Montag, 3. April 2023

Santa Cruz (La Palma)



Wir haben die kanarischen Inseln erreicht, und vor uns liegt die höchste Hafendichte dieser Reise: heute und in den kommenden drei Tagen werden wir jeden Tag woanders anlegen, ohne die Ruhe von Seetagen dazwischen, aber auch ohne tagelanges Ausharren auf dem vollen Schiff … Obwohl, ganz voll sind wir nicht, nur zu 92%. Gut so, denn wir haben auch nur 90% Besatzung. Aber das Verhältnis sollte sich noch bessern.

Heute morgen hatte ich noch nichts vor, konnte aber gestern spätabends überraschenderweise noch einen Platz im heute morgen stattfindenden Kalligrafiekurs  (=die Kunst des schönen Schreibens) ergattern. Was für ein Glück!

Als ich dort ankomme, sehe ich, dass ich nicht einen, sondern den Platz ergattert habe. Alle anderen sind frei, und ich habe die kleine Kunstlehrerin, die aussieht wie ein Erstsemester, aber fertige antroposophisch studierte, was-auch-immer-Künstlerin ist, für mich alleine. Wir haben viel Spaß miteinander (nein, nicht solchen), und am Schluß kann ich sehr schön meinen Namen, nein, nicht tanzen, trotz Antroposophie, sondern schreiben. Sogar meine Finger sind noch sauber, ich hatte dem Füller aber auch im Falle dass nicht mit umgehender Entsorgung gedroht. Die Finger meiner Lehrerin dagegen sind schwarz, schon nach drei Buchstaben. Aber malende Künstler sehen ja immer irgendwie eingesaut aus, oder?


Am frühen Nachmittag gibt es dann einen Ausflug, teils mit einer Touri-Bimmelbahn, teils zu Fuß. Es gibt den üblichen kleinen Trecker vornedran, und zwei geräumige Wagen, die mehr freie Sitze bieten, als sich wartende Fahrgäste davor drängen (Schlange stehen ist ja bekanntlich nicht gerade die Kernkompetenz deutscher Touristen), was zu ersten Unruhen führt. Die einheimische Reiseleiterin lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen, öffnet eine Tür nach der anderen (jede Sitzbank hat eine eigene Tür), schiebt imm drei oder zwei Touristen hinein (manche sind so schwergängig, die muss man wirklich schieben) und schon geht es los. Zuerst fahren wir durch das nahegelegene Santa Cruz, und dann immer bergauf. Alles ist hübsch und gepflegt wie seit langem. Und wer jetzt ins grübeln kommt, von wegen La Palma, da gabe es doch etwas mit einem schlimmen Vulkanausbruch, hat durchaus Recht: Im Herbst 2021 war hier der Cumbre Vieja zwei Monate lang ausgebrochen und hatte mit Lava und Asche Häuser und Straßen zerstört und einige Gebiete auf der Insel arg in Mitleidenschaft gezogen. Aber die Berichte und Bilder der Nachrichtenagenturen, selbst der seriösen, die uns glauben lassen wollten, dass die Insel im Aschestaub versinkt und nicht wieder zu erkennen ist, waren völliger Unsinn. Der Vulkanausbruch, so dramatisch er für die betroffenen ohne Zweifel war, hatte sich auf eher kleinere Gebiete beschränkt. Der weitaus größte Teil der Insel sieht aus wie eh und je, und im Gegensatz zu meinem ersten Besuch hier in 2012 gefällt es mir heute richtig gut. Mag auch am strahlenden Sonnenschein liegen und der sehr viel besseren Reiseleiterin, die uns jetzt aus dem Bähnchen bittet, um eine kleine Festung mit Kapelle von außen zu besichtigen und die wundervolle Aussicht zu genießen, auf die Stadt, das Meer und den Hafen, wo heute zum Glück nur zwei Kreuzfahrtschiffe liegen. Ich glaube, mehr ginge auch gar nicht, denn die AIDASol, die sich zu uns gesellt hat, ist nicht sehr viel kleiner als wir, bringt aber mehr Passagiere mit, besonders so kleine, laute. 

Wir werden gebeten, wieder in das Bähnle zu steigen. Am einfachsten und schnellsten ginge es jetzt, wenn sich jeder wieder dort hinsetzen würde, wo er vorher gesessen hat. Aber einfach und diszipliniert war gestern, es setzt ein hauen und stechen ein um die Plätze (aber auch Gedankenlosigkeit, „ist mir doch egal“ oder „ich weiß es nicht mehr“). Ganz besonders wichtig nimmt sich ein großer, bulliger Mann um die sechzig, dem man anstatt einer Schüssel guten Benehmens, gewürzt mit einer Prise Empathie versehentlich eine laute Stimme gegeben hat, kombiniert mit einem dürftigen Basis-Wortschatz. Eine sehr laute Stimme. Ich würde jetzt nicht sagen wollen, er ist ein typischer Prolet, aber ich weiß keine treffendere Bezeichnung. Und warum darf ich nicht einmal unhöflich sein? Er ist es doch auch. Und das geht so:

Ich sitze weit hinten im Wagen, da, wo ich vorher auch schon gesessen habe, neben den selben Sitznachbarn, jedoch in geänderter Reihenfolge. Und? Alles bestens. Die vorderste Tür springt auf, ich höre ein zartes weibliches Stimmchen voller Angst:“Herbert, lass doch gut sein!“ - „Das geht überhaupt nicht!“ tobt die Stimme des gerade beschriebenen Herrn, und setzt während dem Einsteigen fort: „Jeder macht hier was er will. Keiner macht hier was er soll. Da sitzen welche auf unseren Plätzen!“-„Aber Herbert…!-Auf UNSEREN Plätzen! Verstehst Du das überhaupt! Das ist so eine Unverschämtheit. Und eine Scheißreiseleiterin, der alles egal ist! Ich werde mich beschweren!“.

Nun ist es so, dass Männer, jedenfalls die meisten, im Gegensatz zu Frauen, jedenfalls den meisten, nicht imstande sind, gleichzeitig rumzubrüllen und Luft zu holen. Herbert muß Luft holen, aufgrund von Aufregung und Übergewicht wahrscheinlich mehr als einmal, als der kleine Teufel an meinem Halsband ruft: „Jetzt“. Zweite Meinung in Ermangelung eines mitgeführten Engels einholen ist nicht nötig, weit genug entfernt befindet sich der Mann auch. Ich setze mein strahlendstes Lächeln auf und verkünde laut und deutlich, voller Begeisterung in meiner Stimme: „Ich liebe diese Kindergartenausflüge!“ Ganz kurze Stille, dann trauen sich einige Mitreisende, laut zu lachen. Die meisten schmunzeln zumindest. Auf jeden Fall ist mein Ziel erreicht: die Fahrt bleibt gebrüllfrei, bis sie nach nur fünf Minuten zuende ist, und zwar ganz. Der Rest wird zu Fuß erledigt. Die Reiseleiterin, eine ausgewanderte Deutsche, ist sehr gebildet und versucht, diese Bildung an ihre Reisegruppe weiter zu geben. Nach einem längeren Vortrag über Christoph Kolumbus am Sockel des Modells seiner „Santa Maria“ in Originalgröße (und das, obwohl er die Insel nie betreten hat) erklärt sie uns eine Kirche mit einem kleinen Kloster, einige Schritte weiter ein Kloster mit einer kleinen Kirche, ein paar (im übrigen allgemein sehr unebene) Schritte bergauf zeigt sie uns eine Kirche mit einem kleinen Kloster. Und als es dann weiter bergauf noch eine große Kirche, ganz ohne Kloster, zu sehen geben soll, verabschiede ich mich höflich und mache mich auf den Rückweg zum Schiff, die wirklich schöne Uferpromenade entlang, vorbei an Dutzenden einladend wirkende Cafés, wenn es doch nur freie Plätze gäbe, und schließlich bei strahlendem Sonnenschein und mit heraushängender Zunge durch den Hafen, vorbei an der AIDASol bis zu meinem temporären Zuhause, der MeinSchiff 3, wo es neben meiner Kabine jede Menge freie Plätze in der Gastronomie gibt. Wie schön. 


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