Mittwoch, 26. Juni 2024

Sommertag

 Und schon sind wir da, pünktlich wie die Bahn. Also, in Japan. Laut ist es, und während ich mir noch die Augen reibe, fährt an meinem Balkon ein riesiges gelbes Monster vorbei. Das sieht man im 9. Stock auch nicht alle Tage. Bei dem Monster handelt es sich um einen mobilen Hafenkran, der sich über einen längeren Zeitraum bemüht, eine Gangway an das Schiff zu hängen, unterstützt von zwei kleinen Männern, die an einem Seil ziehen. Falls ihr jemals im Fernsehen gesehen habt, wie im hamburger Miniatur-Wunderland die Brücke zwischen den beiden Gebäuden montiert wurde: ungefähr so. Aber viel, viel weniger professionell. Schließlich hängt die Gangway, aber nicht gut. Es braucht einen zweiten Versuch. Das scheint in Frankreich normal zu sein.

Im gestrigen Tagesprogramm stand, dass im Hafen von Brest für Touristen so überhaupt nichts geboten ist, und man deswegen für nicht ganz so viel Geld einen Shuttlebus ins Stadtzentrum anbietet. Es ist auch nicht ganz so weit diesmal. Zugegeben - aufgrund der Erfahrungen in Port Medoc überlege ich etwas länger, bestelle ich dann doch ein Ticket. Schließlich habe ich viel Geld gespart, weil ich einen Ausflug auf Jersey wollte, der aber ausgebucht ist, und ich es deswegen nur auf die Warteliste geschafft hatte. Das heißt, 95€ gespart, das reicht für einige teure Shuttlebusse. Aber zurück nach Brest:

Dass den Touristen im Hafen keine Attraktionen geboten werden, kann ich so nicht bestätigen. Allein für die Aktion mit der Gangway könnten sie Eintritt nehmen, zumindest bei den Männern. 



Außerdem gibt es auf der Pier ein paar kleine Verkaufsbuden, die liebevoll dekoriert die nötigsten Souvenirs bereit halten, auch ein paar Kühlschrankmagneten.  So gesehen könnte ich wieder an Bord gehen, aber ich habe das Busticket nun einmal, und schon geht es los. Bereits nach wenigen Minuten ist aussteigen angesagt, neben einem kleinen Park mit sehr schönem Blick auf die Festung und die berühmte Hubbrücke. Eine nette Französin erwartet uns, um in sehr gutem Englisch die verschiedenen Wege zu erklären. Viele meiner Mitreisenden haben auch Stadtpläne, deren Ausgabe ich wohl verpasst habe. Aber wozu auch, wir sind in der EU, und das iPhone weist gerne den Weg, wo es nötig sein sollte. Hier ist es das nicht, der Weg zum Zentrum ist 



unkompliziert und leicht erklärt. Die Sonne scheint, sogar heftig, mit 26°C, so dass es sich empfiehlt, lieber die Schattenseite des Lebens - ok, der Straße - aufzusuchen.

Im Zentrum gibt es viele tolle Geschäfte wie auch in anderen Großstädten, gut gemischt mit vielen sehr französischen in allen Größen. Es ist schön sauber und fußgängerfreundlich hier, und ein Stadtbummel macht Spaß. Leider ist nur ein einziges Souvenirgeschäft am Platz, wo ich immerhin einen sehr schönen Kühlschrankmagneten finde. 



Ach ja, das Sammeln von Kühlschrankmagneten. Das gehört zu den wenigen Dingen, wo ich absolut mainstream bin. Vor ein paar Wochen hatte mir mein Kühlschrank schon Vorwürfe gemacht wegen den Mengen die an ihm hängen, dabei reisse ich mich schon zusammen: Waren es früher gelegentlich einmal ein halbes Dutzend von ein und demselben Ort, habe ich mich heute schon so weit eingeschränkt, dass es pro Ort nur noch einen gibt. Und wenn ich schon einmal dort war und es bereits einen gibt: gar keinen.

Die Rechnung dieser Reise sieht so aus: Dreizehn Häfen, abzüglich Porto, A Coruña und Guernsey - bleiben zehn. Die gute Nachricht (für meinen Kühlschrank) ist: nach der halben Reise habe ich erst zwei. Aber es wird schlimmer, ich schwöre!

Schlimmer wird es auch mit der Hitze, weswegen das Dach über unserem Pooldeck ein gutes Stück offen steht. Trotzdem ist es sehr warm hier.

Während des Nachmittags wird die Aussage, hier sei für Touristen nichts geboten, nochmals Lügen gestraft: Ein zehnköpfiger Männerchor singt zu Gitarre, Akkordeon und ordentlich Verstärkeranlage die französische Seemanslieder-Hitparade rauf und runter, in Spielfilmlänge. Es gibt sogar ordentlich Applaus dafür, von den Mitreisenden, die so wie ich einen Steuerbordbalkon haben, und eigentlich Mittagsschlaf halten wollten.

Pünktlich um 19.30 Uhr legen wir ab. Offenbar war die Demontage der Gangway nicht so schwierig, oder man hat rechtzeitig angefangen. Da wir mit (noch) offenem Dach fahren, ändert sich die brütende Hitze fast schlagartig zu angenehm milder Seeluft. Herrlich!



Was ich noch nachschieben möchte: Als ich gestern Abend auf meine Kabine komme, liegen auf dem Bett: 1. Das Tagesprogramm für Brest (das ist immer so), 2. das Busticket für heute (das sollte auch so sein) und 3., ratet ihr’s? Kalkulation beim Teufel - das Ausflugsticket für Jersey. Ich freue mich trotzdem!


Dienstag, 25. Juni 2024

Seetag

 


Wenn ihr schon länger bei mir mitlest, werdet Ihr Euch vielleicht wundern, warum der Seetag keine Nummer hat. Braucht er auch nicht, denn auf dieser recht ambitionierten Reise mit 13 Häfen an 15 Tagen gibt es nur den einen, und ich bin schon sehr gespannt, wie wimmelig es auf dem Schiff ist, wenn wirklich alle da sind. Bis jetzt ist alles ruhig. Das Schiff tuckert mit nur 8 Knoten über die Biskaya, die ausnahmsweise glatt ist wie der Dutzendteich, und ich gehe ausgiebig frühstücken. Ja, ich! Sogar der Kellner ist höchst überrascht, mich zu so früher Stunde zu sehen. 

Weil das Wetter so schön, die See so ruhig und sowieso nichts los ist, schraube ich meine insta auf den 3-m-Selfiestick und drehe ein paar Wow-Schüsse: eine Fahrt durch das Netz vom Sportplatz, einen Rundblick fast auf Schornsteinhöhe, einen Schwenk in den Innenpool hinein, einen weiteren aus dem Außenpool heraus, und während ich die Kamera abtrockne überlege ich, wo ich jetzt noch filmen könnte an diesem ereignislosen Tag.

Genau in diesem Moment gibt es an Bord einen medizinischen Notfall. Normalerweise kein Problem, der Doc macht das nötigste, der Krankenwagen wird gerufen und nimmt den Patienten mit, gut ist. Es passt zu Murphys Gesetz,  dass der bisher. erste (und hoffentlich einzige) Notfall ausgerechnet heute, am Seetag eintritt. Kursänderung Richtung Land, hinten Deck 10 räumen, Deck 11 sicherheitshalber auch, und dann auch noch Deck 12, das dichtgedrängt voller kamerabehängter sensationsgeiler Gaffer steht. Erschreckend, dass wir so etwas an Bord haben. Und dass diese … sich einen Dreck um das mehrfach ausgesprochene Foto- und Filmverbot.

Nach einer halben Stunde erscheint die französische Küstenwache, braucht zwei - Anflüge (das letzte Mal waren es zwei Hubschrauber, weil beim ersten die Winde kaputt war), nehmen den Notfall mit, und alles geht wieder seinen Gang.

Gegen Abend gibt es im Theater (das hier Hollywood Show Lounge heißt) ein Treffen der Nicko Cruise Club Mitglieder. Das ist so ein kostenloses Abo, wo man mit jeder Fahrt Punkte sammelt und über die Jahre diverse Rabatte ergattern kann. Gefühlt ist das halbe Schiff hier, tatsächlich müssen es weniger sein, denn so viele Plätze hat die Show Lounge nicht.

Die „Club Queen“ (meine Erfindung) ist übrigens gerade auf ihrer 12. Kreuzfahrt hier an Bord. Ganz schöne Leistung, wenn man bedenkt, dass das Schiff erst seit vier Jahren für Nicko fährt.

Die Veranstaltung ist kurz und fröhlich, der Kreuzfahrtdirektor kommt aus Wien und hat als Komiker auf dem Schiff angefangen. Beides merkt man ihm an.

Den Schluss macht eine junge Sängerin aus England. Recht hübsch, etwas curvy, also 90-60-90, sondern mehr 90-70-100, und ich habe ein wenig Angst, dass ihr Abendkleid aufplatzt. Sie singt zwei Hollywood-Songs, ca. dreimal so alt wie sie selbst, und dann noch etwas von Abba. Da bin ich empfindlich. Aber obwohl ihre Stimmfärbung deutlich anders ist als die von Agnetha Feldskog, meistert sie den Song großartig. Was es doch ausmacht, wenn man ein paar zu hohe Töne geringfügig umarrangiert!



Auf diesem Schiff kann man zu Abend essen, so lange die Restaurants geöffnet haben. Es wird aber empfohlen, um sechs oder um acht zu kommen, um reibungslosen Service zu erleichtern. Was natürlich Quatsch ist. Der Hintergrund sind die abendlichen Shows, die immer zweimal gespielt werden: 18:30 und 20:30 Uhr. Und das ist der Hintergrund: früh essen, spät in die Show oder umgekehrt. Ich selbst gehe ja nie in diese ollen, langweiligen und unprofessionellen Shows, aber als der KD heute Abend durchsagt, dass im Theater gähnende Leere herrscht (er drückt das positiver aus) gehe ich doch mal hin. Thema: Hollywood forever, gezeigt werden kurze Musikszenen aus meinen Lieblingsfilmen der 80er: Dirty Dancing, Footloose, Fame, Flashdance, was auch immer. Das Ensemble besteht aus je zwei Sängern beiderlei Geschlechts, vier Tänzerinnen, und einer sehr netten sympathischen australischen Tuchartistin sowie einem weiteren Artisten.

Die Show ist ein wahres Feuerwerk aus tollen Gesangs- und Tanznummern, und ich finde es sehr, schade, als sie vorbei ist. Mal sehen, was die nächsten Abende noch bieten.

Wenn Ihr Euch vielleicht fragt, warum die Show so gut war: Sagt Euch der Name Jean Ann Ryan Productions etwas? Nein? Hat es mir früher auch nicht. Aber diese Gesellschaft ist eine der weltweit führenden auf dem Gebiet Musical und Stageshows und produziert normalerweise die allergrößten Broadway Shows. Und hier an Bord auch kleinere. Echt super gemacht.

Wer es nicht weiß: Eine Tuchartistin ist ein gut durchtrainiertes Mädchen, dass sich an langen Tüchern, die von der Decke hängen hoch und wieder runter wickelt und manchmal spektakulär fallen lässt. Und woher ich weiß, dass sie nett ist? Ganz einfach - sie hat mich in Lissabon eingecheckt. 

Und so endet unser Seetag. Morgen sind wir in Brest. Das liegt am nordwestlichsten Zipfel von Frankreich, sozusagen am Ende der Biskaya.





Montag, 24. Juni 2024

Frongreich, Frongreich


Wir liegen in Port Médoc, besser gesagt, dem Port von Port Médoc, und in zwei Dingen hatte unser Kreuzfahrtdirektor vollkommen Recht behalten: Die Sonne scheint mit sommerlichen 24°C, und an unserer Anlegestelle ist nichts geboten. Gar nichts. Überhaupt nichts. 

Wenigstens die Männer, die das Schiff festbinden müssen, waren da. Hoffentlich kommen sie heute Abend wieder. Und weil so ganz und gar und überhaupt nichts los ist,  konnten all die vielen Individualtouristen, die keinen teuren Ausflug in das 140km entfernte Bordeaux. gebucht haben, einen sehr teuren Shuttlebus in das nur 8km entfernte Sulac-sur-mer buchen. 


Zwar kann man für einen Pauschalpreis den ganzen Tag hin und her fahren (was wenig Sinn macht), aber was mehr doof ist: Wir fahren erst gegen Mitternacht los, was ein leckeres französisches Abendessen in dem netten kleinen Küstenort erlauben würde, aber der Bus stellt seinen Betrieb schon um 17.00 Uhr ein. Dann geht nur noch Taxi. Morgen ist Seetag, da haben die Gäste nichts zu tun, und ich freue mich auf die lange Beschwerdeschlange an der Rezeption. Die Rezeptionisten wohl eher nicht…

Ich bin auch einer von denen, die ein teures Busticket haben, fand aber den kurzen Besuch in dem niedlichen kleinen Ferienort ganz nett und kehre mit dem zweiten Magneten dieser Reise zum Mittagessen auf das Schiff zurück.

Nach ein paar Stunden relaxen auf meinem Balkon, der inzwischen zum Glück im Schatten liegt, steht das Alleinreisendentreffen in unserem Nightclub „The Dome“ an. In der Regel ist so etwas eine unwichtige, dröge, ungeliebte Nebenveranstaltung im Kielraum (ok, ich übertreibe, oder unter, wegen dem Kielraum), voller alter Damen, die nur wegen dem einfachsten Gratis-Sekt gekommen sind, moderiert von den unerfahrensten und häufig auch untalentiertesten Praktikantinnen, oder, falls nicht vorhanden, auch einmal von den adäquaten männlichen Kollegen. Sobald die schlecht eingeschenkten Gläser ausgetrunken sind, machen sich die ersten Oldies wieder vom Acker, und gut ist.

Nicht so hier. Zehn Minuten vor Beginn gibt es im ganzen Schiff eine Ansage und ausdrückliche Einladung zum Alleinreisendentreffen, und ich beschließe, dann doch mal hin zu gehen, was sich als gute Idee zeigt.

Musste ich auf all den anderen Schiffen erst mühevoll nach der dunklen Ecke suchen, wo das Treffen stattfinden sollte, steht hier am Eingang die gesamte Hotelprominenz Spalier: Direktor, Barmanager, Chefhostess, Chef des Housekeepings und der Kreuzfahrtdirektor selbst. Eine ganze Horde von Servicebeauftragten verteil die sehr großen Gläser mit sehr gutem Sekt und - auf Wunsch - Alternativen und gießt auch ständig nach, wenn gewünscht. Das Management wird vorgestellt, und verteilt sich anschließend zwischen den ganzen alten Damen, wenigen alten Männern und dem dicken Mann, um Gespräche in ganz zu bringen. Aber das ist völlig unnötig, denn selbst wenn die meisten Gäste hier den Mumien bei Phoenix ähneln, ich habe bisher nur offene Mitreisende erlebt, was sehr angenehm ist. 

Ich sitze an einem Tisch mit drei Damen aus Hamburg, alt, aber reiselustig und noch immer am Zahn der Zeit. Fast bedauere ich es, als sie zum Abendessen gehen. Oder auch nicht, denn ich habe auch Hunger.


Sonntag, 23. Juni 2024

Nix los


 Bilbao, schon wieder Regen, die Frisur hängt runter. Wir haben als Stargast Tim Frühling an Bord, Wettermoderator in hr und ARD (nicht, dass ich je von ihm gehört oder gesehen hätte). Ich fürchte, der kann sich jetzt so langsam was anhören. Deswegen läuft er wohl auch ständig mit einem Bodyguard herum. Späßle - das halbe Hemd in seinem Schatten taugt nur als Berater und sorgt dafür, dass er sich auf dem Schiff nicht verläuft. Schutz braucht er sicher nicht, ich habe noch nie einen Fernsehmenschen mit einer so negativen Ausstrahlung gesehen, wenn er von Publikum umgeben ist. Wahrscheinlich, weil ihn keiner kennt. Und weil das Wetter so schlecht ist.

Obwohl zu meiner Kabinenausstattung auch zwei Regenschirme gehören, beschließe ich, heute einen Ruhetag auf dem Schiff einzulegen, umgeben von lauter Fussballverrückten, die dem heutigen Spiel entgegen fiebern. Ich wünsche allen viel Erfolg.

Der große Preis von Barcelona. den ich leider nicht verfolgen konnte, ist jedenfalls zu meiner Zufriedenheit ausgegangen: wieder einmal war das holländisch pilotierte Limonadenauto siegreich. Das muss man ja auch einmal sagen dürfen.


Samstag, 22. Juni 2024

Gewohnheit

 


Nach einer (seegangsmäßig) noch ruhigeren Nacht als der zuvor habe ich das morgendliche Wettrennen gegen den Kreuzfahrtdirektor gewonnen. Obwohl er schon um 8.20 losbrüllt, bin ich bereits eine Viertelstunde auf und überlege mangels eines besseren Plans, heute mal frühstücken zu gehen.


Der Kaffee ist scheußlich, der Service großartig (wie bisher immer auf diesem Schiff), und die Unterhaltung könnte von Loriot sein. Gespräch am Nebentisch:

Er, zu einem Tischnachbarn: Jetzt muss ich den Kaffee schwarz trinken, weil meine Frau die ganze Milch für ihr Müsli verbraucht hat!

Sie: du kannst doch noch welche bestellen!

er: alles hast Du verbraucht! Schon wieder!

Tischnachbar: sie können meine haben, ich trinke keine

er: nein, jetzt trinke ich meinen Kaffe schwarz! Mit Zucker!

sie: du nimmst doch nie Zucker!

er: aber schwarz schmeckt er mir nicht!

sie: mit Zucker aber auch nicht

er: daran bist nur du schuld!


Die Diskussion geht noch länger. Ihr müsst sie euch mit dem nörgelnden Tonfall alter Leute vorstellen, und mit dem Wissen, dass der Kaffee sowieso nicht schmeckt, auch nicht mit Milch und Zucker. Der lösliche auf der Kabine schmeckt erstaunlicherweise deutlich besser. 



Etwas später, Location: eine öffentliche Toilette nahe dem Restaurant, zwei Pissoirs von denen eins kaputt, das andere aber frei ist, eine besetzte Kabine, und eine kleine, sich stetig erweiternde Warteschlange alter Männer. Ich frage mich, ob man die Männerwelt, selbst die ältere, inzwischen so zu Sitzpinklern umerzogen hat, dass sie nicht einmal mehr ein Pissoir benutzen? Nein, das war noch nicht der Gag dieses Abschnitts, der kommt jetzt: Als die Tür aufgeht und der nächste alte Mann den Raum betritt, hört man den Gießkannentenor der Frau vom Frühstück laut rufen „Berte! Bist Du noch da?“ und bevor die Tür zufällt, kommt aus der besetzten Kabine in einem hohlen, etwas gequetscht klingenden Tonfall: „ja, hier, ich lebe noch“. Wumm, ist die Tür zu. Aus Höflichkeit lache ich nur nach innen, aber tatsächlich zerreißt es mich fast. Der Tag fängt ja gut an! Bis auf das Wetter. Wir liegen in einem tristen Industriehafen, und ich bleibe einfach an Bord.

Eigentlich wollte ich Euch noch etwas über das Schiff erzählen, aber das mache ich dann - Späßle, heute, zumindest ansatzweise. 

Das Schiff wurde 1993 als Luxusschiff für die Holland-America-Line gebaut und hat seitdem mehrfach den Besitzer gewechselt, jedesmal mit aufwendigen Umbauten, ohne aber den eher 70-er Jahre Charme zu verlieren. Mit 220m (also 0,66 Schiffslängen) ist sie etwas kürzer als die Artania, aber 2m breiter und 3 Decks höher, hat also eine eher pummelige Figur, so wie ich. Betrieben wird sie von Nicko Cruises, den man eher als Spezialist für Flusskreuzfahrten kennt. Die Vasco da Gama ist deren einziges Hochseeschiff gegenüber von mehr als zwanzig Schiffen für Flusskreuzfahrten.

Obwohl für deutlich mehr zugelassen, werden nur Kabinen für 1.000 Passagiere vergeben, was allzu heftiges Gewimmel vermeidet. Trotz der niedrigen Passagierzahl gibt es drei Bedien-, ein Buffet- und ein Imbissrestaurant mit jeweils eigenen 



Speisekarten, dazu ein Grillrestaurant gegen günstigen Aufpreis. Außerdem haben wir - wenn ich richtig gezählt habe - sieben Bars, jede in einem eigenen Stil, aber leider fast alle ohne Barhocker. Barbaras Rhabarberbar ist nicht dabei, und die hieße hier sicher auch Barbara’s Rhubarb Bar, denn die englischen Namen für alles hat man aus der Zeit von Holland-America und später P&O Australia behalten. deswegen wohne ich auch auf dem Verandah-Deck (kein Dreckfuhler!) 




in einer Kabine, die mit ihren gediegenen Holzmöbeln, den tapezierten Wänden und dem großen Ledersofa eher einem Chefbüro aus den Siebzigern ähnelt. Einen Balkon gibt es auch, so groß, dass ihn andere Companies als Veranda (ohne „H“) vermarkten würden, und - so etwas habe ich noch auf keinem Nicht-Luxus-Schiff gesehen, also noch nie - in meinem Bad steht eine Whirlpool-Badewanne. Unfassbar!

Ansonsten findet man auf diesem Schiff einen großen Fitnessraum, ein richtig großes Theater, 



zwei Pooldecks, von denen eines ein bewegliches Dach hat, 




ein Kino, wie ihr schon wisst einen Spa, vermutlich auch Friseur und Nagelstudio, ein kleines Einkaufszentrum mit teuren Sachen, die man nicht braucht, und über 500 Besatzungsmitglieder, von denen einen viele - also diejenigen, die direkt am Gast sind - unfassbar verwöhnen. Also, ich bin ja schon verwöhnt, aber was hier geboten wird, toppt alles bisher da gewesene.

Bevor ihr einschlaft noch ein Schlusswort zur Optik: Die öffentlichen Bereiche bestechen durch viel poliertes Metall, schöne saubere Polster und Teppiche, und echtes Teakholz in den Außenbereichen. Die Deko - nun, da sieht es aus, als hätten sich Tine Wittler und Eva Brenner eine Riesenbattle geliefert. Zum Glück haben sie vor den Kabinen halt gemacht.

Meine persönlichen Highlights sind die Möpse der Rezeption…nein, verhaspelt, die Möpse im Rezeptionsbereich 



und die Lampenfüße im Captain’s Club. 




Die Delphine am Pool dagegen finde ich nicht so prickelnd. Die Artania hat im Atrium auch so eine häßliche Plastik, vergleicht mal selbst:





Vasco da Gama










      MS Artania

Freitag, 21. Juni 2024

Etwas verschoben


 Nach einer (seegangsmäßig) ruhigeren Nacht als der vorangegangenen weckt mich der Kreuzfahrtdirektor mit seiner morgendlichen Ansprache und behauptet steif und fest, es wäre neun Uhr. Das iPhone sagt, es wäre acht und beim Laptop ist es erst sieben Uhr früh. Aber das ist schon alt und erzählt öfter Unsinn, was die Uhrzeit betrifft. Wie Ihr schon ahnt, setzt sich der Herr aus dem Lautsprecher durch und ich mich auf. Der erste Kaffee des Tages, danach eine schöne warme Dusche, das sind die ersten Pläne heute. Das mit dem Kaffee klappt gut, aber die Dusche erwischt mich kalt, egal was ich anstelle. Da das Waschbecken heißes Wasser ohne Ende von sich gibt, wird es wohl kein zentrales Problem sein. Ich tippe auf den Thermostat meiner Badewanne, der sieht nämlich ziemlich fertig aus. Schade, muss ich ungeduscht zur Massage, und hoffe dass Deo hilft. Und das nötigste per Waschlappen, natürlich (ehe es noch hatings gibt).

Nach der gestrigen Fussbehandlung hatte ich mich von dem charmanten SPA-Team in Gemeinschaftsarbeit zu einer balinesischen Massage überreden lassen, durchgeführt von dem Mädchen, das auch schon an meinen Füßen dran war.

Diese Massage ist nichts unanständiges, sondern eine kräftige Massage von Rücken, Beinen, Schultern und Nacken, unterstützt von warmen Handtüchern, speziellen Massageölen und einer Schüssel mit Aromaduft, die unter der Massageliege steht, genau da, wo mein Gesicht durch das Loch in der Liege guckt, ich also gar nicht daran vorbei atmen kann.

Ich weiß nicht, welche Knöpfe die Masseurin drückt, die wirklich Balinesin oder Balinesierin ist - keine Ahnung, jedenfalls von Bali kommt, aber ich war noch nie so entspannt bei einer Massage, obwohl sie echt kräftig zugreift. 

Während meiner Massagezeit gibt es auf dem Pooldeck einen Frühschoppen mit Freibier, das ich leider verpasse, und Humba-humba-Musik, die ich zum Glück verpasse.



Am frühen Nachmittag erreichen wir A Coruña, unseren ersten spanischen Hafen. Leider liegt die Queen Anne am Cruise Terminal, so dass für uns nur ein Industrieterminal bleibt, wo es keinen so günstigen Souvenirshop gibt wie der, den ich bei meinem letzten Besuch hier besucht habe. Was nicht schlimm ist, denn mein Kühlschrank ist schon so voller Magneten, dass ich nur noch die allernötigsten kaufe. So wie gestern, im Hard Rock Cafe.

Das Wetter ist perfekt: strahlender Sonnenschein, 19°C (was für den Sommeranfang etwas wenig erscheint) und eine kühle Brise. Ich mache einen Spaziergang in die Stadt, die besonders durch ihre moderne, großstädtische Architektur mit vielen interessanten Häusern und vielen hübschen jungen Spanierinnen auffällt, die alle schon auf den Sommer eingestellt sind.



Zurück an Bord mache ich einen Fehler: ich gehe an die bordeigene Eistheke und probiere die Sorten Vic Chocolate (was immer damit gemeint ist, dunkle, sehr feste Schokolade halt) und Physialis, mit Granatapfelkernen. Ich glaube, ich habe noch nie so leckeres Eis gegessen (noch nicht einmal bei Mein Schiff, wo es Bruno Gelati gibt) und werde wohl noch ein oder zwei oder vielmal wieder kommen müssen. Sollte ich auch, denn das  Eis ist außer supergut auch noch im Reisepreis inkludiert, notfalls kiloweise.



Seit gestern hat das Schiff eine neue Auslaufhymne, die mit einem Riesenbuhai und unter Anwesenheit der Sängerin live präsentiert wurde. Man ist sehr stolz darauf, und natürlich wird sie auch heute abgespielt, während ich auf dem Pooldeck sitze. Gleichzeitig trötet das Schiff dreimal sehr laut, wie es Kreuzfahrtschiffe immer tun, wenn sie los fahren. Das Pooldeck hat ein fahrbares Dach, und das steht wegen dem schönen Wetter ein gutes Stück offen, was dazu führt, dass das Schiffstyphon die Hymne massiv übertönt. Besser so. 

Eigentlich wollte ich Euch heute noch mehr über das Schiff erzählen. Aber das verschieben wir dann auf morgen.


Donnerstag, 20. Juni 2024

Wo ist der Pass?


 wie auf anderen Schiffen auch, so möchte man hier die Passagiere nicht mit Routinedurchsagen auf die Kabine belästigen, und schaltet deswegen nur die Lautsprecher der öffentliche Bereiche dafür ein. Punkt 9:00 Uhr, also praktisch mitten in der Nacht, brüllt der Kreuzfahrtdirektor ein fröhliches „Guten Morgen“ und reißt mich aus dem Schlaf. Nein, er hat nicht den falschen Knopf gedrückt, aber was aus dem Lautsprecher direkt vor meiner Kabinentür kommt, ist überall gut zu verstehen, sogar bei geschlossener WC-Tür. Ich kriege gerade so noch etwas von „Pass abgeben heute“ und „wenn noch nicht beim Einchecken“ mit, wegen den Regeln auf den britischen Inseln. 


Als ich es endlich aus dem Bett schaffe, trinke ich den ersten Kaffee des Tages auf meinem wirklich großen Balkon und sehe zu, wie das Schiff in Leixões, dem Seehafen von Porto festmacht. Dann mache ich mich fertig, hole den Pass aus dem Safe, wo er nicht ist, und auch nirgends sonst. Ich bin irritiert, denn obwohl ich eher schlampig bin, mein Pass hat immer einen festen Platz, zuhause und auch auf Reisen. Wo also ist er? Wo habe ich ihn zuletzt gesehen und warum? Beim Check-In hatte ich ihn noch. Sollte ich ihn danach in Lissabon verloren haben? Also, ich war beim Check-In und habe der hübschen australischen Akrobatin, die dort Dienst hatte, zwei Sachen gegeben: den Pass und meine Kreditkarte. Dann hat sie eine Weile rumgemacht, mich fotografiert, und mir schließlich zwei Sachen wieder gegeben: die Kreditkarte und den … Bordausweis. Meine letzte Idee, und tatsächlich, sie haben ihn schon. Ich glaube, ich werde langsam alt, und verlasse das Schiff, denn ich will nach Porto. Aber nicht mit einem geführten und wohlorganisierten Ausflug, sondern allein und individuell. Mit vier Wörtern portugiesisch. Als ich aus dem Hafen komme, stehen da tatsächlich Taxis. Jetzt führt kein Weg mehr zurück. Ich erkläre dem Taxifahrer auf spanisch, dass ich kein portugiesisch spreche und zeige ihm auf dem Handy, wo ich hin will. Ich quetsche mich in seinen kleinen Dacia, und schon geht es über Stock und Stein. Es sind nur etwa zwölf Kilometer, aber es kommt mir länger vor. Er fährt so, wie man sich einen südländischen Taxifahrer vorstellt, mit Rennfahrerambition, gerne auch mal auf der Gegenfahrbahn, zeigt mir gleichzeitig mit weit ausholenden Gesten die eine oder andere Sehenswürdigkeit, und verwickelt mich auf Portuspanglish in alle möglichen Gespräche, speziell über Deutschland, die ja gestern beim Fussball gewonnen haben. Ich versuche, mich mit spanischlastigem Spanglish über Wasser zu halten, bis wir unser Ziel fast erreicht haben. Knapp 150m davor jedoch ist die Straße gesperrt, und er meint, zu Fuß wäre ich gleich da. Ich war schon einmal da, aber es kommt mir so absolut gar nichts bekannt vor. Aber gut, ich zahle ihn aus, verlasse das Auto, aber mich nicht auf seine Wegbeschreibung sondern frage mal vorsichtshalber das iPhone, was zu meiner Erleichterung der gleichen Meinung ist wie der Taxifahrer. 




Kurz danach stehe ich vor dem Hard Rock Cafe, kaufe ein paar T-Shirts, gehe Mittag essen in dem absolut schönen Restaurant, habe diesmal sogar die hübscheste Kellnerin und bin sehr zufrieden mit meinem Burger, der ohne Schwierigkeiten in meinem persönlichen Ranking Berlin von Platz 3 verdrängt und schon gefährlich am 2. Platz von Lissabon kratzt. Nur Barcelona als Nummer 1 ist da noch weit voraus. Schade für Hamburg, das damit auf den derzeit letzten Platz 6 rutscht. 




Wieder auf dem Schiff, bekomme ich eine traumhafte Pediküre mit Fussmassage, woraufhin sich meine Treter wie neu modelliert fühlen. 

Eigentlich wollte ich Euch noch etwas über das Schiff schreiben, aber das mache ich dann morgen. 


Das Allerletzte

Montag morgen, 9.30 Uhr. Ich genieße das wirklich sehr gute Frühstücksbuffet (das es gut ist, sollte man für 18€ auch erwarten). Eine halbe ...