Dienstag, 13. November 2018

Verruckt nach Meer

Wir haben unseren letzten Hafen erreicht, Zadar in Kroatien. Auf den ersten Blick wie gestern: Bekleckerte Pier, moderne Promenade, alte Gebäude. Davor allerdings ein größeres Industriegebiet, dass einem Fußmarsch in die Stadt den Spaß nimmt. Und das, obwohl das Wetter immer noch sehr gut ist, sonnig und warm, auch wenn viele Rentner in Pullover und Daunenjacke herumlaufen. Schwitzend. Aber das ist nur ein kleiner Teil der schrägen Menschen und Dinge, die ich in den letzten Tagen gesehen, erlebt oder erzählt bekommen habe.

Da wäre der alte Mann, der mir mädchenhaft erzählt, dass es in der Tante-Emma-Boutique gerade Rabatt auf Polohemden gibt. Außerdem hätte er in seinem Leben schon 25.000 Schiffe fotografiert (mit nur einer Hand, die andere fehlt ihm nämlich), und dann hat er die Jungfernfahrt für das neue Phoenix-Schiff . die Amera, gebucht, egal wohin, und, und, und - ja und gestern hätte ihn so eine alte vertrocknete Finanzbeamtin aus Berlin vollgenölt, dass es in Berlin so schrecklich ist, dass es ihr dort gar nicht gut geht, etc. Die kenne ich. Am Vorabend hatte sie mir aus sicherer Entfernung über eine Stunde lang zugesehen, wie ich mich sehr gut mit ein paar Leuten aus dem Ruhrgebiet unterhalte. Sobald die weg waren, hatte sie sich auf den Weg zu mir gemacht, so gerade es noch ging. Gemeinsam mit ihrem 34. Glas Rotwein, so deutlich wie sie gesprochen hat. "Na, sind Sie immer noch allein?" lallt sie mich an. "Seit ca. 30 Sekunden" antworte ich wahrheitsgemäß. Sie quält sich auf den freien Barhocker neben mir (fast alle Hocker sind frei) und ich bin zum erstenmal im Leben froh, das mein Glas schon fast leer ist.Was sie mir während dem letzten Schluck alles erzählt hat weiß ich nicht, ihre Zunge ist einfach schon zu schwer.

Einer der Ruhrgebietler von vor der Berlinerin hatte dagegen in klarer Sprache eine schöne Geschichte aus seinem Berufsleben präsentiert: In den achtziger Jahren, er war als Justizangestellter am Gericht tätig, hatte er einmal eine Vernehmung durchzuführen, unterstützt von einer jungen Auszubildenden. Es ging dabei um einen Punk-Musiker, der nach seinem Konzert in ein Schwimmbad eingedrungen war und deswegen eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch erhalten hatte. Sollte jemandem von Euch dieser Fall an irgendetwas erinnern, macht es die Geschichte nur spannender. Der Punkmusiker mit Namen Frege, Andreas, erschien pünktlich und war freundlich und kooperativ. Auf die abschließende Frage des Justizmenschen, in welcher Band er denn spiele, bekam er zur Antwort, dass der Bandname etwas mit leblosen Kleidungsstücken zu tun hat. Man verabschiedet sich höflich, der Musiker geht, und viele von Euch ahnen vielleicht was jetzt kommt: Die Justizauszubildende, mit hochrotem Kopf, einer Ohnmacht nahe, stammelt mit letzter Kraft "Mensch, das war doch der Campino von den Toten Hosen!". Unter diesem Namen hätte ihn sogar unser Gerichtsbeauftragter sofort erkannt.

Anderes Thema. Ich hatte Euch ja schon von den "Spice Grannies" erzählt, die mittlerweile Tagesgespräch auf dem Schiff sind, in deren Nähe niemand sitzen will, weil sie so extrem laut zum einen und so extrem einfach gestrickt zum anderen sind. Wie man inzwischen hört, waren sie an Bord gekommen, weil sie die nächsten Staffellieblinge bei "Verrückt nach Meer" werden wollten. Um einen Pasagier bei dieser Serie spielen zu dürfen, sind folgende Eigenschaften gefragt: übergewichtig, tätowiert, irgendwie schräg, gerne sehr häßlich,  einfach gestrickt, möglicherweise mit einer rührseligen Geschichte im Zusammenhang mit einem der angesteuerten Ziele behaftet. Die vier hätten bestimmt dazu gepasst. Aber die Produktion wollte sie nicht. Gar nicht. Trotz mehrerer Vorstöße ihrerseits: absolut nicht. Warum wohl?

Im Augenblick sitzen sie beim Frühstück auf Deck 8, ziehmlich weit von mir entfernt, und übertönen problemlos den Lärm der Baumaschinen im Hafen, direkt unter uns. Ein Deck tiefer geht es besser, und ich muss doch mal lästern, auch wenn es frauenfeindlich klingt:

Am Heck, auf Deck 4, gibt es eine schöne Außenbar, mit gemütlichen Sesseln, einer kleinen normalen Theke, und einer halbrunden Theke, die sich über die Reling des halbrunden Hecks zieht, und von der aus man einen herrlichen Blick aus dem Schiff heraus hat. Davor stehen viele runde Barhocker, und alle sind frei. Der Blick ist von allen Barhockern aus ebenfalls mehr oder weniger gleich. Eine junge Frau ist hier unterwegs, mehr noch ein Mädchen, dünn, Typ brotlose Studentin mit dicker Brille. Die Art, wie sie ihre Tasche umklammert hält, lässt sie als weniger offenen Menschen erscheinen. Sie visiert nun die Theke am Heck an, läuft nach rechts, läuft nach links, läuft nach rechts, läuft nach links - noch immer sind alle Barhocker frei - läuft nach rechts, läuft bis halblinks, bleibt stehen, zögert, gibt sich einen Ruck und besteigt zielstrebig den einzigen Platz, wo auf der Theke ein Aschenbecker steht. Den einzigen. Woraufhin sie den Aschenbecher wütend auf die Seite schiebt. Kein Kommentar.


Ich hätte noch Dutzende Geschichten, aber allmählich sollte ich die Überschrift erklären. Ich bin auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen zum schreiben. Die Kabine ist noch nicht fertig, die Cassablanca-Bar menschenleer (was gut ist), aber es wird doofe Musik gespielt, was schlecht ist, also fahre ich nach Deck 8, zur Kopernikus-Bar im Freien, weil es da Tische gibt und meistens Ruhe herrscht. Meistens. Heute stehen vor der Backbord-Tür die Sous-Chefs, das sind die Köche mit den hohen Mützen. Ich gehe durch die Steuerbord-Tür, finde einen freien Tisch und wundere mich schon, dass keiner nach meinen Wünschen fragt. Ich sehe mich um, und finde auf dem großen, runden Podest in der Mitte des Decks nicht nur die Sous-Chefs, sondern auch die Reiseleiter, die Offiziere, sämtliche Kellner und Barkeeper, die normalen Köche, von denen viele eine Buchstabentafel bei sich haben - was steht da? - REVCKÜT CAHN REMER - klingt türkisch, inzwischen ist auch ein Fernsehteam eingetroffen, dazu die Offiziere und ein paar Maschinisten, ich kann die Schilder kaum noch sehen - ERCÜVKT HACN ERREM - oder so ähnlich. Es ist ein Riesentohuwabohu auf dem Deck, keine Ruhe zum schreiben, aber interessant - das Deck bebt, alle 64 Köche treten an, in fast schon militärischer Formation, dazu zwei Dutzend Küchenhilfen. Als auch noch Captain Morten Hansen mit einem Megaphon erscheint, ordnet sich das Chaos, denn irgendwie hören sie alle auf den Befehlston des - nein, des Küchenchefs - wer hätte das gedacht. Die Jungs mit den Buchstaben haben sich sortiert und halten sie in der richtigen Reihenfolge hoch, die Mädchen und die Jungs vom Housekeeping stehen inzwischen winkend eine Etage höher, der Fernsehregisseur ist zufrieden, und jetzt wird die mühevoll arrangierte Szene gefühlte zehnmal aufgezeichnet: Der Captain ruft in sein Megaphon: "Verruckt nach Meer!" und etwa 300 Kehlen brüllen zurück: "VERRRUCKT NACH MEER!"

Crazy!

1 Kommentar:

  1. Der "Justizbedienstete aus dem Ruhrgebiet" hat amüsiert Deinen fast detailgetreuen Bericht über die Geschichte mit Andreas Frege in der Hauptrolle (und auch alle Deine weiteren Schilderungen unserer Reise mit der Artania) zur Kenntnis genommen und vertieften Einblick in Deine Erlebniswelt bekommen. Hätte mir bei unseren launigen Gesprächen an Harry´s Bar (noch) weitergeholfen...Grüße vom SCHREIBTISCH DES RUHRGEBIETS (???),Frohe Weihnachten, guten Rutsch, und vielleicht gibt es ein fröhliches Wiedersehen auf diesem oder einem anderen Mumienschiff (MS - Du erinnerst Dich?): Gerd

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