Sonntag morgen, kalt ist es, und der Blick aus dem Fenster zeigt mir so gar nichts vertrautes. Kein Wunder, denn die Artania hat nicht - wie ursprünglich geplant - in Hamburg fest gemacht, sondern in Bremerhaven, wo sie in die Werft muss, und wo ich noch nie war, also in Bremerhaven. Das hatte man kurz vor meiner Abfahrt bekannt gegeben und damit die flugaversen Kunden auf hoher See erwischt, besonders diejenigen, die ihr Auto in Hamburg geparkt haben. Natürlich werden in Bremerhaven genug Busse bereit stehen, um alle, die hin müssen, nach Hamburg zu transportieren, aber 180km kosten Zeit, die man lieber für den Heimweg genutzt hätte.
Bahnreisenden wie mir hat man dann einfach das Zugticket umgetauscht, einen Busshuttle zum Bahnhof organisiert, und alles ist fein. Der erste Teil der Reise geht in einem Interregio bis Hannover und ist recht unterhaltsam, weil fast die gesamte Künstlertruppe vom Schiff mit fährt und die Stimmung entsprechend gut ist. In Hannover endet der Zug, und nach einer Stunde soll ein ICE nach Nürnberg weiter fahren. Da überall Massen von Leuten sich in die einzelnen Züge drängeln, versuche ich für meinen noch schnell, per handy einen Sitzplatz zu reservieren. Funktioniert natürlich nicht. War mir klar. Warum, war mir aber nicht klar.
Zehn Minuten vor der Zeit kommt der Zug, in dem es erstaunlich viele freie Plätze und eine sehr gut gelaunte Zugchefin gibt, die erklärt, dass es sich um einen Ersatzzug handelt, dessen Wagennummern nicht mit dem ursprünglichen überein stimmen, und sie deshalb alle Reservierungen gelöscht hat. Wäre aber nicht schlimm, denn dieser Zug hätte zwei Wagen mehr als ursprünglich geplant. Dennoch, und darauf macht sie an jedem neuen Bahnhof nachdrücklich und völlig zurecht aufmerksam, würden Taschen und Rucksäcke keinen Sitzplatz benötigen. Tatsächlich halten sich die Fahrgäste ausnahmsweise einmal daran, und Neueinsteigern werden sogar aktiv Sitzplätze angeboten.
Nach ein paar Stunden rollt der Zug in Nürnberg ein. Ich schiebe meinen Koffer durch den Mittelgang, wo ein runder etwas breiter Trolley der einer runden etwas breiten Dame um die fünfzig gehört, im Weg steht. Leider ist mein Koffer zu schwer zum drüber heben, und die Überfahrt der Nürnberger Gleisharfe zu ruckelig, um so etwas zu versuchen, und so zieht und zerrt sie ihren Koffer immer tiefer in den Fußraum ihres Sitzes, mit Mühe, rhythmisch keuchend, und als ich mich mühsam durchquetschen kann, ruft sie mir zu: "Sie haben - keuch - aber auch - keuch - 'nen Großen!"
Dem möchte ich nichts mehr hinzu fügen.
Euer
Captain Spareribs
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