Sonntag, 9. Februar 2020

Das Azorenhoch


Nach zwei Tagen gemütlicher Schaukelei ist er erreicht: unser erster Hafen. Er heißt Praia da Vitória und liegt auf der Azoreninsel Terceiro. Die Inselgruppe liegt etwas abgelegen in einem relativ wilden Teil des Atlantik: zieht man von Lisabon eine Linie genau in westlicher Richtung bis Amerika und macht nach dem ersten Drittel einen Punkt, dann hat man die Azoren erreicht, den meisten Menschen nur aus der Wettervorhersage bekannt. Mir bisher auch, das heißt - stimmt nicht ganz, doch davon später. 
Was sollte man auf den Azoren als erstes tun? Ganz klar - zum Friseur gehen. OK, Späßle, aber ich mache es, weil der von mir gewünschte Landausflug vormittags schon ausgebucht war und für mich erst nachmittags stattfindet. Er heißt: Rundfahrt mit beeindruckenden Aussichten. Beeindruckend beginnt der Ausflug auch, oder besser beeindrückend. Mit drei Bussen geht es los, die - zugegeben - etwas geräumiger sein könnten. Aber ein bißchen übertrieben finde ich es schon, als sich ein Mann jenseits der 200kg beschwert, dass in diesem Bus keine normalen Menschen sitzen können.
Die Fahrt geht über Stock und Stein, aufwärts und abwärts. Wir fahren durch enge Tore, durch die unser Bus eigentlich gar nicht durch passt, und über verstopfte Kreuzungen. John, unser englischsprachiger Reiseleiter, managt alles: entweder mit wildem winken durch die Frontscheibe hindurch, als Copilot des Busfahrers durch den virtuosen Umgang mit Sonnenblende und klappbaren Außenspiegeln, und als Verkehrspolizist, indem er sich todesmutig mitten ins Verkehrsgetümmel wirft, um die ganzen kleinen Touri-Mietwagen zu verscheuchen, damit die Busse irgendwie weiter kommen. Er organisiert einen nicht geplanten Toilettenstop, und einen weiteren bei einem Souvenirgeschäft. Nur eine Situation überfordert ihn total: als sich nach dem ersten Fotostop ein paar Touris im Bus umsetzen - absichtlich oder nicht - und es Diskussionen gibt (wie kann man auch nur, es sind lauter Deutsche im Bus!), die (ohne Scheiß) fast in Handgreiflichkeiten ausarten, da ist John vollkommen überfordert. Zum Glück haben wir für den Job als Friedensengel (und eigentlich als Übersetzerin) die Ausflugsbetreuerin Linda bei uns, ein blonder Charmebolzen von der Waterkant. Sie findet mit strahlendem Lächeln die richtigen Worte, und alles ist wieder gut. Nach mehreren Jahren Erfahrung bei der AIDA-Kinderbetreuung ist sie wahrscheinlich noch schlimmeres gewöhnt…
John erklärt, dass sein Land - die Azoren - schlichtweg das Paradies ist, alles friedlich, alles grün, jeder Einwohner hätte zwei Kühe (vierbeinige), und die einzelnen Felder sind durch Steinmauern voneinander getrennt. Auch wenn die Azoren vulkanisch entstanden sind - hier ist es so grün und lieblich wie in Irland. Nur deutlich wärmer.
Ich komme auf den Anfang zurück, wo ich erwähnt habe, dass ich die Azoren nicht nur vom Wetterbericht kannte, sondern auch vom Hörensagen. Vor vielen Jahren hatte mir der Freund eines Freundes erzählt, dass er ein Haus auf den Azoren gekauft hat. Und dann noch eins, zum vermieten. Als er im Rentenalter war, ist er sogar ausgewandert (was ja innerhalb der EU, die Azoren sind portugiesisch) kein Problem ist. Ich habe mich immer gefragt, warum ausgerechnet hierher. Seit heute weiß ich es: er war ein großer Irland-Fan, aber immer verfroren.
Spät am Abend öffne ich meine Balkontür, was mir nur unter heftiger Gewaltanwendung gelingt. Ich genieße den Fahrtwind, den Küchenduft, das Meeresrauschen, und - nein, die Nachbarn haben sich schon wieder in den Haaren. Diesmal ist die Frau die Aggresive, die kann auch ganz schön Gas geben! Vor meinem geistigen Auge sehe ich ihn mit gefalteten Händen auf Knien herumrutschen, so lahm klingt seine Verteidigung. Hier könnten wir die Linda gut brauchen, da wäre gleich Ruhe. Tatsächlich wird es immer heftiger, gelegentlich knallt es sogar, was aber nach Schlägen auf die Tischplatte klingt. Das Geschrei wird immer wilder, so dass ich ernsthaft erwäge, die Security zu rufen. Doch dann kehrt Ruhe ein, nur gedämpftes Murmel dringt noch aus dem Zimmer. Schade, dass man sich seine Nachbarn nicht aussuchen kann. 

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