Samstag, 4. Mai 2019

Pack die Badehose ein

Samstag morgen, 7:31 Uhr. Während Deutschland teilweise noch schläft, setzt sich mein Zug zum Flug nach Frankfurt mühsam in Bewegung. Eine Minute zu spät, das gilt bei der Bahn AG als äußerst pünktlich, besonders im Fernverkehr. Ganz anders soll das in Japan sein: da fahren sie auf die Sekunde los, egal ob der Koffer noch auf dem Bahnsteig steht. Oder der Kinderwagen, gerne auch mit Inhalt. Hier an Bord ist er jedenfalls nicht, und deswegen handelt es sich um eine sehr ruhige Reise, abgesehen vom quietschen und knattern des völlig veralteten IC-Wagens. Aber dafür gibt es viel Fußraum und sehr viel Platz für Gepäck, was die aktuelle Luxusflotte des ICE nicht zu bieten hat.

Am Flughafen ist - warum auch immer - noch mehr los als sonst. Besonders am Sicherheits-Check-In ringelt sich die Einwohnerschaft einer kleinen Kleinstadt auf den Eingang zu, teilweise recht nervös wegen spät. Aber die Flughafenangestellte am vorderen Ende des humorlosen Gaudiwurms verteilt die Reisenden souverän und freundlich auf die zehn Sicherheitsschalter und behält jederzeit den vollen Überblick. Bewundernswert, denn sie ist nicht größer als 1,50m und den Pickeln nach Auszubildende im 1. Lehrjahr.

Nach angemessener Zeit in einem spartanisch eingerichteten und eher knapp bemessenen Warteraum am Gate B61 werden die Passagiere gebeten, die bereit gestellten Busse zu besteigen. Offenbar leistet sich noch nicht einmal mehr CONDOR, ihre Maschinen an gut zugänglichen, modernen Rüsseln anzulegen. Nun gut. Die Stimmung im Bus ist es auch, bis das Flugzeug irgendwo ganz weit draußen erreicht ist, die Bustüren aber geschlossen bleiben. Mehrere Minuten lang kann man sehen, wie kleine Menschen mit riesigen Wäschepaketen und Müllsäcken aus dem Flugzeug kommen, davor Absperrungen errichten und mit Flughafenautos wild herum rangieren. Die Temperatur im Bus steigt und steigt, die Laune sinkt, und die Stimmung wird langsam hitziger. Eine kurze informative Durchsage wäre schön gewesen, muss aber nicht sein, denkt sich der Busfahrer. Vielleicht weiß er aber auch nichts. Während sich der eine oder andere Passagier bereits theoretisch mit der Funktion des Notöffnungshebels beschäftigt, wird am Flugzeug die Gangwaybeleuchtung eingeschaltet, und plötzlich gehen die Bustüren auf. Zum Glück fällt keiner vor Schreck raus, und da nur ein einziger Fußkranker unter den Passagieren ist, füllt sich das riesige Flugzeug nahezu blitzartig. Das habe ich bei meiner letzten Reise mit einem viel kleineren Flugzeug ganz anders erlebt.

Der Flug geht dann tatsächlich pünktlich los, ist ruhig und ereignisarm bei netter Gesellschaft, und ich freue mich schon auf den hier üblichen Flugzeug-Parkplatz-Spaziergang, hinein in die Ankunftshalle ohne Wände. Aber nein, sie haben jetzt eine Rüsselanlage. OK, war gelogen, und wer Punta Cana kennt, hat es auch nicht geglaubt. Aber wahr ist: man muss jetzt Bus fahren, auf die Gebäuderückseite, kommt so zu einem neuen, klimatisierten Ankunftsterminal und zeigt da seinen Pass vor. Anschließend geht es, na ratet Ihr es schon - in das alte Ankunftsgebäude, denn da stehen nach wie vor die Kofferbänder. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn heute funktionieren sie wieder einmal nicht. Zum Glück ist mein Koffer schon da, und ich kann zum Zoll, der mein Handgepäck sehen möchte. Hier haben sie ganz besondere Mitarbeiter: Während in Frankfurt meine beiden Kameras mit einem neuartigen elektronischen Gerät getestet wurden, immerhin ohne dass ich sie hätte auspacken müssen, hat der dominikanische Zöllner alles im Blick: er deutet auf die geschlossene Fototasche, ich sage "Kameras!", er nickt und sagt "ok". Das war die Zollkontrolle.

Ein paar Minuten noch mit dem Bus, dann bin ich im Hotel, wo schon das Zimmer vom letzten Mal und ein Welcome-Back-Gruß auf mich warten. Und zum Glück auch ein großes Bett, denn das habe ich jetzt nötig.



Freitag, 3. Mai 2019

Here Comes Summer

Liebe Fans und Freunde meiner Reiseberichte! 

Morgen ist ein besonderer Tag. Zum ersten Mal seit fast fünf Jahren - und das ist bekanntlich ein halbes Jahrzehnt - geht es auf eine Fernreise. Wer sich darauf einstimmen möchte, dem empfehle ich meine Geschichten aus dem Oktober 2013. Ansonsten wünsche ich Euch viel Spaß mit der neuesten Reise in den Sommer.

Euer

Captain Spareribs



Mittwoch, 14. November 2018

Heimkehr

Unsere Reise begann mit einem gesperrten Hafen. Warum soll es am Ende anders sein? Nachdem der Captain schon die halbe Nacht auf seinem - nein, es gehört ja dem Schiff - also, auf dem Nebelhorn geübt hat (1x pro Minute "tuuut"), bin auch ich wach. Da die Reise mit einer spektakulären Einfahrt nach Venedig enden soll, suche ich mir beizeiten einen ruhigen Platz. Das ist gar nicht so einfach, denn seit 9:00 Uhr hat niemand mehr eine Kabine, was bedeutet, dass überall auf dem Schiff heimatlose alte Menschen herumsitzen. Ich finde einen Platz auf Deck 8 (genau den selben wie gestern) und genieße die Einfahrt in den Hafen, vorbei am Markusplatz und all den schönen Ansichten von Venedig. 


Da der Nebel sich dann doch noch rechtzeitig verzogen hatte, haben wir nur eine Viertelstunde Verzug, und alle Verbindungen sind pünktlich. Aber ich frage mich trotzdem, warum eine Netto-Reisezeit von einer knappen Stunde ab Schiff bis Haustür glatte sieben Stunden dauern muss? Die Lufthansa sollte doch mal eine Direktverbindung zwischen Nürnberg und Venedig einrichten!

Egal wie lange - ich bin wieder zuhause. Ich hoffe, es hat Euch gefallen, mit mir auf große Fahrt zu gehen, und Ihr tut es im Mai 2019 wieder.

Euer

Captain Spareribs


Dienstag, 13. November 2018

Verruckt nach Meer

Wir haben unseren letzten Hafen erreicht, Zadar in Kroatien. Auf den ersten Blick wie gestern: Bekleckerte Pier, moderne Promenade, alte Gebäude. Davor allerdings ein größeres Industriegebiet, dass einem Fußmarsch in die Stadt den Spaß nimmt. Und das, obwohl das Wetter immer noch sehr gut ist, sonnig und warm, auch wenn viele Rentner in Pullover und Daunenjacke herumlaufen. Schwitzend. Aber das ist nur ein kleiner Teil der schrägen Menschen und Dinge, die ich in den letzten Tagen gesehen, erlebt oder erzählt bekommen habe.

Da wäre der alte Mann, der mir mädchenhaft erzählt, dass es in der Tante-Emma-Boutique gerade Rabatt auf Polohemden gibt. Außerdem hätte er in seinem Leben schon 25.000 Schiffe fotografiert (mit nur einer Hand, die andere fehlt ihm nämlich), und dann hat er die Jungfernfahrt für das neue Phoenix-Schiff . die Amera, gebucht, egal wohin, und, und, und - ja und gestern hätte ihn so eine alte vertrocknete Finanzbeamtin aus Berlin vollgenölt, dass es in Berlin so schrecklich ist, dass es ihr dort gar nicht gut geht, etc. Die kenne ich. Am Vorabend hatte sie mir aus sicherer Entfernung über eine Stunde lang zugesehen, wie ich mich sehr gut mit ein paar Leuten aus dem Ruhrgebiet unterhalte. Sobald die weg waren, hatte sie sich auf den Weg zu mir gemacht, so gerade es noch ging. Gemeinsam mit ihrem 34. Glas Rotwein, so deutlich wie sie gesprochen hat. "Na, sind Sie immer noch allein?" lallt sie mich an. "Seit ca. 30 Sekunden" antworte ich wahrheitsgemäß. Sie quält sich auf den freien Barhocker neben mir (fast alle Hocker sind frei) und ich bin zum erstenmal im Leben froh, das mein Glas schon fast leer ist.Was sie mir während dem letzten Schluck alles erzählt hat weiß ich nicht, ihre Zunge ist einfach schon zu schwer.

Einer der Ruhrgebietler von vor der Berlinerin hatte dagegen in klarer Sprache eine schöne Geschichte aus seinem Berufsleben präsentiert: In den achtziger Jahren, er war als Justizangestellter am Gericht tätig, hatte er einmal eine Vernehmung durchzuführen, unterstützt von einer jungen Auszubildenden. Es ging dabei um einen Punk-Musiker, der nach seinem Konzert in ein Schwimmbad eingedrungen war und deswegen eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch erhalten hatte. Sollte jemandem von Euch dieser Fall an irgendetwas erinnern, macht es die Geschichte nur spannender. Der Punkmusiker mit Namen Frege, Andreas, erschien pünktlich und war freundlich und kooperativ. Auf die abschließende Frage des Justizmenschen, in welcher Band er denn spiele, bekam er zur Antwort, dass der Bandname etwas mit leblosen Kleidungsstücken zu tun hat. Man verabschiedet sich höflich, der Musiker geht, und viele von Euch ahnen vielleicht was jetzt kommt: Die Justizauszubildende, mit hochrotem Kopf, einer Ohnmacht nahe, stammelt mit letzter Kraft "Mensch, das war doch der Campino von den Toten Hosen!". Unter diesem Namen hätte ihn sogar unser Gerichtsbeauftragter sofort erkannt.

Anderes Thema. Ich hatte Euch ja schon von den "Spice Grannies" erzählt, die mittlerweile Tagesgespräch auf dem Schiff sind, in deren Nähe niemand sitzen will, weil sie so extrem laut zum einen und so extrem einfach gestrickt zum anderen sind. Wie man inzwischen hört, waren sie an Bord gekommen, weil sie die nächsten Staffellieblinge bei "Verrückt nach Meer" werden wollten. Um einen Pasagier bei dieser Serie spielen zu dürfen, sind folgende Eigenschaften gefragt: übergewichtig, tätowiert, irgendwie schräg, gerne sehr häßlich,  einfach gestrickt, möglicherweise mit einer rührseligen Geschichte im Zusammenhang mit einem der angesteuerten Ziele behaftet. Die vier hätten bestimmt dazu gepasst. Aber die Produktion wollte sie nicht. Gar nicht. Trotz mehrerer Vorstöße ihrerseits: absolut nicht. Warum wohl?

Im Augenblick sitzen sie beim Frühstück auf Deck 8, ziehmlich weit von mir entfernt, und übertönen problemlos den Lärm der Baumaschinen im Hafen, direkt unter uns. Ein Deck tiefer geht es besser, und ich muss doch mal lästern, auch wenn es frauenfeindlich klingt:

Am Heck, auf Deck 4, gibt es eine schöne Außenbar, mit gemütlichen Sesseln, einer kleinen normalen Theke, und einer halbrunden Theke, die sich über die Reling des halbrunden Hecks zieht, und von der aus man einen herrlichen Blick aus dem Schiff heraus hat. Davor stehen viele runde Barhocker, und alle sind frei. Der Blick ist von allen Barhockern aus ebenfalls mehr oder weniger gleich. Eine junge Frau ist hier unterwegs, mehr noch ein Mädchen, dünn, Typ brotlose Studentin mit dicker Brille. Die Art, wie sie ihre Tasche umklammert hält, lässt sie als weniger offenen Menschen erscheinen. Sie visiert nun die Theke am Heck an, läuft nach rechts, läuft nach links, läuft nach rechts, läuft nach links - noch immer sind alle Barhocker frei - läuft nach rechts, läuft bis halblinks, bleibt stehen, zögert, gibt sich einen Ruck und besteigt zielstrebig den einzigen Platz, wo auf der Theke ein Aschenbecker steht. Den einzigen. Woraufhin sie den Aschenbecher wütend auf die Seite schiebt. Kein Kommentar.


Ich hätte noch Dutzende Geschichten, aber allmählich sollte ich die Überschrift erklären. Ich bin auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen zum schreiben. Die Kabine ist noch nicht fertig, die Cassablanca-Bar menschenleer (was gut ist), aber es wird doofe Musik gespielt, was schlecht ist, also fahre ich nach Deck 8, zur Kopernikus-Bar im Freien, weil es da Tische gibt und meistens Ruhe herrscht. Meistens. Heute stehen vor der Backbord-Tür die Sous-Chefs, das sind die Köche mit den hohen Mützen. Ich gehe durch die Steuerbord-Tür, finde einen freien Tisch und wundere mich schon, dass keiner nach meinen Wünschen fragt. Ich sehe mich um, und finde auf dem großen, runden Podest in der Mitte des Decks nicht nur die Sous-Chefs, sondern auch die Reiseleiter, die Offiziere, sämtliche Kellner und Barkeeper, die normalen Köche, von denen viele eine Buchstabentafel bei sich haben - was steht da? - REVCKÜT CAHN REMER - klingt türkisch, inzwischen ist auch ein Fernsehteam eingetroffen, dazu die Offiziere und ein paar Maschinisten, ich kann die Schilder kaum noch sehen - ERCÜVKT HACN ERREM - oder so ähnlich. Es ist ein Riesentohuwabohu auf dem Deck, keine Ruhe zum schreiben, aber interessant - das Deck bebt, alle 64 Köche treten an, in fast schon militärischer Formation, dazu zwei Dutzend Küchenhilfen. Als auch noch Captain Morten Hansen mit einem Megaphon erscheint, ordnet sich das Chaos, denn irgendwie hören sie alle auf den Befehlston des - nein, des Küchenchefs - wer hätte das gedacht. Die Jungs mit den Buchstaben haben sich sortiert und halten sie in der richtigen Reihenfolge hoch, die Mädchen und die Jungs vom Housekeeping stehen inzwischen winkend eine Etage höher, der Fernsehregisseur ist zufrieden, und jetzt wird die mühevoll arrangierte Szene gefühlte zehnmal aufgezeichnet: Der Captain ruft in sein Megaphon: "Verruckt nach Meer!" und etwa 300 Kehlen brüllen zurück: "VERRRUCKT NACH MEER!"

Crazy!

Montag, 12. November 2018

Das letzte Land

Ein neuer Tag, die Sonne scheint, das Schiff liegt im Hafen und die Leine hält. Wir sind in Split, das liegt in Kroatien und ist das letzte Land, also, auf dieser Reise. Obwohl zurück in der EU, sieht es hier ziehmlich beschissen aus. Das liegt aber nur an den hartnäckigen Hinterlassenschaften der zahlreichen riesigen Möwen, die es sich hier gut gehen lassen. Wenn man in die Stadt geht, wird es langsam besser. An einen modernen Fährhafen und verschiedene knallbunte Verkaufsstände - auch für diverse Dienstleistungen - schließt sich eine schöne großzügige Strandpromenade an, mit modernen Gebäuden, Cafés, Läden, Palmen und unfassbar vielen Sitzbänken. 



Wagt man sich, weg vom Meer, hinter die erste Gebäudereihe vor, wird man belohnt mit dem Anblick von engen Gäßchen, kleinen Plätzen, hübschen kleinen Läden, ähnlich wie in Kotor, nur ohne Katzen. Klar, die wohnen ja alle in Montenegro. Was aber hier auffällt: alles ist sehr, sehr teuer. Und wie seltsam sie das €-Zeichen schreiben! Sieht fast aus wie ein K. Ist es auch, und steht für die Landeswährung Kuna. Ich hatte es nicht gewusst vor heute morgen, als ich die Länderinfo gelesen habe, die man täglich in den Briefkasten bekommt. Kroatische Preise teilt man durch sieben, dann hat man den Eurowert. Natürlich nehmen sie den Euro an, zum korrekten Wechselkurs. Und mit etwas Glück bekommt man auch das Wechselgeld in Euro. Plötzlich ist das Preisniveau in etwa wie in Montenegro, also geringfügig günstiger als in Deutschland.

Sonntag, 11. November 2018

Stadt der Katzen

Mit dem heutigen Tag lassen wir Griechenland, sowie sämtliche Inseln dieser Reise, als auch vorrübergehend die EU hinter uns und besuchen das schöne Montenegro. Heute sind wir in den größten, schönsten (und einzigen) Fjord des Mittelmeers eingefahren und liegen nun am Ende der Bucht von Kotor an der einzigen großen Pier des dazugehörigen Hafens, direkt vor dem Tor zur Altstadt.

Montenegro ist, wie ihr sicher wisst, früher ein Teil Jugoslawiens gewesen, und hat seit seiner Unabhängigkeit ein besonders spezielles Verhältnis zu Deutschland: gesetzliches Zahlungsmittel ist, oder vielmehr war die DM. Und als die durch den Euro ersetzt wurde, hat man das in Montenegro auch gemacht. EU-Mitglied ist man noch nicht, und dünn besiedelt auch: mit 600.000 Einwohnern im ganzen Land sind es nicht viel mehr als in Nürnberg.

Wir liegen also an der einzigen Pier, worauf der Kreuzfahrtdirektor besonders stolz hinweist. Das läge daran, dass man die Anlegestellen immer schon zwei Jahre im voraus bucht.

Rückblick: drei Jahre zuvor, gleiche Stelle, gleiches Schiff. Obwohl im Programm "anlegen" steht, liegen wir auf Reede und werden ausgebootet. An der Pier ist nämlich schon einer. Mein Theorie: das Schiff, das zuerst ankommt kriegt die Pier. Die Bucht ist nämlich so eng, dass man an einem Schiff, das davor auf Reede liegt, nicht vorbei kommt. So weit meine Theorie.


Zurück zur Praxis: ich habe heute einen geführten Spaziergang durch die Altststadt von Kotor gebucht und freue mich schon drauf. Leider nicht nur ich. Vor dem meeresseitigem Stadttor trifft unsere 22-köpfige Turi-Herde auf die einheimische Reiseleiterin. In hervorragendem deutsch gibt sie über mehrere Minuten einführende Informationen über Montenegro im allgemeinen und Kotor im besonderen. Nehme ich jedenfalls an, denn gegen den Verkehrslärm auf der einen und eine lautstark diskutierende Männergruppe auf der anderen Seite kann sie sich stimmlich nicht durchsetzen. Da hätte schon die am Donnerstag erwähnte Tessa Schwierigkeiten.

Wir durchqueren das Stadttor, und der Lärm ist weg. Ungehindert dringen die Schrittgeräusche unserer Touristenherde ans Ohr, unterstützt vom gelegentlichen Klicken der einen oder anderen Gehhilfe. An einem hübschen kleinen Platz mit einer schmalen Sandsteinkirche, auf deren Treppenstufen sich mehrere junge Katzen räkeln, bleiben wir stehen. Die Reiseleiterin lüftet nun das Geheimnis um den Namen dieser schönen Stadt: Kotor wurde im Frühmittelalter gegründet, von deutschen Einwanderern. Zu der Zeit gab es hier schon eine ältere tartarische Ansiedlung, in der sich, so wie auch heute noch, auffällig viele Katzen tummelten. Da die meisten dieser Katzen männlich waren, und die Einwanderer wenig religiösen Bezug hatten, benannten sie ihre neue Heimat nicht nach einem Heiligen, sondern nach dem altmittelhochdeutschen Wort für "Kater". Und das hieß "Kotor".

Mich hat diese ungewöhnliche Geschichte völlig gefesselt, denn das hatte ich nicht erwartet. Aber zugegeben - sie ist völliger Blödsinn. Ich weiß auch nicht, ob die Reiseleiterin wirklich über den Namen der Stadt gesprochen hat, denn gleichzeitig mit ihr haben die Kirchenglocken losgelegt. Ich verliere die Lust, trenne mich von der Gruppe und mache meinen eigenen Spaziergang. Es ist unfassbar schön hier, klein, verwinkelt, an jeder Ecke laden kleine Bars und Restaurans ein (kein Schreibfehler, hierzulande lässt man das zweite "t" weg), es gibt kleine Geschäfte für Souvenirs, Schmuck, Klamotten, alles was man will. Die meisten Gebäude sind in sehr gutem Zustand, mit gewollten Ruinenteilen dazwischen. Ich komme mir vor wie in einer Filmkulisse, so schön ist das alles hier. Außer, wenn einem mal wieder eine geführte Spaziergängerherde entgegen kommt. Inzwischen gibt es nämlich ein zweites, größeres Schiff hier (die "Viking Sun", unsere Piernachbarin von gestern, sowie ein weiteres), und dementsprechend viele Leute sind in der Stadt. Aber ich habe Glück, finde immer wieder kleine einsame Straßen, die ich nur mit unzähligen niedlichen Katzen teilen muss, bis ich auf einen Souvenirshop der besonderen Art stoße. Es gibt hier nur Katzensouvenirs, und die hinteren Räume sind ein privates Katzenasyl. Überall sitzen und liegen Katzen, aber alles ist blitzssauber und gepflegt, der Laden und die Tiere.

Als die Stadt sich weiter füllt, suche ich meinen Frieden auf der Artania. Zunächst allerdings vergeblich, denn heute ist der 11.11., also Faschingsanfang. Eine schreckliche Stunde lang gibt es Krapfen, Korn und Faschingsmusik. Naja, wer es mag...

Während dem Abendessen legen wir ab, und ich muss erneut darüber nachdenken, wer die Pier kriegt. Die "Viking Sun" ist nämlich noch da (auf Reede, Ihr erinnert Euch), und wir fahren problemlos daran vorbei. Das mit dem Platz war es also nicht. Neue Idee: die Pier bekommt, wer am meisten dafür bezahlt. Oder vielleicht würfelt die Hafenmeisterei? Zieht Streichhölzer? Die Behörden hier haben nicht den besten Ruf...



Samstag, 10. November 2018

Und täglich grüßt das Murmeltier

Ein neuer Tag beginnt, die Sonne scheint, das Schiff liegt still. Auf die Frage nach der Uhrzeit antwortet mein iPhone mit der Anzeige "Herzlich willkommen in Albanien". Obwohl apple-Geräte als relativ intelligent gelten, liegt hier wohl ein Irrtum vor, denn wir haben auf Korfu festgemacht. Oder heißt es an Korfu? Auf jeden Fall ist diese letzte Insel meiner Reise griechisch, trotz der tatsächlich sehr geringen Entfernung zu Albanien. Nach einer Weile merkt es auch das Telefon und wählt sich in ein griechisches Netz ein, was netterweise billiger ist.


Ich mache einen Spaziergang über die Kreuzfahrtmole, die wir uns heute mit der Viking Sun teilen, mogele mich an einem Fernsehteam vorbei, dass gerade mit dem Captain und dem Kreuzfahrtdirektor beschäftigt ist, und lasse das Kreuzfahrtterminal und den geschäftigen Fährhafen hinter mir. Von nun an geht es bergab , in jeder Hinsicht. Abgenutzte Straßen, gesäumt von Unkraut und brüchigen Häusern, führen zum sogenannten Zentrum von Kerkyra, der Hauptstadt von Korfu. Oder ist Korfu die Hauptstadt von Kerkyra? Völlig wurscht, denn Kerkyra ist der griechische Name für Korfu.

Nachdem die Klugscheisserei beendet wurde, habe ich das Zentrum erreicht, das aus einigen brüchigen Hotels, schrottigen Geschäften und krümeligen Gebäuden mit verrammelten Türen und Fenstern besteht. Einladend ist es hier nicht, es gibt noch nicht einmal Souvenirgeschäfte, und so mache ich mich auf den Rückweg und verbringe einen herrlichen ruhigen Nachmittag an Bord, mit frischer Seeluft und Blick ins schöne Albanien.

Als es dunkel wird und das Schiff los fährt, bekomme ich Hunger und bewege mich vorsichtig in Richtung Restaurant. Doch auch wenn ich es versuche, ich kann ihm nicht entkommen. Das Fehlen der Kellner am Eingang weist schon darauf hin, dass es auch heute wieder geschiehen wird. Und als ich den Eingang erreiche, muss ich es tatsächlich wieder hören: "Zum Geburtstag viel Gluck!"



Freitag, 9. November 2018

Der 100. Tag

In Patras sind wir heute, dem Anfang des Kanals von Korinth, der Griechenland in Ost-West-Richtung teilt. Für eine Durchfahrt sind wir leider zu groß, das einzige Kreuzfahrtschiff der Welt was das kann ist die Berlin. Aber mit der wäre ich dann nicht so gern im Sturm unterwegs gewesen...

Die Artania liegt sehr nahe am Stadtzentrum, das man deswegen gut zu Fuß erreichen kann. Muss man aber nicht, denn zur Überraschung aller - auch der Reiseleitung - gibt es heute für diese Strecke einen Shuttlebus, der überraschenderweise nichts kostet. Wann und wie lange er verkehrt? Da muss man sich überraschen lassen. Griechenland halt.

Im Zentrum angekommen, gibt es eine breite Straße mit großen Häusern und teuren Geschäften, sowie eine Fußgängerzone mit mittleren Häusern und mittleren Geschäften, von denen manche geschlossen sind. Ja, und dann haben wir noch die vielen Nebenstraßen mit kleinen Geschäften, von denen viele geschlossen und noch mehr ziehmlich herunter gekommen sind, ebenso wie die Gebäude drumherum. Überall bröckelt es, überall waren Sprayer am Werk, es sieht aus wie im Osten. Sind wir ja auch, nicht im Osten Griechenlands natürlich, sondern am östlichsten Punkt unserer Reise. Gleichzeitig ist heute seit 2009 der 100. Tag, den ich auf einem Kreuzfahrtschiff verbringe. Was das Abendessen auch nicht besser macht. Aber lustig ist es zum Abschluss: Zuerst singen die Kellner dem heutigen Geburtstagskind "zum Geburtstag viel Gluck", kurz danach wünscht Captain Morten Hansen für morgen "einen schönen Tag in Corfü".




Donnerstag, 8. November 2018

Ereignisse

Das wirklich hervorragende Pflegepersonal auf der Artania ist stets bemüht, unter den Patienten keine Langeweile aufkommen zu lassen, insbesondere während die schwimmende Seniorenresidenz unterwegs ist. So hatte man gestern zum Auslaufen aus Valetta, dem südlichsten Punkt unserer Reise, das schon erwähnte Barbeque organisiert. Da es gleichzeitig mit dem planmäßigen Mittagessen lief, brachte es Entspannung in den normalen Restaurants, zumal das Wetter sehr schön war und noch immer ist. Es hätte ein angenehmer Nachmittag werden können und wurde es für mich auch, aber viele andere gerieten in Vorbereitungsstress, denn am Abend sollte der mittlere Galaabend sein, mit Nachholung des Captain's Cocktail und Möglichkeit zum gemeinsamen Foto, das ja wegen dem Sturm ausgefallen war. Da will man natürlich elegant aussehen, was dem einen oder anderen auch gelungen ist. Besonders den Kellnern, die nicht ihre übliche Arbeitskleidung tragen - weißes Hemd zu schwarzer Hose und blauer Weste - sondern eine sehr schöne cremefarbene Galauniform. Als mir einer der Kellner ein Glas Rotwein auf einem Tablett servieren will, stößt er versehentlich dagegen, es schwappt über, allerdings von mir weg. Elegant und überlegen lächelnd fängt er es ab - naja, fast - es fällt in meine Richtung und leert sich komplett. Zwei, drei Spritzer landen auf meiner schwarzen Hose und werden wohl trocknen ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Das Dinnerjacket des Kellners dagegen ist von oben bis unten rötlich geworden und muss in die Wäsche. Er und vier andere Kellner entschuldigen sich bei mir, und der Pechvogel sagt grinsend "Seegang". Das Meer ist spiegelglatt, auch heute noch, und das ist gut so. Heute nachmittag spielen wir nämlich wieder Mumientetris mit den Tenderbooten.

Bis dahin werden, lautstark da schwerhörig, beim Frühstück an den umliegenden Tischen neben den üblichen Belanglosigkeiten auch die kommenden Events besprochen. Sie: "Weischt, Schätzle, es isch glei zehne. Und um elfe isch de bayerische Brotzeit." - "mit Freibier" - wirft er ein "Und um zwölfe gibt's scho Middag" setzt sie ihre Rede fort. "Mit vier Gänge!" So sieht sie auch aus. Ich weiß nicht warum man an manchen Tage eine verflixte 7. Mahlzeit anbietet und ziehe mich in die Casablanca-Bar zurück, da habe ich auf der Nichtraucherseite einen Lieblingsplatz wo ich in Ruhe habe schreiben kann. Normalerweise. Während ich auf meinen leckeren Capuccino warte, verteilen sich einige Frauen erwartungsvoll in der Bar. O je, denke ich, jetzt spielen die gleich wieder Bingo. Aber wo sind die Männer? Es werden immer mehr Frauen, langsam kriege ich Angst, dass sie Beckenbodengymnastik oder so was machen. Nein, voll daneben. Es gibt einen Tuchbindekurs. Eine Mitarbeiterin aus dem bordeigenen Tante-Emma-Laden führt ihn durch. Sie macht das sehr schön, aber da sie kein Mikrofon benutzt, dürfte vieles was sie sagt die dafür bestimmten Ohren nicht erreichen. Besonders deswegen, weil inzwischen auf der Raucherseite, getrennt nur durch einen Raumteiler und eine kleine Tanzfläche, ein Brettspiel stattfindet, das neben laut klickenden Geräuschen auch lautes Gelächter erzeugt, gekrönt durch die Anweisungen und Anfeuerungsrufe von Tessa, einer jungen Reiseleiterin/Animateurin (das sind alles Zwitter hier, also, was die Funktion betrifft). Wie die meisten Animateure braucht Tessa kein Mikrofon. Man versteht sie auch noch in der nächsten Bar. Das könnte man bei der Raumaufteilung zukünftig vielleicht beachten. Viele der Patientinnen fallen jetzt über die Tuchbindefrau her und lassen sich alles noch einmal zeigen, bis sie in ihren Laden flüchtet.

Paradiesische Ruhe ist eingekehrt in der Cassablanca-Bar. Wir haben nämlich Freibierzeit.

Als der große Teil der mitreisenden Vielbeschäftigten mit der darauf folgenden Mahlzeit befasst ist, dem Mittagessen (obwohl es heute nur Reste gibt), kommen wir in der Buch von Pylos an. Und weil die so klein ist, verzieht sich die Sonne um Platz zu schaffen. Den Rest des Nachmittags über wechseln sich Bewölkung, Regen und Gewitter ab. So stellt man sich Griechenland nicht vor. Mal sehen, wie es morgen wird.



Mittwoch, 7. November 2018

Menschen auf dem Schiff

Es gibt hier viele verschiedene: Die nautische Mannschaft, die guten Geister des Hotels, und die Gäste, die man offiziell Passagiere nennt. Warum auch immer. Als ich letztes Jahr auf Reha musste, hätten die meisten Klienten dort viel eher diesen Titel verdient. Jedenfalls gab es dort bei vergleichbarer Belegung deutlich weniger Rollatoren, Gehhilfen und graue Haare zu sehen. Auch weniger Glatzen, trotz Onkologiestation. Bevor ich weiter schreibe: ich möchte mich sicher nicht lustig machen über jedwedes Gebrechen irgendeines Menschen. Vielmehr soll jeder etwas zu lachen haben.

Die nautische Mannschaft werde ich hier überspringen, denn die macht nur professionell und unauffällig ihren Dienst und ist nicht lustig, außer wenn der Captain Hansen wieder einmal seine "Meldung von der Brrrrügge" in lustigem deutsch unter die Leute bringt. Unverulkt bleiben sollen auch all die Leute, die für Sauberkeit sorgen, in der Küche schuften, alles instand halten und, und... halt, zum Thema Instandhaltung habe ich einen. Wer "Verrückt nach Meer" sieht weiß, dass es immer ein paar Praktikanten gibt: Einen in der Küche, mal einen Nautiker, oder jemanden an der Rezeption. Diese Praktikanten sind echt, aber um so eine Stelle zu kriegen muss man sich nicht an die Reederei wenden, sondern - Überraschung - ans Fernsehen. Das war noch nicht der Witz. Also, im Bus von Mailand nach Genua saß neben mir ein ganz junger Mann, der neue Praktikant für die Bordschreinerei. Intelligent, gutaussehend, nur an seinem Dialekt muss er noch arbeiten, sonst braucht er Untertitel. Jedenfalls haben wir uns super verstanden, und als ich beim verabschieden äußere, dass es schön wäre, wir könnten an Bord auch einmal quatschen, sagt er: "Mach einfach was kaputt. Dann schicken die höchstwahrscheinlich mich zum reparieren." Nein, das habe ich nicht ausprobiert, bis jetzt. Aber lustig wäre es schon. Zumal die Möglichkeit besteht, dass er ein Kamerateam im Schlepptau hat.

Meine Kabinenstewardess ist auch so eine Ulknudel. Abends, wenn sie zum turn down kommt (Vorhänge zu, Nachtlicht an, Obstkorb auffüllen, Betthupferl hinlegen) bin ich meistens noch nicht weg zum Abendessen und sitze deswegen in der Kabine. Wenn sie rein möchte, klopft sie so leise wie sie klein ist oder vielleicht auch gar nicht, reißt die Tür auf und erschrickt dann fürchterlich, weil sie ja nur in leere Kabinen gehen soll. Mir macht es normalerweise nichts, und beim duschen hat sie mich noch nicht gestört. Es wäre lustig dann ihren Gesichtsausdruck zu sehen, aber ich würde es nicht, denn ohne Brille sehe ich nur einen hellen Fleck. Oder duscht jemand von Euch mit Brille?

Am liebsten mag ich aber die Kellner im Restaurant, die Pfleger sozusagen. Die tun immer völlig überzeugend so als lieben sie ihren Job und ihre Gäste, winken schon von weitem um einen zum gewünschten Platz zu lotsen, versuchen sich mit den Patienten zu unterhalten, und verwöhnen einen nach Strich und Faden. Wenn sie am Frühstücksbufett jemanden sehen, der es mit seinem Teller nur mit Mühe zurück zum Platz schafft, und das kommt oft vor, dann tragen sie ihm den Teller hin. Weiß gar nicht, warum sie das mit mir neulich auch gemacht haben. Ich war nur deshalb so langsam, weil ich einem gehbehinderten den Vortritt gelassen habe beim Laufen gegen die Strömung...

Normalerweise bekomme ich einen netten Zweiertisch für mich alleine, aber manchmal setzen sie notgedrungen noch jemanden dazu. Interessant, wenn man auf Omas steht. Mit zwanzig hätte ich mich über die Gesellschaft einer zehn Jahre älteren Frau wahrscheinlich gefreut. Heute müsste sie schon sehr besonders sein, so wie Iris Berben oder Agneta Fältskog.

Einmal hatte ich Gesellschaft von einer handfesten adipösen Fränkin, die aber immerhin noch Herrin ihrer Sinne und leidlich unterhaltsam war. Ein anderes Mal saß bei mir eine magere "feinen Dame" aus dem ehemaligen Schlesien. Die war für maximal eine halbe Stunde geringfügig unterhaltsam, danach kannte ich ihre Geschichte, ihre Krankheiten, ihre Einstellung zur Schulmedizin, ihre verrückten Ansichten über jegliche Verschwörungstheorien, und so weiter. Und das alles, obwohl ich sie bei der lauten Umgebung kaum verstanden habe. Sie ist mir in den folgenden Tagen dann noch ein paarmal über den Weg gelaufen und hat mich zugetextet, angeblich zufällig. Mag sein. Aber dafür hat sie die Gelegenheit gut genützt.

Von allen "normalen" männlichen Gästen bin ich der einzige, der noch keine grauen Haare hat, und das merkt man. Viele Leute denken, ich bin gar kein Gast, sondern irgendein Künstler vielleicht, und im Moment, während ich das schreibe, auf Deck 8, weil meine Kabine noch nicht fertig ist, stehe ich im Fokus von gleich mehreren Frauen des klassischen Typus: rüstig, sympathisch vielleicht, mindesten 70, weiße Haare im typischen Männerhaarschnitt der guten deutschen älteren Frau, nein, ich lächele nicht zurück. Ich tue so, als hätte ich nichts bemerkt.

Nachdem sie jetzt hinter mir den Grill angeworfen haben und das Deck sich sehr langsam aber unaufhaltsam mit hungrigen Patienten füllt, (hungrig auf das BBQ), suche ich mir mal einen neuen Platz woanders.

Gefunden. Die Kabine ist endlich fertig. Zurück zu den Menschen...

Es gibt an Bord ein Vierergespann, bestehend aus zwei Pärchen, die optisch immer sehr auffallen. Alle vier sind groß und schlank. Die Männer tragen meist maritime Kleidung, viel weiß und helles blau, kurze Haare, wenig Ausstrahlung. Die Frauen sind auch beide groß und schlank, sehr hübsche Beine, perfekte Figur, und auch sonst mit Rundungen an den richtigen Stellen versehen, kein Gramm zu viel, aber auch keins zu wenig. Meistens tragen sie sehr kurze Sachen, dazu hohe Stiefel oder Glitzerschuhe. Überhaupt ist ihre Garderobe sehr auffällig und glitzernd, so wie man in den neunzigern in die Disco gegangen ist. Nur die Frisuren passen nicht dazu. Beide tragen blondierte, betonierte Lockenköpfe wie sie in den frühen siebzigern modern waren. Schlimm wird es, wenn man sie von vorn sieht: Keiner der vier ist unter sechzig. Und das sieht man auch, vor allem bei den Frauen. Als die vier gestern aus dem Restaurant gehen, stupst mich ein Kellner an, deutet unauffällig auf die Frauen und raunt mir zu: "Spice girls" spontan schüttele ich den Kopf und antworte mit "Spice grannies!". Er verliert vor Lachen fast die Beherrschung, geht zum nächsten Kollegen, und ich kann beobachten, wie sich der Gag unter den Kellnern fortpflanzt quer durch das ganze Restaurant.

Ursprünglich hatte ich irrtümlich vermutet, die vier würden zur Fernsehproduktion gehören. Die mögen nämlich so schräge Typen. Bis ich sie habe reden hören. Ihr tiefer dunkeldeutscher Dialekt müsste nämlich untertitelt werden.

Später an der Bar unterhalte ich mich mit drei verschiedenen Leuten, unabhängig voneinander. Und ebenso unabhängig voneinander beschwert sich jeder von ihnen über die vielen alten Leute hier. Lustigerweise ist keiner der drei unter 75. Aber was ist das? Fröhliches Jungmädchenlachen dringt an mein Ohr. Sollte doch noch Hoffnung bestehen? Nein, es sind nur die beiden schon erwähnten Geigenspielerinnen auf dem Weg zu ihrem heutigen Auftritt.

So vergehen die Tage im schwimmenden Altersheim. Malta haben wir jetzt auch erledigt.




Dienstag, 6. November 2018

Valetta

Valetta am frühen Morgen. Die Sonne scheint, die Frisur sitzt, und die Nacht im Hafen war - nein, gar nicht ruhig. Zwar gab es kaum Verkehrslärm und auch keine quietschenden Containerbrücken wie ich es anderswo schon erlebt habe, aber man glaubt kaum, dass es in einem angebundenen Schiff lauter sein kann als in einem fahrenden. Der Grund: die Schiffsmotoren machen während der Fahrt weniger Radau als der Stromgenerator im Alleinbetrieb. Ich denke, die Nachfrage nach Ohropax wird heute in der Bordboutique steigen. Ich selbst kenne zum Glück keine Probleme mit dem Lärm und habe super geschlafen, lecker gefrühstück und nehme Kurs auf die Gangway, um das Schiff zu verlassen. Dort kommen gerade die beiden Geigenkünstlerinnen, die in den letzten Tagen schon zwei Konzerte auf dem Schiff gegeben haben, in Reisekleidung an, mit Handgepäck aber ohne Geigen, um das Schiff erstmalig zu betreten. Natürlich werden sie dabei freundlich vom Kreuzfahrtdirektor begrüßt mit seinem berühmten "willkommen zuhause!". Klingt irgendwie strange? Oh - ich habe vergessen zu erwähnen, dass auch noch ein Kamerateam dabei steht.

Um nicht zu stören, trabe ich zur anderen Gangway, wo sich wegen Crewwechsel Dutzende gutgelaunter kleiner Phillipinos tummeln, die jetzt nachhause dürfen. Die hochgewachsene Sicherheitsoffizierin wirkt trotz ihres guten Überblicks überfordert und schickt mich wieder weg. Zum Glück ist jetzt die erste Gangway frei, und das Abenteuer beginnt.

Ich habe keinen Ausflug gebucht, denn ich kenne Valetta schon und spreche die Landessprache. Nein, nicht maltesisch (einer Art arabisch, durchsetzt mit französischen und italienischen Elementen) sondern die andere, englisch. Das nützt zwar nichts bei den maltesisch geschriebenen Straßenschildern, doch wozu gibt es ein Navi auf dem handy? Das führt mich ohne Umwege zum nahegelegenen Hard Rock Café (das hier Hard Rock Bar heißt), und ich freue mich auf ein Shoppingerlebnis der besonderen Art. 



Kriege ich auch, denn es ist hier klein, etwas muffig, von maltesischer Pflege (=etwas herunter gekommen) und man merkt die Nachsaison: wenig Auswahl, die schönsten Sachen gibt es nicht in meiner Größe, und sie haben nur männliches Personal.

Nach ein paar Minuten steuere ich mein nächstes Ziel an, den Aufzug, der die untere mit der oberen Altstadt verbindet, innerhalb weniger Sekunden und für nur einen Euro. Runterfahren ist sogar kostenlos. Oben bietet sich eine grandiose Aussicht, auf die Hauptstadt zum einen und auf den Hafen zum anderen. Damit hat man die seltene Gelegenheit, auch große Kreuzfahrtschiffe von oben zu betrachten, ohne erst irgendein Fluggerät besteigen zu müssen.



Ich besteige etwas später das Schiff. Da steht mutterseelenallein der Kreuzfahrtdirektor und haucht mir ein "willkommen zuhause" entgegen. Dabei ist gar keine Kamera mehr da. Vielleicht eine versteckte?




Das Allerletzte

Montag morgen, 9.30 Uhr. Ich genieße das wirklich sehr gute Frühstücksbuffet (das es gut ist, sollte man für 18€ auch erwarten). Eine halbe ...