Es erfolgt ein zeitlicher Rücksprung. Das machen wir Filmleute gerne, wenn es der Dramaturgie dient.
Also: Es ist immer noch der 14. November, um die Mittagszeit. Das letzte Viertel der Biskaya liegt vor uns, die grobe See hat sich wider Erwarten in sehr grobe verwandelt, womit nicht gemeint ist, dass die Wellen unhöflich geworden sind. Etwas wütend fühlen sie sich aber schon an, obwohl der Sturm tatsächlich leicht nachgelassen hat. Das mittägliche Restaurant ist nicht allzu gut besucht, vielleicht, weil man bei dem Seegang den Eingang kaum trifft. Vor dem Hinsetzen sollte man ganz genau nachsehen, ob der Stuhl auch dort steht, wo man ihn gerade noch gesehen hat. Die armen Kellner bewegen sich wie Freddie Frinton gegen Ende von Dinner for one, was kein Wunder ist, da sich die Bodenneigung alle 2-4 Sekunden massiv ändert. Das Schiff schaukelt fröhlich über seine Längsachse, (das nennt man rollen), mal nach Backbord, mal nach Steuerbord, und je nachdem sieht man dann durch die riesigen Fenster des Restaurants nur Wasser oder nur Himmel. Ich sitze auf dieser Achse und bewege mich sozusagen wie im Schaukelstuhl.
Trotz der Turbulenzen gelingt es dem food-Kellner alles unfallfrei zu servieren, zum Glück auch die heiße Suppe. Der Getränke-Steward ist nur halb so glücklich. Als er mir von links den Wein nachgießt, beginnt das Schiff zu stampfen (das ist die Bewegung zwischen Bug und Heck, ähnlich wie ein Kopfnicken). Das kam unerwartet. Schnell zieht der Kellner die Weinkaraffe hoch, aber zu spät: eine perfekt gerade Tropfenspur zieht sich über die Tischdecke und endet in ein paar malerischen Flecken an der tapezierten Wand. Das gute daran ist, dass ich in diesem Jahr auf Weißwein umgestiegen bin.
Spät am Nachmittag, ich genieße gerade meinen Mittagsschlaf, raschelt es im Briefkasten: Das Tagesprogramm wird gebracht. Und wie ich erst später erfahre, hat gleichzeitig jeder Gast auch eine Urkunde bekommen für die unbeschadete Biskaya-Überquerung bei Wind und Wellen. Etwas früh vielleicht, denn genau in diesem Moment trifft eine Riesenwelle auf das Schiff, und gleich noch eine, es kommt zu wirklich kräftigen und wilden Schiffsbewegungen. Davon wache ich auf, und eigentlich wäre es Zeit für das Abendessen. Doch als ich mir den heutigen Menueplan (nicht etwa das Menue) durch den Kopf gehen lasse, beschließe ich, dass es sich nicht lohnt, dafür die Kabine zu verlassen.
Kurz vor Mitternacht weckt mich ein riesiger englischer Hubschrauber. Da geht es wohl jemandem sehr, sehr schlecht, fürchte ich, denn eine Übergabe an den Hubschrauber per Rettungswinde ist nie einfach. Normalerweise stoppt man dazu das Schiff und dreht es aus dem Wind. Bei dem Wetter heute würde es sich dann allerdings noch viel mehr bewegen. Deswegen fahren wir weiter mit immerhin guten 12 Knoten, und der Helipilot sowie das Rettunspersonal müssen sich halt anpassen. Aber die Engländer haben solche Sachen echt gut drauf, und nach einer halben Stunde ist der Fall erledigt. Es bleibt leider nicht bei dem einen heute Nacht.
Der nächste Morgen, 7:30, wir sind zurück im hier und jetzt. Das Meer hat sich wieder etwas eingekriegt, und so steht dem Spaziergang zum Frühstück nichts entgegen. Sogar überhaupt nichts.
Mein Weg führt mich zunächst zum vorderen Treppenhaus. Seltsam, niemand wartet vor den Aufzügen. Würde auf den zweiten Blick auch keinen Sinn machen, denn die sind alle auf Störung. Während ich auf der Treppe drei Decks tiefer steige, immer schön die Hand am Handlauf, begegnen mir weder Menschen, die beim abwärts gehen den Verkehr aufhalten, noch welche, die sich röchelnd nach oben schleppen, und schon gar keine, die irgendwo desorientiert den Treppenabsatz blockieren, also ganz anders als sonst.
Auch auf dem langen Weg vom Eingang der Showlounge, durch das Kartenspielzimmer, durch die Cassablanca Bar, vorbei an der Bordboutique, dem Kino, Harry's Bar und dem hinteren Treppenhaus begegnet mir keine einzige Mumie. Die können doch nicht alle weg sein? Es ist so still, dass man sogar das schaurig-rostig-gruselige Geräusch der emsig arbeitenden Stabilisatoren hört (ungefähr wie eine riesige Gartentür, die der Wind hin- und herbewegt), nicht im ganzen Schiff, aber doch deutlich weiter als sonst.
Dann habe ich das Restaurant erreicht, und tatsächlich gibt es hier auch ein paar Gäste. Aber viel, viel weniger als sonst.
Im Laufe des Vormittags, inzwischen sitze ich auf meinem Lieblings-Schreibplatz in der Cassablanca-Bar, werden es mehr, und gemeinsam bekommen wir über Lautsprecher vom Captain in seinem lustigen deutsch zu hören, dass die letzte Nacht leider etliche Verletzte gefordert hat, weil der Biskayasturm gemeinsam mit dem plötzlich auftretenden irischen Nordsturm ein paar überraschend hohe Wellen produziert und auf das Schiff geworfen hatte. Leider kann man auf so etwas noch schlechter reagieren, als beim Auto fahren auf eine Oma, die dunkel bekleidet im Winter nachts plötzlich auf die Straße rennt, nämlich gar nicht. Er erklärt es mehr mit nautischen Fachausdrücken, aber ich möchte ja gerne, dass alle verstehen was gemeint ist.
Im Laufe des Vormittags, inzwischen sitze ich auf meinem Lieblings-Schreibplatz in der Cassablanca-Bar, werden es mehr, und gemeinsam bekommen wir über Lautsprecher vom Captain in seinem lustigen deutsch zu hören, dass die letzte Nacht leider etliche Verletzte gefordert hat, weil der Biskayasturm gemeinsam mit dem plötzlich auftretenden irischen Nordsturm ein paar überraschend hohe Wellen produziert und auf das Schiff geworfen hatte. Leider kann man auf so etwas noch schlechter reagieren, als beim Auto fahren auf eine Oma, die dunkel bekleidet im Winter nachts plötzlich auf die Straße rennt, nämlich gar nicht. Er erklärt es mehr mit nautischen Fachausdrücken, aber ich möchte ja gerne, dass alle verstehen was gemeint ist.
Heute rennen auffällig viele schwarz gekleidete Mannschaftsmitglieder in den Treppenhäusern herum. Nein, kein Trauerfall, das sind nur die Maschinisten, die man zur Reparatur der Aufzüge geschickt hat. So ein Schiffsaufzug hat nämlich hochintelligente, sehr sensible Sicherheitseinrichtungen, die auf zu starke Schrägstellung des Schiffs und Verformung der Aufzugsschächte reagieren und dann sofort abschalten. Das haben unsere Aufzüge auch zuverlässig getan, und zwar alle. Wieder einschalten allerdings, das ist deutlich schwieriger und geht nicht von selbst, was auch so gewollt ist. (Ein Schiff besteht aus elastischem Stahl, und es verbiegt und verformt und entbiegt und entformt sich bei seiner Arbeit. Das kann bei einem Sturm auch mal Sicherheitsgrenzen überschreiten, und deswegen ist gerade Treppen steigen angesagt).
Mittags wird dann noch einmal ein Rettungshubschrauber gebraucht, der diesmal aus Frankreich kommt. Sehr motiviert eilen uns die Helfer der dortige Küstenwache zu Hilfe, um dann, als sie schon über uns hängen, fest zu stellen, dass die Rettungswinde kaputt ist. Also fliegen sie wieder heim und holen einen anderen Hubschrauber, der dann noch zwei Mumien mitnimmt. Die restlichen müssen wir jetzt aber behalten.

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