Montag, 10. Februar 2020

Das Azorentief


Über Nacht hat sich das Wetter gewandelt, die Insel auch, und letztlich die Pläne. Was ist das wieder für ein blöder Satz. Natürlich hat sich die Insel nicht gewandelt, sondern wir sind weiter gefahren, nämlich nach Ponta Delgada, was auf der Insel São Miguel liegt. Die ganze Insel glänzt wie frisch gewaschen, und das ist sie letztlich auch, denn auch wenn es hier wärmer ist als in Irland, das mit dem Regen haben sie richtig drauf. Damit ist auch die für heute angesetzte Tour mit dem Big Truck quer durch unbefestigtes Gelände, bergauf und bergab, über Stock und Stein, storniert da zu gefährlich. Schade, aber ein Tag Urlaub an Bord ist auch nicht zu verachten. Da kommt man mal zum Ausruhen, in der Sonne sitzen, lesen, shoppen - nein, das mit der Sonne ginge nur im Solarium, und das bordeigene Einkaufszentrum hat nur geöffnet, wenn wir auf See sind. Geht in Ordnung, ein Schaufensterbummel ist ohnehin billiger, wenn geschlossen ist. 
Nach dem Mittagessen und dem Tagescocktail plane ich einen Mittagsschlaf. Als ich in die Kabine komme, sitzt da das größte Handtuchtier, das ich je sehen habe. Oder besser, liegt. Es ist auch kein normales Handtuchtier, so wie diese hier:



Anscheinend verfügt mein Steward über überflüssige Energie, denn er hat eine ganze Bettdecke für seine Kreation benutzt:



Dafür geht die Balkontür nicht mehr auf. Ich sage an der Rezeption Bescheid, und schon nach wenigen Minuten kommen der Steward und seine Chefin. Sie kriegen die Balkontür auch nicht auf. Die Hausdame telefoniert mit irgendwem in einer mir unbekannten Sprache und erklärt dann in einer mir bekannten, nämlich meiner Sprache, die Tür würde repariert, ich müsste dazu aber nicht in der Kabine bleiben. Das hatte ich auch nicht vor gehabt, zumal die Sonne heftig herein scheint. Aber noch bevor ich gehen kann, klopft es an der Tür. Davor steht ein blonder, sehr kurzhaariger 2-m Hühne, und trüge er statt dem schwarzen Overall und dem dunkelblauen Werkzeugkasten einen schwarzen Anzug mit Aktenköfferchen - optisch wäre Moskau-Inkasso perfekt. Sogar eine Sonnenbrille hat er auf. Sein Begrüßungslächeln ähnelt dem eines Haifischs, aber jetzt muss ich mal aufhören mit dem Horrorszenario, denn schließlich ist der Mann gekommen, um meine Balkontür zu reparieren, und das sehr schnell.

Er macht sich an die Arbeit und kriegt die Tür auch nicht auf, also, zunächst. Als er sich mit dem ganzen Gewicht seines muskelbepackten Körpers mit Linkstendenz an den Türgriff hängt, gibt die renitente Schiebetür auf und öffnet sich quietschend. Während der große Mann die Schienen reinigt und irgendein stinkendes Schmiermittel verarbeitet, erklärt er mir, dass die Türen wegen der Seeluft öfter gewartet werden müssen. Nehme ich zumindest an, denn wirklich verstehen kann ich ihn nicht.



Später Abend, es war wieder anstrengend gewesen in der TUI-Bar, und die Freude auf eine erholsame Nacht in frischer Luft ist ganz meinerseits. Ich betrete meine Kabine, schließe ab, marschiere zu Balkontür, ziehe locker am Griff und - nichts geschieht. Auch zwei heftigere Versuche werden nur mit Knacksen und Quietschen beantwortet. Wie war der große Mann heute Nachmittag gleich noch mal vorgegangen? Ach ja, er hatte sich mit dem ganzen Gewicht seines muskelbepackten Körpers an den Türgriff gehängt. Muskelbepackt bin ich zwar nicht, aber ganzes Gewicht kann ich auch. Schon nach dem zweiten Versuch gibt die Tür nach und gleitet unter der Erzeugung von ungesunden Geräuschen widerwillig auf. Ich betrete den Balkon, genieße die Seeluft und heute keine Küchendünste, höre das plätschern des langsam fahrenden Schiffes, und die Nachbarn? Bei denen brennt gedämpftes Licht. Obwohl sonst nicht meine Art, peile ich mal vorsichtig um die Ecke, ganz vorsichtig. Da stehen doch tatsächlich meine Nachbarn an der Reling, eng umschlungen, nein, nicht so, sondern wirklich liebevoll aneinander gekuschelt, nur sehr nachlässig die Bademäntel übergeworfen, und ganz still. Es ist erstaunlich, was guter Sex manchmal bewirken kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das Allerletzte

Montag morgen, 9.30 Uhr. Ich genieße das wirklich sehr gute Frühstücksbuffet (das es gut ist, sollte man für 18€ auch erwarten). Eine halbe ...