Sicherlich weiß jeder von Euch, was eine Bucket-List ist: eine Liste mit Zielen, die man erreichen möchte. Als Ableger dazu gibt es die Lost-Bucket-List, sozusagen als Papierkorb, wo die aufgegebenen oder nicht mehr möglichen Ziele landen. Bei mir wäre das zum Beispiel ein Flug mit der Concorde.Und da wäre dann noch die Anti-Bucket-List, also Dinge, die man auf keinen Fall machen möchte. Bei mir wäre das zum Beispiel ein Tattoo stechen lassen, rauchen was auch immer, und seit den frühen Neunzigern, als ich zum ersten Mal auf der Insel war, und den wundervollen Ausblick vom Mirador del Rio zum Nachbarinselchen la Graciosa und den erschreckenden Anblick des aufgewühlten Meeres und der schaukelnden Boote genießen durfte, seitdem ist auch ein Besuch der Nachbarinsel per Boot auf meiner Anti-Bucket-List. Warum? Ich bin damals noch nicht „zur See gefahren“, und das äußerste, was man mit mir machen konnte, war eine Tretbootfahrt auf dem Dutzendteich. Falls der Mitfahrer vorher versprochen hat, nicht zu schaukeln. Ihr seht ein Bild aus dem Jahr 2020, nicht vom Dutzendteich.
Die Zeiten und ich haben sich geändert, und natürlich darf man auch aus der Anti-Bucket-List wieder Dinge entfernen und in die Bucket-List zurückschieben. Und darum stehe ich jetzt vor dem Hotel und warte auf den Bus nach Òrzola, dem nördlichsten Fährhafen auf Lanzarote. Der Wind bläst so stark, dass ich ausnahmsweise mal froh bin, so schwer zu sein, um nicht weggeblasen zu werden. Der Ausflug heute sieht aus wie folgt: ab Òrzola mit der Expressfähre nach la Graciosa, kurzer Aufenthalt mit Ortsbesichtigung, umsteigen auf einen großen Segel-Katamaran, Begrüßungsdrink, Ramba-Zamba an Bord, segeln um die Insel, aussteigen, baden und Mittag essen am Naturstrand ohne jeden Sonnenschutz, zurück in den Hafen segeln unter Alkohol und absingen lauter Lieder, zurück auf die Expressfähre, zurück nach Òrzola, zurück nach Hause. So der Plan. Allerdings nicht meiner, ich habe das ganze ohne Katamaran (und ohne Strand) gebucht. Gibt es offiziell zwar gar nicht, war aber kein Problem und gar nicht teuer.
Nach zweieinhalb Stunden unter der OP-Maske wird eine Planänderung verkündet: Der Katamaran fährt schon ab Òrzola, und ich soll auch mitfahren. Will ich aber nicht, weil ich keine Segelboote mag (sage ich) und keine Animation mag (sage ich nicht, ist aber der echte Grund). Die Reiseleiterin sagt, ich soll den Captain der Expressfähre fragen, der sagt nein, ich gehöre auf den Katamaran. Das will ich weiterhin nicht. Die Reiseleiterin rennt zweimal verhandelnd zwischen den Booten hin und her, dann bekomme ich, was ich gebucht habe.
Hatte ich schon erzählt, dass der Wind weiter aufgefrischt hat? Bereits als die ca. 25m lange Personenfähre (Schiffe beschreibe ich nicht in Schiffslängen, schon gar nicht so kleine) ablegt, schaukelt sie mehr, als es mir früher gut getan hätte. Ich sitze auf dem Oberdeck, weit vorne, neben der Brücke, also kein Platz für Leute, die leicht seekrank werden. Kaum außerhalb der Hafenmauern, geht es zur Sache. Das Schiff rollt und stampft, manchmal bleibt es mit dem Bug kurz in der Luft hängen um dann wild spritzend wieder ins Wasser zu platschen. Am meisten aber schaukelt es, weil die Wellen von steuerbord kommen, und das Schiff schräg legen, darunter durchrollen und das Schiff dazu veranlassen, sich auf die andere Seite zu neigen. Die vielen Teenies an Bord haben ihren Heidenspaß, wie man lautstark hören kann, und ich auch. Nur bei mir hört man es nicht, ich bin damit beschäftigt, gute Bilder einzufangen. Sicher würde ich auch sonst nicht bei jeder Welle quietschen.
Nachdem wir die Nordspitze von Lanzarote hinter uns gebracht haben, dient die Insel als Windschutz, die Wellen werden niedriger, der Captain gibt ordentlich Gas, und nach knapp zwanzig Minuten sind wir da, ein paar Minuten vor dem Katamaran, der kurz nach uns losgefahren ist, aber nicht unter Segeln, sonst wäre er jetzt vermutlich auf dem halben Weg nach Fuerteventura.
Mein erster Eindruck: Tatooine, der Wüstenplanet. Es gibt einen betonierten Platz, um den herum sich mehr oder weniger fadenscheinige Restaurants und kleine Läden gruppieren, in der nächsten Reihe gibt es Wohnhäuser und ein paar Fahrradvermietungen für Geländefahrräder, denn ab hier besteht der Boden aus Sand. Noch zwei unordentliche Reihen mit Wohnhäusern, das war’s. Ende der Welt.
Ich stelle für mich fest, dass sich der Weg nicht gelohnt hat, und die Einöde weiter hinten weitaus reizvoller wäre ohne die vielen Besucher. Noch dazu hat man wegen dem Wind häufig Sand zwischen den Zähnen, wenn man andere Touristen freundlich grüßt, was absolut üblich ist. außerdem ist leider das obere Ende von Lanzarote in Nebel gehüllt, man kann den Mirador del Rio von hier aus nicht blinken und blitzen sehen. Schade.
Ich habe ein Ticket für die Fähre um 16:00 Uhr, aber ich darf schon jetzt, mittags, zurück fahren, nicht ohne den Hinweis des Captains, dass ich in Òrzola auf meinen Bus warten muss. Was ihn das interessiert? Die Expressfähre, der Katamaran und die Zubringerbusse gehören ein und derselben Gesellschaft.
Òrzola - zugegeben - ist auch nicht der Nabel der Welt, aber es gibt hier mehr und gepflegtere Häuser, und auch die Restaurants sind einladender. In einem esse ich bei schöner Aussicht sehr preiswert eine Riesenportion Spaghetti Carbonara, zusammen mit einem großen Bier und amuse gueule für gerade mal 13,50€.
Die nächste Stunde döse ich auf einer Parkbank, dann besuche ich einen kleinen Supermarkt, etwa ein Kilometer die Straße entlang. Der Inhaber ist ganz begeistert, einen Touristen begrüßen zu dürfen und hofft auf ein nächstes Mal. Leider - da muss ich ihn enttäuschen.
Zurück im Hafen dauert es nicht lange, bis ich lautstarken Gesang, oder besser: Gegröle auf Fußballfanniveau höre. Nach einer Weile kommt der Katamaran in Sicht, und ich bin wieder froh, nicht an Bord zu sein. Lieber mit der Fähre noch zweimal hin und her geschaukelt, egal wie ich früher darüber gedacht habe.





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