Heute früh kann ich meinen ersten Espresso wieder einmal mit einer besonders weiten Aussicht genießen, denn wir fahren noch. Die Aussicht habe ich mir auch mühevoll verdient, denn die Balkontür wollte mal wieder nicht aufgehen. Aber wenn man sich mit all seinem Gewicht ins Zeug legt, und tunlich nicht los lässt, geht es schon einigermaßen.
Wir haben einen Zwittertag. Das ist ein Tag, bei dem man nicht so recht weiß, ob es sich um einen Landtag (also, einen Tag, wo wir im Hafen liegen) oder einen Seetag handelt. Für mich wäre es ein Seetag, denn unser Weg von La Palma nach Lanzarote führt uns erst heute Abend gegen 19:00 Uhr zum Ziel. Laut Tagesprogramm dagegen sind wir heute auf Lanzarote, von Seetag steht da nichts (trotz korrekter Ankunftszeit). Warum ich das so breit knete: Massagen (und auch sonstige SPA-Behandlungen) wären an Hafentagen günstiger. Aber da lassen sie nicht mit sich reden: Wenn das Schiff fährt, ist Seetag.
Zurück zum kneten. Alexander, ein großer blonder Mann vom Typ Moskau Inkasso, der auch noch einen harten osteuropäischen slang spricht, nimmt mich mit, ob ich will oder nicht. Während er meinen Rücken durchknetet, und vor keinem Knoten scheut, fühle ich mich sehr mit einem Hefeteig verbunden und würde gerne gehen. Aber da muss ich jetzt durch. Seinen Versuchen, mir die Arme und Beine auszureißen, widerstehe ich noch heldenhaft, aber als er sich über meinen Nacken her macht, der mit Schmerzen und lautem Knacken reagiert, ziehe ich die Bremse. Es scheint es nicht zu verstehen, aber er reagiert und bringt mich in die Entspannungsstellung. Offenbar ist gottseidank die Zeit abgelaufen. Als ich mich mit knackenden Gelenken mühsam von der Massageliege wälze, schwöre ich mir: das war jetzt definitiv das letzte Mal, dass mich ein Mann massiert hat! Ich fühle mich wie ein weichgeklopftes Filet. Was mich zum nächsten Thema bringt: Essen!!!
Das ist ja auf Schiffen immer so eine Geschichte. AIDA punktet zum Beispiel durch sensationelle Buffets, die Amerikaner durch teure aber hervorragende Bezahlrestaurants, Phoenix durch gut gekochtes und schlecht gewürztes Altersheimessen, TUI Cruises durch viel Abwechslung, und speziell die Mein Schiff Herz dadurch, dass Johann Lafer seine Finger im Spiel hatte. Dadurch hat der Gast nun die Möglichkeit, nur im Hauptrestaurant „Atlantik“, in Bedienung, und weltweit nur auf diesem Schiff, abends ein täglich wechselndes 5-Gänge-Menue zu wählen zwischen einem Menue von Johann Lafer, einem klassischen Menue vom TUI-C Küchenchef, einem veganen Menue und einem „Schätze“-Menue, was immer gleich bleibt und was dafür gedacht ist, einzelne Gänge da einzufügen, wo die anderen vielleicht nicht so reizvoll sind. Beispiel: Ich finde das Lafer-Menue toll, aber nicht das Hauptgericht, dann nehme ich das klassische Hauptgericht, oder das vegane, oder eins der beiden (Schweinenackensteak oder Lachsfilet) aus den Schätzen. Also einfach ausgedrückt: alles ist frei kombinierbar. (Mittags haben wir ein ähnliches System, allerdings nur drei Gänge von Lafer und vier von allen anderen). Klingt nach Luxus pur, nur leider - sie kriegen es nicht hin, jedenfalls häufig. Bevor ich los rotze, eine Entschuldigung: Johann Lafer gilt als der König der Nachtische, womit vielleicht auch die hiesigen Köche alles wieder raus reißen können. Aber dazu kann ich nichts sagen, weil ich keinen Nachtisch esse, zumindest keinen so richtigen. Mein Nachtisch hieß immer: „Frische Früchte“, „Käseauswahl“ oder „Gar nix“. Besonders das letztere war immer sehr schmackhaft, und wurde gern durch den Cocktail des Tage ergänzt. Aber jetzt zur Sache: Johann Lafer ist natürlich nicht selbst an Bord, nur seine teuren Kochbücher. Aber alle 19(!) Menues, die es hier an Bord von ihm gibt, sind natürlich selbst kreiert und mit den hiesigen Küchenchefs abgestimmt sowie an die Produktionsmöglichkeiten der Großküche angepasst. Was Lafer sicher nicht wollte, sind klare Suppen, die schmecken wie bei Muttern. (Meiner). Wer den Gag noch nicht kennt: das ist ein Synonym für „völlig ungewürzt“. Ich habe das mehrfach erlebt. „Like dishes water“ haben die philipinischen Kellner bestätigt. Was die Köche ebenfalls sehr gut konnten, war Fische tot braten, Sauerkraut so sauer würzen, dass es nicht mehr essbar war, und statt einem Rinderfilet ein schrecklich durchwachsenes Steak zu braten. Sie haben es sogar fertig gebracht, ein T-Bone-Steak einerseits des Mittelknochens extrem lecker, andererseits ungenießbar zäh zu braten. Das Maximum an Ignoranz war aber der letzte Abend, ich muss ihn mal vor ziehen, wo es als Lafer-Hauptgericht Hummer geben sollte. Gab es auch, aber das Ding war nicht mehr als ein vertrockneter großer Maikäfer, und keiner von denen, die ihn hatten, sah glücklich aus. Aber da ich darauf stehe, dass Geschichten ein happy end haben, nach all dem Mist noch ein positives Beispiel: Es gab einmal eine Lafer-Suppe von zweierlei Petersilienwurzel: weiß und grün. Die sah nicht nur toll aus, die hat nicht nur gut, sondern sensationell geschmeckt, jeder Löffel anders, je nach Anteil von weiß und grün. So oder ähnlich habe ich mir Spitzenküche immer vorgestellt. Wie schön, dass es das, wenn man schon mit so einem großen Namen wirbt, wenigstens einmal gab.

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