Sonntag morgen, 7:00 Uhr. Die Ankerkette weckt mich, wenn auch nicht persönlich, denn das könnte weh tun. Da ich aber recht weit vorne wohne, gleich hinter dem zweiten Rettungsboot links, hört man das Rumpeln laut und deutlich, als sie mit ihrem Kumpel, dem Anker, nach unten verschwindet. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir das Dörfchen Porto Novo auf der Insel Santo Antão, dem westlichsten Punkt unserer Reise. Auf den Bau des Hafens warten wir aber noch, darum haben wir geankert und mal probeweise einen Tender los geschickt. Der hat auch angesichts des Wellengangs viel Spaß beim Fahren. Nur ein- und aussteigen wird wahrscheinlich etwas unkomfortabel werden, denke ich.
Etwas später, fast alles sitzt beim Frühstück. Der Kreuzfahrtdirektor versucht mal wieder mit Engelszungen, möglichst viele Gäste mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit davon abzuhalten, sich tendern zu lassen. Würden die Gäste darauf hören, kämen wir locker mit einem einzigen Tenderboot aus, eigentlich mit einem halben. Oder anders ausgedrückt, alle könnten vernünftig sitze. Es ist nämlich so: in einem Tenderboot haben wir vier Sitzreihen, nämlich jeweils zwei entlang den Bordwänden mit Blickrichtung zur Mitte (wie ganz früher, in den alten Straßenbahnen), und eine doppelte in der Mitte, mit Blickrichtung nach außen. Und diese mittleren Bänke sind gleichzeitig Schränke für Notvorräte, weil die Tender ja auch als Rettungsboote arbeiten würden, wenn sie müssten. So weit, so gut, aber diese Schrank-Bänke sind etwas hoch geraten, so hoch, dass kaum jemand unter 1,90m die Füße auf den Boden kriegt. Man sitzt also mit baumelnden Beinen da und hat nichts zum fest halten als den Sitznachbarn, den man bei heftigen Bootsbewegungen gleich mit von der Bank zieht. Und den nächsten. Und den nächsten. Aber ich schweife ab. Beherzt, mit viel Schwung und gutem timing werden die Mumien so sanft wie möglich vom schiffseigenen Anleger in den Tender geschoben, wenn der Eingang gerade mal wieder vorbei kommt, beim nächsten Mal die Gehhilfe, und beim dritten Mal der häufig auch schon etwas brüchige Begleiter. Dann neigt sich der Tender, schüttelt seine Passagiere von rechts nach links, und weiter geht es. Während diesem Vorgang klopft der Tender immer wieder höflich an der Bordwand der Artania an, was einen schauerlichen tiefen Glockenton erzeugt, gelegentlich untermalt von den spitzen Schreien der mitschaukelnden alten Damen. Aber dann fährt das Bötchen los und hoppelt fröhlich nach Porto Novo. Warum auch immer, denn heute ist Sonntag, und nichts hat auf, außer der Kirche. Die eher sehr armen Einwohner der Kapverden haben allgemein nämlich noch nicht verstanden, dass: Kreuzfahrtschiff kommt = möglicherweise mehr Geld in der Tasche bedeutet. Wenn ich aber nichts verkaufe, dann gibt es kein Geld, und frustrierte Touristen, die daraufhin nicht mehr so gerne vorbei kommen, und das auch weiter erzählen. Als alle wieder zurück wollen, hat der Wind aufgefrischt, was höhere Wellen zur Folge hat. Aussteigen geht gerade nicht, und der eine oder andere Tender muss auf halbem Weg umdrehen, die Fahrgäste vorübergehend auf der Insel parken und abwarten.
Schließlich, mit fast zwei Stunden Verspätung, sind alle wieder wohlbehalten an Bord, auch wenn der eine oder andere sich nicht gerade auf das nächste tendern freut.
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