Mittwoch, 3. Juli 2024

Nasse Füße? Nein danke!

 

Seit vier Uhr morgens jagt die Vasco da Gama ein kleines Lotsenboot durch das Kanalsystem vor Amsterdam, erwischt es aber nicht. Soll sie ja auch nicht, denn das Boot vor uns und der dazugehörige Lotse auf der Brücke bringt uns sicher zu einem der seltenen Innenstadt-Liegeplätze in Amsterdam, für die man mittlerweile außer Geld auch noch gute Beziehungen braucht, wegen der Umwelt, denn: wer Autos aus der Stadt verbannt, ist auch not very amused über Kreuzfahrtschiffe, denen man ja immer nachsagt, sie wären Dreckschleudern. Egal, wir sind heute da.

Leider schüttet es wie aus Eimern, und ich traue mich nur vom Schiff, weil wir eine überdachte Fahrgastbrücke benutzen können. Im Hauptgebäude des Cruiseterminals gibt es einen großen Souvenirstand, der fast alles hat was ich will. Und nach den Preisschocks in London ist es hier richtig günstig. Danach - zurück aufs Schiff. Kalt und nass durch Amsterdam schleichen macht nämlich keinen Spaß. Kühl ist es geworden, zum ersten Mal seit Wochen habe ich eine Jacke an. Eine dünne, während die anwesenden Altersheiminsassen dick eingemummelt sind. 

Eine Tischnachbarin liest aus dem Tagesprogramm vor: „heute Abend verabschiedet sich der Captain“. Wie doof denke ich mir, der soll uns doch morgen noch in Bremerhaven abliefern…

Nach zwei Wochen mit diesen Leuten bin ich wohl etwas seltsam geworden, und bekannt. Ok, ich falle vielleicht ein ganz kleines bißchen auf, denn auf diesem Schiff gibt es genau zwei Altersklassen: Die Älteren bis ganz Alten: das sind die Passagiere.

Die Jungen, zumeist in Uniform, manchmal auch nur mit Namensschild: die arbeiten hier.

Ja und ich. Zumindest optisch falle ich auf (heute wurde ich auf vierzig geschätzt, ernst gemeint, und die Dame hatte keinen Sehfehler!), und auch durch meine fast allabendliche Anwesenheit in der Poolbar, wo ich, fast immer am selben Tisch, mit guter Sicht, dadurch aber auch gut sichtbar, meine Geschichten zu Bits und Bytes mache, um sie anschließend ins Internet zu jagen. („zu Papier bringen“, wie man früher sagte, hat irgendwie künstlerischer geklungen, oder?)Ich werde öfter angesprochen, was ich da so mache, und stoße auf reges Interesse bei den Senioren. Manchmal fragt auch ein Kellner ganz verschämt (weil - man soll ja die Kunden nicht belästigen), und nicht selten brechen Passagiere angefangene Gespräche ab mit den Worten „ich will sie ja nicht bei der Arbeit stören.“ Seitdem klappe ich, so ich Lust auf Unterhaltung habe, direkt den Deckel zu. Das hilft. Tatsache ist, ganz viele Leute kennen mich jetzt, und ich werde ständig angesprochen. Da sind so die ganz einfachen, freundlichen Dinge, wie vorhin im Aufzug: „Ich kenne sie. Sie arbeiten immer so fleißig!“ Gut, ich habe den Laptop unterm Arm, das hilft beim Erkennen.

Oder total nette, wie gestern Abend. Ich schleppe mich im Atrium eine Treppe hoch, oben steht eine Frau, lächelt mich an, ausnahmsweise kriege ich es mit und lächle natürlich zurück. „Sie können ja doch lächeln!“ sagt sie ganz erfreut. „Ich beobachte sie nämlich schon seit Tagen“ (auwei, die stalked mich???), „und sie machen immer so ein böses Gesicht!“ Ich erkläre ihr wahrheitsgemäß, dass es sich dabei - jetzt lacht nicht, oder gerne doch - um einen von meiner Mutter geerbten Geburtsfehler handelt: entspannt sich mein Gesicht, zieht es sich in die Länge und sieht automatisch böse aus. Und ich bin hier an Bord eigentlich immer entspannt, aber auch glücklich. Die Erklärung versteht und akzeptiert sie. Wie schön. Aber es kommt besser:

Vor wenigen Tagen betrete ich das Pooldeck, da ruft eine Dame hinter mir: „Über sie haben wir gerade geredet!“ Jetzt redet man schon über mich?? Ich bin entsetzt.. „Sie wüssten das bestimmt!“ ja, was denn? „Da war gerade so ein komisches Schiff, da am Windpark, das ist ganz langsam gefahren, so vor zehn Minuten, da habe ich zu meinem Mann gesagt sie wüssten bestimmt was das für eins ist. Leider ist es weg. Es war rot und hatte einen Hubschrauberlandeplatz, aber auf den Seiten war es so niedrig, und…“ - „Nun lass doch den Herrn auch mal was sagen.“ meldet sich der Ehemann nicht ganz ohne Mühe zu Wort. Mit der einen Hirnhälfte suche ich noch eine angemessene Formulierung für „ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, und ich glaube du auch nicht“ frage ich meine andere Hirnhälfte, weswegen sie auf die Idee kommt, ich hätte tiefer gehende nautische Kenntnisse. Ich habe - da bin ich mir sicher - mit niemandem an Bord über Nautik gesprochen, höchstens mit dem einen oder anderen darüber, dass ich schon auf anderen Schiffen war. Erstaunlich viele der Gäste hier kennen nämlich nur die Vasco da Gama.

wie auch immer - ohne das seltsame Schiff gesehen zu haben, kann ich leider nicht weiter helfen. Mit möglicherweise auch nicht, aber einfacher wäre es schon.

Kleiner Zwischeneinschub zur Begriffsklärung für die nächste (und letzte) derartige Geschichte:

Gestern stehe ich am info-Stand der Bordreiseleitung und warte, dass ich dran komme. Was ihr wissen müsst: im Tagesprogramm steht dann „von zehn bis zwölf Uhr öffnet Katinka den Infostand und beantwortet ihre Fragen.“ Blöde Formulierung. Überhaupt, das Bordprogramm. Würde ich für jeden Rechtschreibfehler einen Euro kriegen, käme ich mit einem Guthaben nachhause. Aber ich schweife ab, daher zurück zum Infostand. Vor mir sitzt ein sehr gebrechlicher Mann, sagte er hätte da eine Frage, reicht der Katinka ein riesiges seniorengerechtes Android-Handy über den Tresen und bittet sie, ihr irgendetwas einzustellen, was er nicht checkt. Das ist jetzt keine von den Fragen, die in ihren Zuständigkeitsbereich fallen. Könnte sie helfen, täte sie es trotzdem, so sind die Leute hier, aber sie gibt Handy zurück mit einem bedauernden „weiß ich leider nicht. Ich bin ein iPhone-Girl“. Der Ausdruck gefällt mir und bleibt deswegen im Gedächtnis. Zurück zu mir:

Ich sitze beim Abendessen, da steht die Dame von Nebentisch auf, eine guterhaltene 78-Jährige, kommt zu mir, grüßt freundlich und sagt: „Sie sind doch so ein Apple-Fan!“. Nun gut, richtig, aber woher weiß sie das schon wieder? Vielleicht gut kombiniert, wegen dem angebissenen Apfel auf meinem Laptop…

„Darf ich sie mal was fragen?“ Klar darf sie, und sie schildert mir ihr Problem: Plötzlich kann sie per WhatsApp keine Bilder mehr zu ihrem Mann schicken, und auch nicht er zu ihr, der hat nämlich bloß so ein Google Pixel, aber eigentlich da klappt alles, und bei ihrem iPhone nicht. In Gedanken formuliere ich den Begriff „iPhone-Granny“, während ich alle mir bekannten Probleme mit ihr durchgehe, leider ohne Erfolg.

Etwas später. Ich sitze wieder auf meinem „Arbeitsplatz“ von dem ich noch erwähnen muss, dass er eine akustische Besonderheit hat: Man hört hier praktisch alles, was auf dem Pooldeck geschieht. Und - wichtig zu wissen, ich habe es ausprobiert - auf dem Pooldeck hört man alles, was an diesem Tisch geschieht.

Ich überlege gerade einen besonders genialen Schluss für ein Kapitel, und da kommt er, in Gestalt des Mannes der iPhone-Granny. Er stellt sich vor mich hin, mit leicht errötetem Gesicht, erhitzt und freudestrahlend, und verkündet lautstark: „Stellen sie sich vor, mit meiner Frau klappt es wieder!“

Ich kann nicht anders, als ihm vollkommen ehrlich gemeint und ebenso laut zu antworten: „Das freut mich aber sehr, dass es mit ihrer Frau wieder klappt!!“





Dienstag, 2. Juli 2024

Ruhetag

Zeebrügge in Belgien, das Wetter ist regnerisch und grau, die Hafenanlagen sind nass und grau und sogar die Möwen sind grau. Nass vermutlich nicht, denn sie fliegen so locker wie immer, manche kommen sogar in Griffnähe an meinem Balkon vorbei. Ich bin noch müde, schleppe mich aber trotzdem ins „Waterfront“-Restaurant um zu frühstücken. Auch hier ist heute irgendwie alles grau, besonders die Haare der Gäste. Leider ist mein Lieblingstisch besetzt, und so gerate ich mitten hinein in drei völlig unterschiedliche Gespräche, alle geführt von unterschiedlich agilen Mumien um die achtzig: Links sitzen zwei Damen, die durch eines der großzügigen Panoramafenster beobachten, wie eine große Fähre mit Container-Fahrzeugen be- und entladen wird und in ihrer Unterhaltung kindliche Begeisterung dafür entwickeln. Rechts erzählt ein Ehepaar - eigentlich nur der Mann - von vergangenen Reisen und auch von zukünftigen, während hinter mir ein körperlich wie geistig gebrechlicher Herr seine noch gebrechlichere Frau lautstark mit politischen Wirtshausparolen zu textet. Das geht ungefähr so:


links: „guck mal, der schiebt aber ein großes Ding rein!“

            „und der andere zieht eins raus. Und so schnell“

            „wohin das Schiff wohl fährt?“


hinten: „nach Polen! Der Kanzler fährt nach Polen!“


rechts: „Österreich! Da machen wir unseren nächsten Urlaub“

            „wie kommt Ihr da hin?“


links: „mit so einem kleinen Ding schiebt er die Kiste rein“

            „Kaum zu glauben!“


rechts: „mit dem Fahrrad! Eine Woche lang“


hinten: „dafür wollen die Polen Reparationszahlungen“


links: „ob das teuer ist?“

            „Bestimmt. Deshalb hat der sogar einen Doppeldecker“

            „Kaum rein, schon wieder raus. Wie schnell der kommt!“


rechts: „das geht natürlich nur mit einem E-Bike.“

             „Wisst Ihr, was am besten wäre?“


hinten, lautstark: „der Kanzler muss weg!“


Ich bin zwar nicht der Kanzler, aber an dieser Stelle verlasse ich das Restaurant. Auch wenn man hier verwöhnt wird - ich freue mich sehr auf Mahlzeiten mit wählbarer, alternativ ohne Geräuschkulisse. 

Leider wird das Wetter nicht besser, nur der Wind stärker, und so muss Belgien ohne meinen Besuch auskommen, auch wenn ich die berühmten belgischen Fritten gerne einmal probiert hätte. Dafür erzähle ich Euch etwas über das Schiff, denn das ist in einer Hinsicht nämlich ganz, ganz modern. Will man bei MeinSchiff oder Phoenix etwas kostenpflichtiges trinken, nennt man seine Kabinennummer, unterschreibt auf Papier und bekommt eine Kopie des Belegs. Bei Phoenix hatten sie früher sogar kleine Mäppchen mit Fächern für die Bordkarte, den Lochkartenschlüssel und auch welche für die vielen, bei Durstigen sogar vielen, vielen Kopien der Belege. Seit einem der letzten Werftaufenthalte gibt es neue Schlösser an den Kabinen, was die Lochkartenschlüssel und gleichzeitig die Mäppchen abgeschafft hat. Die Bordkarte, mit ihrer neuen Zusatzfunktion als Kabinenschlüssel, trägt man nun an einem Halsband (oder in der Hosentasche), und die Belege werfen ohnehin die meisten Leute sofort weg. Aber ich schweife etwas ab.

Möchte man nun wissen, wieviel Kohle schon die Kehle hinunter gelaufen ist, gibt es zwei Informationsmöglichkeiten: den Fernseher in der Kabine, oder die Schiffsapp auf dem Smartphone. Beide geben gerne schnell und korrekt Auskunft.

Hier, auf der Vasco da Gama, sind wir sehr viel moderner. Die Kellner tragen Tablets oder Handys mit sich herum, auf denen man den Empfang seiner Getränke jeweils mit einer krakeligen Ein-Finger-Unterschrift direkt auf dem Display bestätigt. Kennen wir von Amazon, DHL und Kollegen. Keine Zettelwirtschaft, keine Kopien, nichts. Voll modern! Echt toll. Und wenn man das mit der Kohle wissen möchte, gibt es eine Methode, die ist so ultimativ neu, dass ihr davon bestimmt noch nie gehört und es auch nicht für möglich gehalten hättet, dass es so etwas gibt. Ich will es nicht allzu spannend machen, aber es ist so überwältigend, dass man die Methode patentieren sollte. Also, wenn man wirklich den Zwischenstand seiner täglichen Flüssigkeitsaufnahme wissen möchte, braucht man keine App, auch keinen Fernseher, sondern man geht einfach zur Rezeption, stellt sich an, und wenn man endlich dran ist, bittet man höflich um einen Ausdruck auf Papier. Wow!




 

Montag, 1. Juli 2024

Wechselweise

Ich hatte es noch nicht erwähnt, aber heute morgen habe ich schon zum dritten mal in Folge das Bare in meinem Geldbeutel komplett ausgewechselt, diesmal wieder zu Pfund Sterling, denn heute geht es endlich von Dover aus nach London. 

Dem vorausgegangen war ein großes Buhai mit den Reisepässen, die eigentlich schon beim Check-in eingesammelt werden sollten, aber wohl nicht von jedem hergegeben wurden. Bis gestern Abend enthielt jede Durchsage vom KD auch den Zusatz, dass die fehlenden Pässe an der Rezeption abzugeben sind, weil das Schiff in Dover sonst nicht freigegeben werden kann, und alle an Bord bleiben müssen. Und nicht nur die Altersheimbewohner, die mal wieder nicht zugehört haben. Ehe es Euch langweilig wird:  manche Regeln haben sogar Unterhaltungswert. Zum Beispiel letztes Jahr; in der gesamten Karibik, und beim Wiedereintritt in die EU und bei der Wiedereinreise nach Deutschland - und das waren immerhin nicht weniger als zwölf, zumeist außerirdische, pardon, außereuropäische Grenzübertritte und Landgänge, also von den Cayman Islands bis nachhause - hat sich kein Mensch für irgendeinen Pass interessiert, und Landgang war immer mit der Bordkarte möglich, die übrigens kein Lichtbild trägt (das ist nur im Schiffscomputer hinterlegt, und die Kontrolleure beim Betreten des Schiffs können es sehen). Die drei Häfen zuvor allerdings hatten drei verschiedene Vorschriften: nur Bordkarte, Bordkarte mit Führerschein oder Kopie oder Perso, und Bordkarte mit Original-Reisepass. Alle drei Häfen sind nicht nur US-amerikanisch, nein, sie liegen auch noch alle im selben Bundesstaat: Florida!

Auf der jetzigen Reise gab es nach der Einschiffung auch keine Kontrollen mehr, nicht in Portugal, nicht in Spanien, nicht in Frankreich, nicht- wir verlassen die EU - auf Jersey. Aber jetzt möchte der nächste französische Hafen, weil wir ja nicht aus der EU kommen, dass wir zusätzlich ein Ausweispapier oder zumindest die Kopie davon mit uns führen. Machen wir auch, und wisst ihr was? Keinen hat es interessiert. Aber heute, da kommt die große Show, weil die Engländer wollen ganz genau unsere Pässe kontrollieren.  Das hält möglicherweise auf, und ich habe doch einen Ausflug nach London gebucht! 

Wir sind in Dover - habe ich das schon erwähnt? - und zum ersten Mal, obwohl ich schon so oft das war, konnte ich den Anblick der berühmten weißen Felsen genießen. Aber das wollt ihr gar nicht wissen…

Die Passagiere werden in Gruppen aufgeteilt, in zu große, was zu fußkranken Staus im Treppenhaus führt, müssen über eine never ending Gangway ins Terminal laufen, ihren Pass aus einem zwar nach Decks, aber wohl nicht nach Kabinennummern sortierten Karteikasten heraus suchen lassen, und ihn dann den freundlichen englischen Kontrolleuren präsentieren. Aufgrund des Flaschenhalses 1 (Treppenhaus) und des Flaschenhalses 2 (Karteikasten) herrscht an den vielen Kontrollschaltern eher weniger traffic, und ich nehme mir die Zeit, mit den beiden netten jungen Damen, zu denen man mich geschickt hat, etwas ausführlicher zu plaudern. Bis der nächste Passagier kommt, das kann dauern, und es gibt noch etliche weitere Schalter.

Dann geht es zum Bus (einem großen, komfortablen mit nur 24 Passagieren) und schon nach zweieinhalb Stunden stehen wir vor dem London Eye, das ich gerne mal ausprobiert hätte, aber da muss man sich wohl ein halbes Jahr vorher anmelden. Der Andrang ist unfassbar.


Also fahre ich, wie ursprünglich geplant, mit der U-Bahn zum Picadilly Circus, wo sich das hiesige Hard Rock Cafe befindet. Es liegt im Keller, ist richtig groß und im U-Bahn-Design gebaut. Und man kriegt hier nie einen Platz, so hat man mir gesagt. Und jetzt ist Mittagszeit. Egal, ich ändere meine Gewohnheit (erst einkaufe, dann essen) und frage direkt nach einem Platz im Restaurant. Klar, gerne,kein Problem. Treppe runter, der übliche Empfang, schon habe ich einen netten kleinen Zweiertisch für mich.

Während ich esse, passiert, wovor man mich gewarnt hatte: der Laden ist voll, man muss anstehen. 


Was schön ist: sie besetzen nicht jeden Platz, und insbesondere setzen sie nicht Leute zusammen, die nichts miteinander zu tun haben.


Das Essen selbst wird bei meinem Ranking irgendwo im Mittelfeld landen. Positiv zu erwähnen sind die Fritten, die ausnahmsweise mal lange genug im Öl waren.

Als ich die Treppe wieder hoch klettere, ringeln sich zwei hungrige, ungeduldige Reptilien vom Eingang durch den Rockshop (dem größten der Welt) bis zum Empfangstresen des Restaurants. 

Die Klamotten hier sind besonders teuer, nicht nur, weil man pfundweise Geld dafür ausgeben muss. London halt. Zum Glück hatte die Reiseleiterin vorhin im Bus Stadtpläne ausgeteilt, auf deren Rückseite Gutscheine aufgedruckt waren. 15% Rabatt im Rockshop, das bringt des Einkauf wieder auf ein normales Preisniveau.

Ich treibe mich noch eine zeitlang nahe dem Picadilly Circus herum, finde sogar ein paar bezahlbare Souvenirs (London ist echt teuer geworden!) und fahre zurück zum London Eye, dessen Popularität während der letzten Stunden noch deutlich zugenommen zu haben scheint. Oder vielleicht liegt es auch an den gepflegten, kostenlosen Toiletten dort. Als ich nach getaner Tätigkeit die Treppe wieder hoch steige, kommt mir ein Riesenschwall Touristen entgegen, von denen viele den Linksverkehr noch nicht begriffen haben. Aber ich schaffe den Weg zum Bus unfallfrei, und der wiederum seinen Weg unfallfrei nach Dover, wo wir auf dem Schiff einen sehr unglücklichen Küchenchef haben, weil die Energie in der Küche ausgefallen ist, und er die warmen Gerichte nur mit großen Wartezeiten auf den Tisch bekommt. Wie gut, dass ich heute Mittag meine Gewohnheit gewechselt hatte!


Sonntag, 30. Juni 2024

Am Ufer der Seine

Honfleur, trist und melancholisch. Wir liegen wieder in einem kleinen, häßlichen Industriehafen und warten auf den Shuttlebus ins Ortszentrum. Bis der kommt, erzähle ich euch noch von gestern. Erstmal die Show: war leider weit weg von allem, was die Truppe bisher aufgeführt hat (was aber an der Songauswahl und Inszenierung lag). Begeistern konnten nur die Tuchakrobatin und ihr Kollege, der mit einem riesigen Metallreifen auf der Bühne herumgeturnt hat.


Obstteller. Das ist sehr abgestuft: Hat man eine Suite, bekommt man jeden Abend einen (was viel ist, auch für zwei). Hat man eine Innen- oder Außenkabine, bekommt man gar keinen, kann sich aber - wie jeder andere - an der gut sortierten Obsttheke im Buffetrestaurant daran satt essen. Und hat man eine Balkonkabine, so wie ich, bekommt man einen zur Begrüßung. Aber nur dann, steht im Katalog. Begrüßt wird man hier ständig, von dem extrem freundlichen Personal. Egal, ob Putzpersonal, Kabinenstewart, Maler, Matrose, Barkeeper, Kellner, Masseurin, auch der KD, alle grüßen immer sehr freundlich. Gelegentlich kriegen auch die Offiziere die Zähne auseinander, und in ganz seltenen Fällen sogar die Mitpassagiere. Im Laufe der Reise werden es mehr. Oder sagen wir so - zumindest wenn man zuerst grüßt, bekommt man eine freundliche Antwort. Auf der Artania war das nicht immer so, trotz entsprechender Ansage des dortigen KD. Viele vom Personal kennen sogar meinen Namen. Auch wenn sie mich beim Landgang sehen. Das ist manchmal sehr lustig, so wie neulich. Ich laufe so harmlos durch Brest, da steht plötzlich eine kleine Balinesierin vor mir und ruft lautstark: „ey Loy, wo wa’hen du geste’n Abend, hä?“

Wir haben sehr viele kleine südostasiatische Frauen an Bord, und mit Ausnahme meiner Masseurin kann ich sie kaum voneinander unterscheiden. Aber bei dieser komme ich ziemlich schnell drauf: die Getränkekellnerin aus dem Bedienrestaurant "Waterfront" auf Deck 7, da bin ich fast immer, also, während der Mahlzeiten. Ich zeige Richtung Himmel, weil ich auf Deck 8 gegessen hatte, nämlich eine Pasta Spezialität.

„aha, etwa im medite’anischen Lestau’ant!“ stellt sie mit ihrem Kleinmädchencharme (obwohl sie bestimmt schon Ende dreißig ist) leicht entrüstet fest. „Abe’ heute wiede’ bei mi’!“.  Keinen Widerspruch akzeptierend, klopft sie mir auf die Schulter und ist weg. 

Einige zufällig in der Nähe befindliche Mittouristen haben die Szene beobachtet, da bin ich mir sicher. Manchmal möchte ich deren Gedanken lesen können. Aber jetzt kommt der Bus.

Es ist ein erwachsener Bus (nicht wie gestern), und der marokkanische Fahrer sowie die kleine sehr blonde französische Hostess achten darauf, dass beim einsteigen alles in Ordnung geht, besonders, weil wir einige gebrechliche Leute dabei haben. Doch dann entsteht ein Stau, und ein Dutzend Leute steigt wieder aus, mit Mühe auch Gebrechliche, weil niemand darauf geachtet hat, wie viele Leute in den Bus passen. Da haben wir es wieder: die Franzosen brauchen immer zwei, diesmal sind es Busse.

Es ist Sonntag, wir sind in Frankreich, und ich hoffe, es gibt nicht nur geschlossene Läden zu sehen. (wie auf Martinique). Aber hier in Honfleur weiß man, wo das Geld her kommt. Alle haben auf, die wunderschöne alte Stadt an der Seinemündung sprudelt über vor Leben und Geschäftstüchtigkeit, ein einziger bunter Jahrmarkt für die Touristen. Sehr häufig trifft man hier Kreuzfahrer, nicht unsere, sondern solche, die auf der Seine von Paris aus gekommen sind. 


Als ich mich an den vielen normannischen Häusern satt gesehen und von den Essensdüften aus den vielen Restaurants für Fisch und Meeresfrüchten Hunger bekommen habe … ach ja, der Obstteller.

Nach einer Woche steht wieder einer auf meiner Kabine. Vorsichtig sehe ich mich um, ob ich vielleicht einen Mitbewohner bekommen habe, der jetzt damit begrüßt wird. Man weiß ja nie. Die Katalogangaben ändern sich gelegentlich, mal zum guten, und mal weniger. Aber natürlich gibt es keinen Mitbewohner, und ich freue mich über den neuen Obstteller.

 

Samstag, 29. Juni 2024

Omnibus Origami

St. Helier, windstill, die Sonne scheint. Es war eine lange Nacht gewesen, denn hier auf Jersey (und auch davor, wo die Vasco da Gama heute an ihrer Kette hängt) herrscht britische Zeit, und wir haben eine Stunde dazu bekommen.

Es ist sechs Uhr morgens, und die Crew bemüht sich, mit heftigen Quietsch- Knarz- und Rumpelgeräuschen, sowie laut gebrüllten Befehlen (all das entsteht, wenn man die Tenderboote aus ihren Halterungen schwenkt und per Kettenwinde ins Wasser befördert) die Passagiere zu wecken. Nützt aber nichts, denn zumindest ich bin schon wach und genieße den Blick aufs Meer, der nun von den Motorgeräuschen des ersten Tenders untermalt wird. Der  Sound, den er und seine drei Kollegen fabrizieren, entspricht ungefähr dem amerikanischer Musclecars im niedrigen Drehzahlbereich: tief blubbernd und richtig laut. Müsste ich heute nicht auch so ein Boot benutzen, empfände ich das alles als störend. Oder aber mein Schlaf wäre tief genug, gepaart mit geschlossener Balkontür. Da hört man nicht viel, auch wenn man wach ist.

Die Überfahrt vom Schiff zur Insel dauert sage und schreibe 25 Minuten, was für eine Tenderverbindung elend lang ist. Oder elend weit, denn die Teile sind nicht gerade langsam. Und mit dem Elend geht es gleich weiter: Der Omnibus, in den ich einsteigen soll, ist klein und elend eng. 



Er hat rechts immer zwei kleine Sitze und links jeweils einen. Der Knieraum taugt nur für durchschnittliche Vorschulkinder, und an der Stelle, wo die hinteren Radhäuser in den Passagierraum ragen, könnte sich ein normal gewachsener Mensch mit den Knien die Ohren zuhalten. Wer es nicht verstanden hat: mangels Fußraum. Ich denke, das gibt heute Nachmittag oder morgen noch ordentlich Mecker an der Rezeption.

Bei strahlendem Sonnenschein und frühsommerlicher Wärme fahren wir einmal um die Insel, machen Fotostops an Stränden 



und Aussichtspunkten, 



entspannen kurz und müssen uns dann wieder in den kleinen Bus hinein falten. Die Insel Jersey selbst ist, wie alle vier Kanalinseln, mit Großbritannien verbandelt, aber einigermaßen unabhängig. Fachausdruck dafür: autonomer Kronbesitz des Vereinigten Königreiches. Es gibt eigene Gesetze, eine eigene Währung und einen eigenen Gerichtshof. Auch ein Gefängnis mit etlichen noch freien Plätzen haben sie. Eine Besonderheit: wer für länger als drei Jahre in den Bau muss, wird dafür nach England abgeschoben. Jersey war lange Zeit ein beliebter Ort für Geldwäsche.  Sie ist noch immer ein wichtiger Finanzplatz im legalen Bereich, und aufgrund der recht hohen Preise kein so beliebtes Urlaubsziel mehr wie früher, außer bei Millionären. Die Steuern sind sehr niedrig, und um die Staatsbürgerschaft von Jersey zu erwerben, muss man erst einmal zehn Jahre auf der Insel gelebt haben. Oder ordentlich Geld mitbringen, dann geht es schneller. EU-Bürger kann man dadurch übrigens nicht werden, denn die Kanalinseln waren nie EU-Mitglieder, auch nicht vor dem Brexit.

Nachmittags bin ich wieder an Bord, ernähre mich notdürftig von meinem Obstteller 


und besuche dann die abendliche Show, Thema: Rock. Doch davon erzähle ich Euch morgen, vom Obstteller und der Show. Ich weiß nur noch nicht in welcher Reihenfolge.

 

Freitag, 28. Juni 2024

Ein halber Seetag

 


St. Malo, kalter Wind, etwas bewegtere See. Draußen herrscht mächtig Ebbe, im Meer, und in der Sportsbar, wo man - wie gestern - eine Nummer ziehen muss, wenn man tendern möchte. Das ist ungefähr wie beim Doc im Wartezimmer, nur dass beim tendern immer sechzig auf einmal drankommen. Ich glaube, die kriegen wir heute gar nicht zusammen, und schon bald wird die Nummernverteilung eingestellt und etwas später zwei der vier Boote wegen Langeweile aus dem Verkehr genommen. Außer mir waren gestern wahrscheinlich schon alle tenderfähigen drüben gewesen und wollen heute nicht noch einmal. Ich aber auch nicht.

Ich wollte den heutigen Vormittag nützen, um ein wenig in den Innenbereichen des reich dekorierten Schiffs möglichst spektakuläre Geschmacksverirrungen abzufilmen, gerade heute, in Erwartung, dass das Schiff halbwegs leer ist und einem nicht ständig die Hundertjährigen vor die Linse geraten. 


Sie sind aber alle da, doch das ist nicht schlimm. Der einzige Seniorenbatzen bildet sich nämlich zentriert vor der Rezeption, wo man lautstark Beschwerden darüber hört, dass wir Guernsey nicht anlaufen. Bestimmt sind auch die lauten Damen von gestern Abend darunter, weil sie ja nicht zugehört haben. Außerdem finden sich in der Warteschlange relativ viele Menschen mit Rollstühlen, Rollatoren und vermutlich defekten Hörgeräten, denn sonst wüssten sie, dass sie leider sowieso nicht tenderfähig (schönes Wort, oder? Habe ich gerade vorhin erfunden) sind. Vielleicht hatten sie auch eine ähnlich laute Nachbarschaft wie ich, oder vielleicht wollen sie doch etwas ganz anderes und sind nur zufällig in den Stau geraten.

Aber ich sehe schon, auch ihr lest nur mit einem Auge, denn eigentlich beginnt die Fortsetzung einer Geschichte immer mit der Auflösung des Cliffhangers. Außer bei der Lindenstraße, da haben sie den Cliffhanger nie aufgelöst, oder höchstens mal so nebenbei, drei bis vier Folgen später. So schlimm bin ich nicht, und mit „so schlimm … nicht“ kommen wir dann endlich zur Schlagershow. Ich habe es tatsächlich gewagt und mir in der oberen Etage des Theaters einen Platz gesucht mit gutem Blick zur Bühne und nahe der Tür. Man weiß ja nie. Gut vorbereitet mit einem Gin Tonic war ich dann auf alles gefasst, denn das Bühnenbild bestand aus einem langen Biertisch mit Bänken, ein paar Fässern und viel weiss-blauer Dekoration. Und zu allen Überfluss war die Pausenmusik bis zum Beginn sehr volkstümlich gefärbt. Zum Glück nur bis zum Beginn. Wie schon angenommen, gab sich die Inszenierung bunt und amerikanisch, und von den vier Sängern war tatsächlich eins der Mädchen gut verständlich. Das andere dafür gar nicht, und die beiden Jungs kaum. Doch ansonsten kann ich tatsächlich. nur gutes von mir geben, was ich auch am liebsten tue, zumindest bei Künstlern. Die vierzig Minuten lange Show war voller Tempo, Gesang, Tanz, Spaß und Lebensfreude, und sogar Malle-Songs kann man gelegentlich ertragen, wenn sie ausnahmsweise mal professionell gesungen und nicht gegrölt werden. Ich habe mich wirklich unterhalten gefühlt, und tatsächlich würde ich mir diese Show noch einmal ansehen, ok, mit etwas Abstand. Die Wiederholung zwei Stunden später war mir dann aber doch etwas zu früh…

Ach ja, ehe ich es wieder vergesse: ein Riesenkompliment an die Tontechnik im Saal: von der ersten bis zur letzten Sekunde kristallklarer Sound, laut genug aber kein bißchen zu laut. Das hätte man gerne überall so. Außer bei Rock meets Classic, das muss laut!





Donnerstag, 27. Juni 2024

Gewinnen und verlieren

 Nein, wir haben kein Spielcasino (mehr) an Bord. Selbst Bingo, auf jedem Schiff sonst für kleine Geldbeträge mit entsprechender Gewinnmöglichkeit, gibt es hier nur just vor fun. Aber ich lenke ab. Neben der guten Nachricht gibt es leider auch eine weniger gute: Mein Ausflug von Honfleur nach Paris wurde wegen Mangel an Beteiligung abgesagt. Sch…ade. Andererseits stimmt jetzt die Kalkulation wieder. So viel zu gestern.

St. Malo, kühler Wind, etwas bewegte See. Unser Schiff muss für drei Tage an die Kette. Nein, es wurde nicht straffällig, aber wir müssen auf Reede liegen, weil der Hafen zu klein für uns ist. Bei der Kette handelt es sich natürlich um die Ankerkette. An Land geht es nur mit den kleinen Tenderbooten, und tausend Leute geteilt durch sechzig Leute geteilt durch vier Boote, hin und her eine gute halbe Stunde, mit ein- und aussteigen am Schiff nochmal zwanzig Minuten, eine Stunde Verzögerung, bis es überhaupt losgeht, das dauert - mir jedenfalls zu lange. Ich beschließe, an Bord zu bleiben. St. Malo interessiert mich ohnehin nicht sonderlich. Dennoch - man hat hier den größten Tidenhub Europas (bis zu 12m), einen historischen Stadtkern, der bei Flut von drei Seiten vom Meer umspült ist, und in der Flussmündung der Rance liegt seit 1966 das weltweit erste und bis 2011 größte Gezeitenkraftwerk der Welt.

Ich dagegen verbringe einen schönen ruhigen Nachmittag an Bord und studiere das Abendprogramm. Als Höhepunkt wird heute ein Schlagerabend angepriesen. Schlagerabend? Deutsche Schlager? Inszeniert von einer amerikanischen Company und dargeboten von englischen Muttersprachlern? Kann das gut gehen?

Ich gehe erst einmal zum Abendessen und habe heute das Pech, nur mitten im Restaurant einen Tisch zu bekommen, auf der einen Seite ein altes Ehepaar, dessen schlechtere Hälfte wohl einmal Lehrer gewesen sein muss, denn man versteht ihn - obwohl er leise spricht, also angemessen - zwei Tische weit, und er sondert ständig irgendwelches Wissen ab, sinnvoll und auch weniger und bar jeder Rücksicht, ob seine bessere Hälfte interessiert oder auch nur überhaupt zuhört.

Auf der anderen Seite sitzen drei oder vier ältere Damen, Hausfrauen, so dumm wie laut, und als eine wichtige Durchsage vom KD über die Lautsprecher kommt, geben sie sich alle Mühe, diese zu übertönen. Und morgen wissen sie wieder von nichts und wundern sich, dass wir immer noch vor St. Malo liegen, denn: Aufgrund des zunehmenden Wellengangs fahren wir heute Nacht nicht zur Kanalinsel Guernsey. Hinfahren wäre kein Problem, aber tendern (auch dort müsste man das) kann man bei 2m Wellenhöhe nicht, schon gar nicht mit einer großen Anzahl von Hundertjährigen. Also bleiben wir hier, und fahren erst morgen nachmittag los, dann direkt zur Kanalinsel Jersey, die unter uns gesagt, das gleiche Problem haben könnte, denn auch da muss getendert werden. Es bleibt spannend.

Zum Abschluss seiner schwer verständlichen Ansprache preist der KD nochmals die Schlagershow heute Abend an. 

Ich bin hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Neugierde…





Das Allerletzte

Montag morgen, 9.30 Uhr. Ich genieße das wirklich sehr gute Frühstücksbuffet (das es gut ist, sollte man für 18€ auch erwarten). Eine halbe ...