurant (wo ich am Samstag war) glatt als Wagu-Steak bewerben könnte.

Massieren macht hungrig, nicht nur die Masseurin, und ich freue mich auf ein leckeres Mittagessen im Restaurant Fischmarkt. 

Früher gab es auf den TUI-Schiffen immer eine Filiale von Gosch Sylt, die stets recht gefragt und sehr, sehr gut war. Nachdem die Zusammenarbeit mit Gosch beendet wurde, gibt es nun auf den beiden neuesten Schiffen eigene Fischrestaurants, die genauso gut sind wie Gosch. Mindestens! Und als ich auch noch eins meiner Lieblingsgerichte auf der Karte entdeckt habe - Hamburger Pannfisch mit Bratkartoffen und Senfsoße - zieht es mich magisch in den Fischmarkt. 


Wer das Gericht nicht kennt (wie womöglich recht viele in Süddeutschland): da werden drei Stücke Fischfilet (unpaniert) in der Pfanne gebraten und zusammen mit Bratkartoffeln und Senf- oder Remouladensoße serviert. Einfach zu machen, geht relativ schnell, kann - je nach Fisch - recht preiswert sein und schmeckt unfassbar gut. Normalerweise.


Es dauert auch nicht lange bis das Essen kommt. Es sieht auf den ersten Blick ganz gut aus, bis auf - (ich weiß, es gibt ein paar wenige unter Euch, die finden, ich spalte in der Gastronomie Haare. Das tue ich gar nicht, aber ich denke es sollte das auf den Tisch kommen, was der Gast laut Karte bestellt.) Also, bis auf - das unwichtigste zuerst - auf dem Teller ist keine Senf- sondern Remouladensoße. Und außer dem Fisch liegen da zwei Riesengarnelen, die zwar luxuriös erscheinen, aber zu diesem Gericht überhaupt nicht passen. Und jetzt zum wesentlichen: von den drei Fischstücken ist eins leicht gebraten, zwei gedünstet und alle drei nahezu kalt. Und nun zum absoluten Spitzenreiter: Ich unterstelle mal, dass Ihr alle wisst, dass man für Bratkartoffeln üblicherweise gekochte Kartoffeln in dicken Scheiben braucht. Es geht auch mit rohen, dauert dann aber wesentlich länger, und länger ist schlecht in der Gastronomie. Man muss sie in der Pfanne braten, und sollte sie nur 1x wenden. Was da als Bratkartoffeln in sehr kleiner Menge auf dem Teller liegt, sind ganz dünne Scheiben, trotzdem noch fast roh, und vermutlich im Heißluftofen gerade mal kurz angewärmt. Und das schlimmste: wie ich bei Gesprächen mit anderen Gästen in den nächsten Tagen noch herausfinden werde, machen die das immer genau so. Ohne Worte. Und wer jetzt noch grübelt: Nein, ich habe das natürlich nicht gegessen, sondern mir irgendwas anderes im Buffet-Restaurant nebenan, oder besser gesagt, davor (also Richtung Bug) genommen. 


Zum Glück hat es hier jede Menge Auswahl an Restaurants, die auch immer alle pünktlich öffnen oder gar nicht erst schließen.

Bevor es aber an die nächste Mahlzeit geht, muss ich mich dann wohl oder übel mal mit dem Thema Sport und Bewegung befassen. Hat man sich also auf Deck 12 satt gegessen und verlässt das Restaurant, welches der drei (das dritte ist die "Backstube") auch immer, steht man im mittleren Treppenhaus und hat die Qual der Wahl zwischen einer breiten Doppeltreppe oder sechs großen Aufzügen. Mittleres Treppenhaus mutet zumindest mich etwas seltsam an, weil wir nur zwei haben, was ungewöhnlich ist für so ein großes Schiff und mathematisch keine ganzzahlige Mitte zulässt. Eigentlich ist es dann doch das hinteres Treppenhaus, oder? Tatsächlich hängt es mit der Position im Schiff zusammen, so ähnlich wie bei Autos, aber nur so ähnlich, denn da gibt es welche nur mit A-Säule und C-Säule, weil man die mittlere weggelassen hat. Oder bei Flugzeugsitzen: da beginnt man mit dem Fensterplatz an Backbord, das ist Sitz A, der mittlere ist Sitz B und der Gangplatz ist Sitz C. Gibt es nur zwei, läßt man aufgrund seiner Position Sitz B weg. Und so haben wir auf dem Schiff Treppenhaus A und B. Aber ich glaube, ich schweife geringfügig ab.

Fährt oder läuft man nun von Deck 12 eine Etage höher, ist man auf Deck 14. Kein Scherz, das Deck 13 haben sie weggelassen, wegen dem Klabautermann und sonstigem Aberglauben. Das macht man auf vielen Schiffen so, aber nicht auf allen. Vor allem nicht auf denen, die maximal zwölf Decks haben. OK, war flach.

Nach längerem sportlichen Warten auf den Aufzug bin ich nun auf Deck 14 angekommen, trete backbordseitig ins Freie, lasse mir bei strahlendem Sonnenschein den frischen Seewind um die Nase wehen, sehe mich um, und als erstes fällt mir eine Freitreppe auf, die eine weitere Etage nach oben führt und direkt in dem riesigen Fitness-Studio endet, das gerade an Seetagen von sehr vielen hochmotivierten Menschen genützt wird, so auch heute. 

    Direkt vor mir, auf dem Boden, liegt als schreiend bunter Streifen der Joggingpfad, der zweimal am Tag den Joggern vorbehalten ist, und sonst auch gerne mal mit Liegestühlen vollgestellt wird. Liegestühle haben wir viele, auch reservierte, so sagt man. Es ist eben ein Schiff voller deutscher Touristen, von denen nicht jeder weiß, was sich gehört. Aber abgesehen von der Sache mit den Liegestühlen, kann man sich kaum beschweren diesmal, also, über die Touristen.

Ich folge dem Joggingpfad vorsichtig in Richtung Heck, denn da war ich schon einmal, bis zur wirklich großen Sportarena, wo heute ein Tanzkurs stattfindet. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sehe ich eine Sporthalle von innen, aber die Dinger riechen immer noch so wie früher, und sind nicht der richtige Rahmen für’s Tanzen. Finde ich jedenfalls. Der sogenannte Tanzkurs hier ist es auch nicht, und nach wenigen Minuten ziehe ich weiter, Richtung Heck, vorbei an einigen Folterinstrumenten (die man Trimmgeräte nennt) bis zu einer Stelle, wo der Pfad nicht ganz unsteil ansteigt bis Deck 15, freischwebend einen eleganten U-Turn über dem kompletten Heck dreht und dabei steuerbordseitig auf Deck 14 zurück kehrt. 


Wer es nicht ganz so freischwebend mag, findet noch vor dem U-Turn einen Notausgang, der zur Hoheluft-Bar führt, der höchsten Bar an Bord und bisher einmalig in der Flotte. Dort zu rasten war auch mein Plan gewesen, nur leider ist im Augenblick geschlossen. Vermutlich, weil sie das Schutzgitter vor dem Flaschen- und Glasregal hinter der Bar wieder nicht aufkriegen, wie schon vor ein paar Tagen einmal. Elektrisch ist auch nicht immer eine Lösung. Ich könnte jetzt einfach eine Treppe runtergehen, in die Außenalster-Bar direkt darunter. Dass die offen hat, hört man deutlich. Aber ich bin ja heute sportlich, und drehe, wenn auch im seniorengerechten Tempo, den eleganten U-Turn, und verfolge den bunten Streifen auf dem Boden, diesmal auf der Steuerbordseite, wieder Richtung Sportarena, Treppenhaus B, Fitness-Studio, und weiter geradeaus. Unter mir, auf Deck 12 ziehen die Badelagune mit der Eisbar vorbei, die Unverzicht-Bar, die sehr verführerisch nach Döner duftende Bosporus-Snackbar, der sage und schreibe 25m lange Pool, bis ich den vorderen Aufbau erreiche, in dem sich das SPA befindet, die Ruhepol-Bar, das zweifelsfrei vordere Treppenhaus, und ein paar Dinge wo ich nicht hin darf: eine Bar und ein kleiner Pool für die Suitengäste, und etwas weiter ein großer Raum, wo nicht einmal die hindürfen: die Brücke, oder wie unser maltesischer Captain immer sagt: die „Brrugge“. Kurz vor dem Aufbau biegt der bunte Streifen scharf nach rechts ab - Späßle, da ginge es ordentlich abwärts, one way - natürlich nach links ab, überquert das Schiff, und kurz bevor er sich auf die Rückreise macht, lädt die Überschau-Bar zum Pause mache ein. Auf allen früheren TUI-Schiffen gab es die auch und sie war immer meine Lieblingsbar gewesen. Die hier wirkt ebenso einladend, nur hatte irgendein witziger Schiffsdesigner die „gute“ Idee, wegen der Übersicht besonders hohe Barhocker anfertigen zu lassen. Tatsächlich ist es für durchschnittlich gewachsene Menschen schwierig und für kleinere unmöglich, hier ohne fremde Hilfe hoch zu steigen, und für alle eine Herausforderung, da wieder herunter zu kommen, ohne danach Hilfe zu brauchen. Zugegeben: die Übersicht war niemals besser. 


Aber trotzdem: meine Lieblingsbar ist jetzt die Hoheluft-Bar, wo es sie gibt (bisher nur hier) und wenn sie mal wieder auf hat.

Pünktlich um 18.00 Uhr mache ich mich auf den Weg nach Deck 5, wo ich heute im „Ganz schön gesund“-Bistro essen möchte. Seltsamerweise herrscht gähnende Leere, kein Wunder, sie haben gar nicht offen, sind aber beim vorbereiten. Sie öffnen um 18.00 Uhr, erklärt mir der Oberkellner, und jetzt wäre es 17.15 Uhr. Meine Uhr, also das iPhone, aber zeigt eindeutig  18.15 Uhr. OK, ich gehe wieder und komme später zurück. Und was es mit der seltsamen Zeitverschiebung auf sich hat, erzähle ich Euch morgen.


Sonntag, 11. September 2022

9/11 in Boston

Es ist Sonntag, wir haben 416 Seemeilen zurück gelegt, und befinden uns nun in einem amerikanischen Bundesstaat, dessen korrekte Aussprache sehr viele fränkische Mitbürger vor ein größeres Problem stellen dürfte, probiert es mal aus: „Massachusetts“. Seht Ihr, schwierig. Da klappt es schon besser mit dem Ort, wo wir angelegt haben: Boston. 



Ich sitze im Bus und genieße die Rundfahrt durch eine architektonisch vielseitige, interessante Stadt voller geschichtlicher und kultureller Höhepunkte, sei es die Boston Tea Party, der Freedom Trail, oder das schreckliche Attentat beim Boston Marathon, dessen Schauplatz noch heute durch eine gelbe Linie auf der Straße gekennzeichnet wird. Interessant ist auch, dass Boston gar nicht so groß ist, für eine amerikanische Großstadt eher klein (es gibt in etwa so viele Einwohner wie in Nürnberg), und als äußerst freiheitlich und vielschichtig gilt. Abraham Lincoln war von hier, der Kennedy-Clan, und regiert wird diese moderne Stadt von einer Bürgermeisterin, die ursprünglich aus Taywan stammt, in Harward studiert hat und noch keine dreißig Jahre alt ist. 

Heute ist Feiertag hier, und fast alles hat geschlossen. Nicht wegen Sonntag, sondern wegen 9/11, das sich zum 21. mal jährt. Gut dazu passt dass wolkenverhangene Wetter, das die meist grauen Gebäude ringsum noch etwas düsterer wirken lässt. Viel zu schnell ist die großartige Stadtrundfahrt vorbei, ich habe selten einen so guten Stadtführer erlebt. Blöd ist nur, dass er kein deutsch gesprochen hat, und wir aus gesetzlichen Gründen keinen Übersetzer vom Schiff mitnehmen dürfen. Dadurch hatte ein großer Teil der Mitreisenden nicht wirklich viel von der Stadtbesichtigung. Schade, auch wenn man das hätte vorher wissen können, denn gelesen hat’s mal wieder kaum einer.





Freitag, 9. September 2022

Der Urlaub beginnt

Urlaub hat für mich in erster Linie mit Erholung zu tun, und so genieße ich es, heute mal richtig auszuschlafen, denn: es gibt wieder einen cliffhanger. Nach der sehr langen Anreise und dem Tag in New York hatte ich für gestern Abend noch eine Craftbeer-Verkostung gebucht. 



So ein knappes Stündchen nach einem freien Nachmittag anzuhängen, das ist ja kein Problem. Was man nicht ahnte: die kleine Gruppe von sechs Leuten hat sich so gut verstanden, dass wir nach drei Stunden immer noch zusammen saßen, und Biere probiert haben, oder zumindest die probierten nicht nur probiert sondern auch ausgetrunken und dabei das Abendessen verpasst haben, was nicht schlimm ist, denn es gibt - passend zu jeder Biersorte - kleine Gerichte, die immer zur Verfügung stehen und perfekt zubereitet sind. Schade nur, dass der Vesperteller, den mein rechter Sitznachbar wollte, aus war. Die von mir georderten Fish & Chips dagegen wurden versprochen und nach einer guten halben Stunde auch geliefert: zwei mächtig aufgeblasene Teigballen, einer hell, einer dunkel, in Begleitung einer kleinen Portion blässlicher Pommes, die geschmacklich auch mit Salz nicht zu retten sind. Na gut, kann ja mal passieren. Genüßlich pieke ich mit der Gabel den dunkleren Teigballen an - pieke etwas fester - noch etwas fester - drücke, und endlich erweist er sich als der klügere und gibt nach.     Die völlig vertrockneten Teigstückchen verteilen sich explosionsartig auf Tisch und Boden und haben immerhin so viel Stil, niemandem ins Bier zu fallen. 



Auf meinem Teller bleiben ein paar Teigreste und ein ganz kleines vetrocknetes Stückchen Fisch zurück. Vorsichtig nähere ich mich dem zweiten und letzten Teigballen. Aber hier ist alles in Ordnung: leicht elastisch gibt er nach, läßt sich gut anschneiden, auch das Fischstück ist nicht ganz so klein. Blöd ist nur, dass sowohl Teig als auch Fisch noch roh sind, und ich meinen Hunger etwas später im Tag-und-Nacht-Bistro mit einer kleinen Currywurst stillen musste. Aber man ist ja flexibel.

 Die lange Nacht danach hat richtig gut getan, außer einem von uns, einem großen, gutmütigen Teddy-Typ, dessen Frau Polizistin und bar jeden guten Benehmens ist, wie sie vor versammelter Mannschaft bewiesen hat, indem sie den Bären lautstark in eine kleine Schnecke verwandelt hat. Seine Nacht war vermutlich nicht ganz so gut.

Heute Morgen habe ich keinen Landausflug vor, wäre auch albern, denn wir haben Seetag. Den ersten von sieben, das heißt, dass die Hälfte aller Tage dieser Reise Seetage sind. Wäre das jetzt eine Reise mit einem Schiff der PHOENIX-Flotte (wie der Artania), hätte sich die rheinländische Kreativabteilung in Bonn einiges einfallen lassen müssen: Urlaub auf See, Erholung auf See, Kreuzen im Sankt-Lorenz-Strom, Ihr kennt das alles schon. Hier bei TUI Cruises macht man das hanseatisch klar und sparsam: der heutige erste Seetag heißt einfach: na, ratet Ihr’s? Richtig - 1. Seetag. Was nicht heißt, dass es keine Ereignisse gibt. Für elf Uhr habe ich eine Fleischverkostung gebucht, die im Steakhaus stattfindet, dass am Ende des Schiffes in einem Bereich liegt, der zwar „große Freiheit“ heißt, aber wo alles kostenpflichtig ist. 



Vier Sorten Steak bekommen wir gegrillt, bis hinauf zum berühmten Wagu-Rind, dazu Getränke nach Wunsch, edle Salze, und viel Wissenswertes zum Thema Fleisch. Blöd ist nur, dass der Grillmeister vom Steakhaus in New York unplanmäßig das Schiff verlassen hatte, und der Nachfolger seinen Job noch nicht ganz so drauf hat. Mein erstes Steak jedenfalls war nicht essbar, obwohl alle meine Zähne noch echt sind. 

Kleine Welt: mir gegenüber saß ausgerechnet der Mann, der mit mir hätte fliegen sollen aber seine Maschine verpasst hat. Er selbst war zwar via Washington hinterher geschickt worden, so dass er das Schiff noch erreichen konnte, aber leider ohne Koffer. Der wartet jetzt in Boston auf ihn. Das gute daran ist: da sind wir morgen schon (oder endlich, für jemanden, der seit drei Tagen die selbe Unterhose tragen muss). Gerochen hat er jedenfalls noch nicht, trotz der Schwüle in New York.


Donnerstag, 8. September 2022

Anreise die zweite und allein in New York

Stammleser kennen das schon: ist ein Tag zu lang, gibt es ein hangover. So auch heute. Wir haben also immer noch den 8. September, das Flugzeug ist - wie versprochen - dreißig Minuten früher gelandet, und nach längerem Marsch durch gut klimatisierte klimatisierte Gänge trifft sich alles wieder in der riesigen, warmen, stickigen, maximal vollgestopften Einwanderungshalle des Flughafens. Etwa ein Viertel des Platzes wird von unzähligen Kabinen eingenommen, in denen die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde ihren Dienst tun, wie man es Ihnen beigebracht hat. Im Rest der Halle versuchen spezielle Mitarbeiter den Angekommenen die Wartezeit etwas zu verkürzen, indem man sie möglichst gleichmäßig auf die Schalter verteilt. Nach etwa einer Stunde bin ich dann dran, der Pass wird mehrfach genau kontrolliert, man macht ein Foto von mir (ohne Brille, unbedingt), alle zehn Fingerabdrücke will man haben (zum Glück wird das heutzutage nicht mehr mit Stempelfarbe gemacht), und dann das übliche Interview: warum ich da bin, wann ich wieder gehe, was ich in den USA mache, ob ich Lebensmittel einführe. Die Verständigung ist schwierig, denn er trägt eine Maske und sitzt hinter einer dicken Plexiglasscheibe. Zudem heult seit mindestens fünf Minuten eine Feuerwehrsirene und sie suchen wohl noch immer jemanden, der jemanden kennt, der vielleicht weiß wie man sie wieder ausschaltet, denn es ist ein Fehlalarm. Zum Glück darf ich jetzt weiter, zu den Kofferbändern.

Die sind riesig hier, absolut. Dafür haben sie nur vier Stück, das heißt die Koffer von mehreren Flugzeugen gleichzeitig kommen angefahren. Leider stehen daher auch die Passagiere von mehreren Flugzeugen gleichzeitig drumherum, was kleinen dicken Männern wie mir den Überblick erschwert. Als ich ankomme an Band 2 und mich schon eingestellt habe auf die Koffer- und Passagierflut von fünf Flugzeugen, werde ich angenehm überrascht: kaum Passagiere. Allerdings auch keine Koffer. Als es dann rumpelt und das Band anfährt, werde ich wieder angenehm überrascht, denn tatsächlich kommt mein Koffer, ich glaube es kaum, schon als zweiter angefahren. Verwechslung? Mein Koffer ist in dunklem Ferrarirot gehalten, mit verchromten Sportfelgen. Keine Verwechslung möglich! Ist auch meiner, und ich mache mich auf den Weg zur härtesten Instanz in New York: dem Zoll. Endlos lange Tische zur Gepäckkontrolle sind aufgestellt, ein breiter Gang  dazwischen, und am Ende, ganz weit weg, zwei Türen, eine „rote“ und eine „grüne“, hier sind sie beide aus Edelstahl, sehen aus wie im Schlachthof (nein, ohne Blutspritzer) und heißen „goods to declare“ und „nothing to declare“. Und dazwischen baumelt ein handgeschriebenes Schild, dass jeden ermutigt jede der beiden Türen als Ausgang zu benutzen, egal welche. Ob sie jetzt hinter der grünen Türe sitzen und sich auf jeden stürzt, der verdächtig ist? Mitnichten. Ich stehe in der „Abholhalle“, wo man erwartet wird oder auch nicht. Ich schon, und viele andere auch, von drei jungen Mädchen in hellblauen Polohemden, die fröhlich mit „Mein-Schiff“-Tafeln winken und zu einer Kollegin weiterleiten. Die erklärt, dass man den Bustransfer-Voucher bereit halten und dem Busfahrer geben soll. Immerhin will mal jemand etwas von dem vielen Papier, das ausgedruckt werden sollte! Ein weiterer Kollege bringt uns den kurzen Weg zum Bus, und die letzte Dreiviertelstunde der Anreise beginnt. Das Schiff liegt in Bayonne, das ist von Europa aus betrachtet links von der Freiheitsstatue und ein bißchen davor, von Manhattan aus ein Stück dahinter.


       

Da liegt sie nun, die neue Mein Schiff 1. 



Sie ist unspektakulär ein Deck höher als ihre Vorgängerin, aber gute fünfzig Meter länger, also fast ein Schiff lang (Erklärungen siehe Lanzarote-Blog). Wenn man sie vom Bug bis zum Heck abschreiten wollte ... also, zuhause, der Weg zum Bäcker, ist deutlich kürzer. Und um sie betreten zu dürfen, muss man unbedingt und auf alle Fälle neben dem Reisepass, der ausgedruckten ESTA, dem ausgedruckten kanadischen Gesundheitszeugnis, zwei negativen Corona-Tests, dem Schiffsvoucher auch noch seinen boarding-Pass dabei haben. Das ist die finale Eintrittskarte, so lange man seine Plastik-Bordkarte, die an der Kabinentür wartet, noch nicht hat. Und genau den habe ich nicht (mehr), also den boarding-pass. Ich bin sicher, dass ich ihn gedruckt habe und bin der festen Meinung, ihn eingesteckt zu haben. Aber so eine feste Meinung habe ich öfter zu den verschiedensten Themen, mit nicht allzu hoher Trefferquote.

       Einen Moment lang wird mir etwas warm, vielleicht liegt es auch nur an der heftigen und schwülen Nachmittagssonne, und dann stelle ich mich zum letzten Mal an diesem Tag an einer langen Schlange an. 

Eins muss man den Amerikanern lassen: vom Schlange stehen verstehen sie etwas. Und so wird auch hier mit großem Geschick und ohne Probleme die Masse der Passagiere schnell und problemlos auf die vielen Schalter verteilt, an denen man den Check-In vornehmen kann. Ich werde von einer netten kleinen Dominikanerin, die mein gutes Englisch lobt, eingecheckt. Pass ok, kanadisches Gesundheitsdings ok, Covidtest- der neuere ok weil im Testzentrum vorgenommen, der ältere war erlaubterweise ein Selbsttest, was sie gar nicht wusste, also, dass man den selbst machen durfte. Dafür gibt es auch keine schriftlichen Protokolle, aber ich hatte ihn einfach fotografiert, war ok. ESTA, Schiffsvoucher - will keiner sehen.

Aber jetzt kommt es: Der fehlende boarding pass. Nachdem auch kein Zugriff auf mein Email-Postfach möglich ist, wo er nochmal gewesen wäre, identifiziert sie mich zur Sicherheit noch einmal und macht dann lächelnd einfach einen neuen. An der nächsten Station ausdrucken lassen, alles ok. 

Tatsächlich, das funktioniert. Außerdem werde ich fotografiert für die Bordkarte (diesmal mit Brille) und bekomme die Empfehlung, direkt in die Ebbe-und-Flut-Bierbar zu gehen. Auf den letzten 200m bis zum Schiff muss ich noch 3x den boarding pass und 1x den Reisepass vorzeigen, dann bin ich endlich an Bord, und gehe, wie mir geheißen, schnurstracks in die Ebbe-und-Flut Bierbar. Nein, man hat keinen Begrüßungsdrink eingeführt. Das ist die mir zugewiesene Musterstation für Notfälle, direkt unter meiner Kabine aber über 100m Fußweg, und hier findet die Seenoteinweisung statt. Aber was für eine! Musste man früher noch auf das Notsignal warten, sich dichtgedrängt in der Musterstation aufhalten und die Vorschriften anhören, sich dann in Rettungswesten quetschen und in albernem Gänsemarsch auf das Bootsdeck watscheln, in Viererreihen aufstellen und warten bis der Captain zufrieden war, bekommt man heute großzügige Zeitfenster genannt, in denen man auf seiner Musterstation zu erscheinen hat, in kleinen Gruppen das nötigste erklärt bekommt, und nach fünf Minuten wieder gehen kann. Erscheint man nach Ablauf der Zeitfenster nicht, wird man per Lautsprecher dazu aufgefordert. Das ist peinlich!

Kurz auf die Kabine, später zum Abendessen, noch später in irgendeine Bar am Heck, und dann ist die notwendige Bettschwere erreicht. Erreicht hat die Kabine inzwischen auch mein Koffer, was schön ist, denn wer möchte schon mit ungeputzten Zähnen ins Bett?

9. September. Die Nacht ist vorbei, wir sind zurück im hier und jetzt. Frühstück schenke ich mir, eine Tasse Kaffee aus der kabineneigenen Maschine (Früher Original-Nespresso, heute die Austria-Schwester Inpresso) genügt. Heute geht es früh los, denn obwohl das Schiff noch keinen Meter gefahren ist, gibt es bereits den ersten Landausflug, für den wir lustigerweise ein Schiff benutzen. „Manhattan auf eigene Faust“ heißt er, und klingt sehr gut. Alternativ zu den verstopften Straßen in ganz New York holt uns eine Fähre direkt am Schiff ab, also nicht wie Ihre jetzt denkt: Runter vom Schiff, ein paar Meter laufen, rauf auf die Fähre. Nein, sie dockt direkt am Schiff an und nützt dabei einfach eine der großen Frachtluken, durch die wir dann bequem umsteigen können. 



Als alle an Bord sind, schippert die Fähre so schnell es geht über den Jersey, und hält dann vor der Freiheitsstatue eine Weile an. Als alle ihre selfies im Kasten haben (außer ich, denn entweder sind meine Arme zu kurz oder der Kopf zu dick, oder beides, ich kann das einfach nicht), geht es weiter. Im Fährterminal werden dann die Stadtpläne ausgegeben, mit deren Hilfe man selbständig seinen Weg durch Manhattan findet. Blöd ist nur, dass die vergriffen sind. Aber wer braucht schon einen Stadtplan, gibt es doch heutzutage Smartphones! Blöd ist nur, dass ausgerechnet meins sich standhaft weigert ins Internet zu gehen. Nach einer halben Stunde erfolglosem probieren, inzwischen sitze ich mutterseelenalleine vor dem Fährterminal, komme ich auf die gute Idee, einfach zur nächsten U-Bahnstation zu laufen und dort nach dem Weg zu fragen. Blöd ist nur, jetzt lacht nicht, dass ich einfach keine finden kann. Egal, ich frage einen Polizisten nach dem Weg dahin. Der weiß ihn und erklärt ihn mir, und ich verstehe ihn sogar. Der beschriebene Weg führt mich auch tatsächlich schnurstracks - nach Ground Zero, der einzigen Sehenswürdigkeit, die ich - bei allem Respekt vor den Opfern und Helfern - eigentlich nicht besichtigen wollte. Zum Glück gibt es an einem solchen prominenten Platz natürlich auch eine U-Bahn-Station. Blöd ist nur, dass ich sie nicht finden kann. Ich laufe also weiter Richtung Norden, wenigstens das ist einfach in Manhattan, wegen der rechtwinkligen Straßenführung. Nicht lange, da kreuzt eine Straße, die „Broadway“ heißt, was gar nicht sein kann, denn der müsste weiter im Norden liegen. Vorsichtshalber biege ich aber trotzdem in diese Straße ab und beschließe, bei McDonald’s zu frühstücken. Nicht, weil es da so lecker ist, sondern wegen dem kostenlosen und schnellen Wlan. Und ich werde nicht enttäuscht, noch nicht einmal vom Essen. Endlich mal ein Internet wie es sein sollte! Ich finde unter Google Maps alle Infos, die ich brauche, unter anderem erfahre ich, dass ich mich wirklich am Broadway befinde, einer unfassbar langen Straße. Der Weg ist weit, aber zu schaffen, vorausgesetzt, man findet die U-Bahn. Obwohl, so schwierig ist das nicht, in der Karte sind alle Stationen gut eingezeichnet. Blöd ist nur, dass ich das WLan von MD nach dem Verlassen des Ladens wieder los bin und damit genauso hilflos wie vorher. 

Habe ich eigentlich schon erzählt, dass mich die ganze Situation, obwohl diese Stimmung bei mir selten ist, ganz fürchterlich ärgert? Nein? Tut sie aber, weil der Einkaufsbummel im Hard Rock Cafe, auf den ich mich seit Wochen freue, damit erledigt ist, einfach weil ich nicht wusste, wie ich dort hin komme, und jetzt, wo ich es ansatzweise weiß, reicht die Zeit nicht mehr. Aber wer mich kennt, der weiß dass ich mich nie lange ärgere, und das beste aus allem mache. Und so auch diesmal. Ich kaufe ein paar Magneten in einem kleinen fahrbaren Souvenirshop vor dem MD, genieße die Sonne und mache mich langsam auf den Rückweg. Herausforderung: nicht verlaufen. Aber ich verlaufe mich nicht, sondern finde meinen Weg mit traumwandlerischer Sicherheit zurück, vorbei an einem halben Dutzend in der letzten halben Stunde frisch gebauten U-Bahn-Stationen, bis zum Ground Zero. Dort setze ich mich entspannt auf eine Bank und beobachte die Leute. New York ist so ganz anders, als erwartet, jedenfalls in Downtown Manhattan. Viel Grün, keine Hektik, lauter gut gelaunte entspannte Menschen, und wären da nicht diese obskur hohen Wolkenkratzer, man könnte auch woanders auf der Welt sein, an einem sonnigen Tag, in einer großen Stadt mit auffällig vielen hübschen Mädchen sein, zum Beispiel in Zürich oder St. Petersburg, dem russischen, denn in den USA gibt es auch irgendwo eins.

Zurück am Fährterminal, wo viel Schiffsverkehr herrscht, bewundere ich nicht zum ersten Mal die entspannte Disziplin der Amerikaner beim Schlange stehen. Da gibt es nie Stress. Ganz anders sieht das aus, als die Fähre anlegt, die eine Horde deutscher Touristen (also auch mich) zur Mein Schiff 1 zurück bringt. Alles quillt von allen Seiten auf die enge Eingangskontrolle zu (wo man die Bordkarte vorzeigen muss), und auf die Idee sich einfach hinten anzustellen kommt keiner. Unverständlich, zumal die Fähre nicht annähernd voll sein wird, und natürlich jeder drauf passt, wir sind ja auch damit gekommen. Zugegeben, ich stehe auch nicht gerne Schlange, aber käme nie auf die Idee, mich vorzudrängen. Ganz anders eine Frau mittleren Alters, klein, leicht, die ganz kurz vor der Eingangskontrolle völlig sinnloserweise versucht, mich weg zu schieben, um vor mir auf der Fähre zu sein. So etwas muss doch nicht sein, und natürlich kriegt sie mich keinen Millimeter auf die Seite. „Der hat mich einfach abgedrängt“ höre ich sie kurz danach hinter mir keifen. Es muss hart sein, wenn man mit einer solchen Wahrnehmungsstörung leben muss.


Anreise - schnell und unproblematisch?

Vier Uhr morgens, und schon soll es los gehen. Alle Vorbereitungen sind getroffen, und es ist mir kein bißchen schwer gefallen, so früh aufzustehen. Kein Wunder, ich war ja auch gar nicht im Bett. Zum einen hätte es sich nicht gelohnt, zum anderen rechne ich damit, dann während dem Flug entsprechend müde zu sein und trotz möglicherweise - nein, als sicher zu erwartender - Unbequemlichkeit schlafen zu können, um die 8 1/2 Stunden Flug bis New York zumindest gefühlt zu verkürzen.



Der Mensch beim Taxiruf scheint im Gegensatz zu mir im Bett gewesen zu sein, denn es dauert ewig bis er dran geht. Das Taxi dagegen kommt schnell, und auch der Zug fährt pünktlich um 5:10 Uhr los. Er ist der erste durchgehende Zug zum FRAPORT an diesem Morgen, was mir nach Ankunft großzügige 3 1/2 Stunden bis zum Abflug läßt, also alles kein Problem. Am Fernbahnhof sind es dann nur noch 3 Stunden, mit herzlichem Dank an die Deutsche Bahn. Am Geldwechselschalter steht jemand vor mir, der mich an jemanden erinnert, den ich sehr gut kenne und sehr gerne mag. Aber leider enden die Ähnlichkeiten damit nicht, er fragt auch alles dreimal und versteht es trotzdem nicht. 




Nach dreißig Minuten erreiche ich, versehen mit amerikanischen und kanadischen Dollars, die Check-In-Halle, die sich Lufthansa und United Airlines teilen. Na, das sieht doch gut aus: Fast alle Schalter der Lufthansa sind geöffnet, an keinem stehen mehr als zehn Leute, also, so stellt man sich einen lockeren Check-In doch vor. Blöd ist nur, dass ich mit UA fliegen muss. Hier sind lediglich drei Schalter offen für etliche Flüge, und die Warteschlange ringelt sich bis zum Eingang der Halle, wenn nicht noch weiter. Mehrere Angestellte der Airline regeln den reptilen Verkehr, und nach kaum einer Stunde erreiche ich den Sicherheitsbereich, wo mich eine kleine und breite Ex-Soldatin (zumindest sieht sie so aus und klingt so) nach Pass, Coronastatus und Absichten in den USA befragt. Dann darf ich passieren. Nach weiteren zehn Minuten später beginnt man aus der Schlange die Gäste heraus zu picken, die nach New York wollen. Da NY mehrere Flughäfen hat, ruft man korrekterweise immer „Newark“ (also nicht JFK), was oft nicht verstanden wird, auch von mir. Als dann doch, darf ich eine größere Gruppe überholen, die nach Honululu will und komme endlich dran. Als ich um einen Gangplatz bitte, werde ich barsch abgewiesen mit den Worten „Es ist schon alles reserviert!“. Wie denn, frage ich mich, nur mich, denn der Mann ist riesig, sieht aus wie ein afro-amerikanischer Army-Ausbilder und flößt viel Respekt ein, trotz der Plexiglaswand zwischen uns, also: wie denn, wenn man gar keine Sitze reservieren konnte in der Holzklasse, weder für Geld noch für gute Worte? Ich spoilere mal: dieses Geheimnis wird nicht gelüftet werden! Meine Bordkarte weist Platz 50K aus, und als Vielflieger - das wäre übertrieben, sagen wir als relativ häufiger Flieger - weiß ich sofort: von den drei Sitzen auf der Steuerbordseite ist das der mittlere. Jetzt kann man nur noch Daumen drücken, dass es nicht allzu eng wird. Warum man uns herausgepickt hat, weiß ich auch nicht, es bleiben noch 1 1/2 Stunden bis zum Abflug, also massig Zeit für ein nettes Frühstück vom dem Einsteigen.

Doch irgendetwas in mir sagt, dass es zum Frühstücken zu früh ist, und ich nicht einmal aufs Klo muss, sondern dringend zur Sicherheitskontrolle, immerhin dringend. Um dort hin zu kommen, muss man sich erst einen Weg bahnen durch dem riesigen Duty-Free-Shop, wo mich eine bildhübsche Latina zu einer Rumverkostung überreden will. Aber selbst wenn es ein Gratis-Urlaub auf Jamaica wäre, im Moment kann man mich zu gar nichts überreden, und das mit Recht: der Safety-Check ist überlaufen wie eine Media-Markt-Filiale bei der Neueröffnung, und das mit genauso wenigen wie überforderten und inkompetenten Mitarbeitern. Nachdem es gar nicht voran geht, wird der hintere Teil der Schlange (zu dem natürlich auch ich gehöre) eine Etage höher geschleust, wo viel weniger los ist. Viel los kennen die Leute dort auch nicht, sie sind nett und lustig und haben alle Zeit der Welt. Ich leider nicht, und die Wege sind weit. Nachdem ich gefühlt zweimal durch den kompletten Flughafen gehetzt bin und endlich mein Gate erreiche, ist es zehn Minuten vor Abflug, und kein Passagier mehr weit und breit. Das Personal ist zum Glück noch da. Ich zeige meine Bordkarte vor und höre, wie die Bodenstewardess zu irgendjemandem meine Sitzplatznummer funkt mit den Worten „den müsst Ihr wieder einchecken, aber auf dem anderen können wir jetzt wirklich nicht mehr warten!“. 

Während ich zum ersten Mal im Leben einsam und allein durch eine Fahrgastbrücke laufe (früher habe ich die Dinger immer „Rüssel“ genannt), mache ich mir ein bißchen Sorgen um meinen Koffer. Entweder, er wird in Newark am Anfang ausgeladen, was gut wäre, oder am Ende, was nicht viel schlechter wäre, oder noch wahrscheinlicher, gar nicht, jedenfalls nicht heute, und ich müsste mindestens drei Tage in der selben Unterhose herumlaufen. Wir werden sehen. Trotz allem werde ich an Bord freundlich begrüßt, kurz bevor hinter mir jemand „Boarding complete“ trompetet und die Tür zuschmeißt. Mit Mühe zwänge ich mich fast durch den ganzen Flieger, und quetsche mich auf meinen Platz. zum Glück sitzen links und rechts zwei sehr schlanke junge Männer, und sogar der Tisch für die Mahlzeiten passt an meinem Bauch vorbei. So etwas ist leider selten in der Holzklasse. 

Die Maschine, eine Boeing 777 (das größte zweistrahlige Flugzeug der Welt) fliegt pünktlich ab, und der Captain stellt in Aussicht, dass wir 30 Minuten vor Plan landen werden. Schön, je eher wir da sind desto besser, obwohl so unbequem wie befürchtet ist es gar nicht. Überhaupt ist nichts so wie befürchtet, denn eigentlich kann sich die UA vor schlechten Kritiken im Internet kaum retten, und ich graule mich schon seit Wochen vor dem Flug. Die Maschine hebt absolut sanft und leichtfüßig ab, die Kabine ist frisch und sauber, es gibt Durchsagen auch in (verständlichem) Deutsch, auch das Essen schmeckt, es gibt sogar Alkohol und kostenlose Kopfhörer zum Filme gucken (was nicht in Zusammenhang steht). Jeder hat einen Bildschirm auf dem er machen kann was er will, jeder Platz verfügt über einen USB-Port und eine Steckdose für Strom, und gegen Geld kann man WLan haben. Die Kabinencrew ist zwar recht alt für den Job (alle zwischen 40 und 60, kein Witz, eine davon sogar deutsche Muttersprachlerin), aber super drauf, fix, kompetent, superfreundlich. Als wir pünktlich in Newark landen, will man gar nicht glauben, wie schnell die gut acht Stunden vergangen sind. 

Aber wir sind ja noch nicht auf dem Schiff, und wie es weiter geht, erzähle ich Euch das nächste Mal. 

Mittwoch, 7. September 2022

Einführung - alle guten Kreuzfahrten sind drei


Hallo, liebe Freunde!


 Euer Captain Spareribs ist wieder auf großer Fahrt, wenn auch etwas kurzfristig. Und auch wenn einige von Euch die Geschichte schon kennen, fange ich mal von vorne an:

Ursprünglich wollte ich Mitte Mai zu einer Reise aufbrechen, die „Frühlingserwachen im Schwarzen Meer“ hieß, und zwar mit dem „Mumienschiff“ Artania. Nachdem man die Reise aus politischen Gründen zu einem ziemlich drögen „Frühlingserwachen im westlichen Mittelmeer“ umwidmen musste, hatte ich sie, wiederum mit der Artania, gegen eine recht interessante Reise ins östliche Mittelmeer zum Jahresende umgetauscht.  

Als ich dann im Juni von Lanzarote zurück kam, musste ich feststellen, dass PHOENIX-Reisen, zu denen die Artania gehört, als einziges Kreuzfahrtunternehmen die Maskenpflicht nicht lockern wollte. Zudem hatten sie in sämtlichen Bars die Hocker entfernt, und man durfte nur noch an den Tischen sitzen. Das ist jetzt für einen Alleinreisenden aus verschiedenen Gründen wenig reizvoll, und so hatte ich mich, wenn auch ungern, kostenpflichtig von dieser Reise getrennt. Thema Kreuzfahrt für 2022 erledigt. Eigentlich. Bis ich auf ein Sonderangebot von TUI Cruises aufmerksam wurde: „Neuengland mit Kanada, Balkonkabine auf der Mein Schiff 1, mit Flug, all inclusive, Singlezuschlag nur 30%, Gesamtpreis 2.250€. 1. Termin: 8.-22. September, 2. Termin 22. September bis 3.Oktober. Merkwürdig zwar, dass man zwei verschieden lange Reisen zum gleichen Preis anbietet, aber noch merkwürdiger war: Man konnte sich die Reise nicht aussuchen, sondern musste die nehmen, die man kriegt. Deswegen konnte man auf der Homepage von TUI-Cruises auch keine Reise buchen, sondern nur verbindlich anfragen", was bedeutet, dass man die Reise, wenn es freie Plätze gibt, dann direkt an der Backe hat, aber nicht weiß welche. Hatte ich mich frühmorgens noch gefragt, wer sich auf so etwas einläßt, habe ich es abends gewusst: ICH!

Tatsächlich hatte ich das Glück, die längere Reise zu ergattern, und dann hieß es: Vorbereitungen treffen., behördliche nämlich, und das war nicht ohne:

Die Amerikaner sind geizig mit ihrem Land. Sie lassen nicht jeden herein, und wenn, dann legen sie viel Wert darauf, dass er sauber und anständig ist, und vor allem rechtzeitig wieder geht. Dazu braucht es zunächst einen Reisepass. OK, kleine Fische für einen Captain. Danach irgendein Visum. Die einfachste Form davon heißt ESTA und ist eine elektronische Reiseerlaubnis. Die kriegt man, wenn überhaupt, indem man einen kleinen Online-Fragebogen ausfüllt. Neben den üblichen persönlichen Daten wird man auch nach ansteckenden Krankheiten, Vorstrafen, Drogenerfahrungen und Reisen nach Syrien gefragt. Wenn man nirgends „ja“ angekreuzt hat, und das die Wahrheit war, und man 25$ per Paypal bezahlt hat, bekommt man nach wenigen Stunden seine ESTA. Wenn nicht, wird es schwieriger. Man braucht die ESTA auch nicht auszudrucken, sie ist elektronisch an den Reisepass gekoppelt, sagen die Amerikaner. Allerdings nicht alle, doch davon später. Dann braucht es zwei bis drei Coronaimpfungen, was sich immer mal ändert, und dann geht es weiter mit Kanada. Legal aus den USA kommend braucht es zwar kein Visum, aber man muss eine Gesundheitsapp auf das Smartphone laden und sich damit registrieren. Wichtig: Man darf das nicht mehr als sieben Tage vor Anreise machen, aber auf jeden Fall bevor man an Bord geht. Und wenn man da durchfällt, darf man nicht nach Kanada. Zwischendrin haben die USA sämtliche Covid-Einschränkungen abgeschafft und verlangen auf diesem Gebiet gar nichts mehr. Dafür will TUI Cruises, dass man die ESTA und das kanadische Gesundheitsdings ausgedruckt mit sich führt. Zudem will man zwei Covid-Tests kurz vor der Abfahrt, einen davon darf man selber machen, für den anderen ist ein Prüfzentrum notwendig.  Die Ergebnisse sind mitzubringen, schriftlich oder elektronisch, was Fragezeichen aufwirft, denn der erste Test wirft keine schriftlichen Ergebnisse ab. Ich behelfe mir mit einem Foto. Richtige Reiseunterlagen gibt es auch nicht mehr. Nur eine Email mit etlichen Anhängen: Bahnkarte hin und her, E-Ticket für die Flüge (was ist „E“ an einem Ticket was gedruckt werden muss?), Transfervoucher zum Schiff, Schiffsvoucher, Transfervoucher vom Schiff weg, Kofferanhänger zum Selbstausdrucken mit ausführlicher Origami-Anleitung und außerdem einen Boarding-Pass, ohne den man keinesfalls  auf das Schiff darf. Keinesfalls! Darüberhinaus sind im Schiffsmanifest neben den üblichen persönlichen und wenn man will Zahlungsdaten nun auch noch Fragen zur Gesundheit zu beantworten, zwei Seiten, das erste Mal eine Woche vor Reiseantritt, das zweite Mal kurz zuvor. Wäre ja alles nicht so schwierig, wenn die entsprechende Internetseite nicht ständig die Arbeit verweigern würde. Aber auch das habe ich hinter mich gebracht (man muss es nur nachts versuchen), ebenso die beiden negativen Coronatests, und so kann morgen früh die Reise ruhig und entspannt beginnen.





Das Allerletzte

Montag morgen, 9.30 Uhr. Ich genieße das wirklich sehr gute Frühstücksbuffet (das es gut ist, sollte man für 18€ auch erwarten). Eine halbe ...