Ich wollte Euch ja erzählen, was die allabendliche Lektüre des Tagesprogramms noch so alles für Überraschungen zu bieten hat: am Sonntag konnte man lesen, dass das Schiff am Montag zwei Stunden früher losfahren wird, als geplant. Und gestern stand drin, dass sie heute die Sichtbehinderung vor meinem Kabinenfenster temporär beseitigt wird. OK, nicht wortwörtlich, sondern es wurde geschrieben, dass wir heute nicht im Hafen von Kotor festmachen, sondern auf Reede liegen bleiben. Davon war im Ursprungsprogramm nicht die Rede gewesen. Um trotzdem an Land gehen zu können, haben wir unsere "Kleinschiffe" mit, die sogenannten Tenderboote, von denen eins vor meinem Fenster hängt und die Aussicht verdirbt. Heute allerdings nicht, denn man hat es gerade mit lautem quietschen und knarzen zu Wasser gelassen, genau wie seine drei Schwestern. Falls ich es noch micht erwähnt habe, wir sind in Montenegro, und mein Blick fällt auf die Küstenlinie voller malerischer Häuschen, die beeindruckende Bergwelt, die wir später noch besuchen werden, und auf den Hafen, dessen einziges großes Kreuzfahrtterminal leer ist. Kein Wunder, da sollten wir jetzt auch liegen. Aber egal, tendern ist ja auch schön und dauert kaum länger.
Ein paar normal gewachsene Busse tragen ihre Gästeschar hoch und höher auf einer Serpentinenstraße, die als eng und schwierig gilt. Aber wenigstens ist sie asphaltiert. Während sich unser Bus durch die 25 Serpentinen bis in 1100 Meter Höhe schlängelt, und sich die Sicht nach unten aufgrund von Wolken und Nebel praktisch alle zwei Kurven ändert, erzählt die Reiseleiterin alle möglichen Schauergeschichten über problematische bis gefährliche Begegnungen mit dem Gegenverkehr, insbesondere mit ausländischen Touristen am Steuer. Bis ein Kleinwagen entgegen kommt. Alle fürchten sich vor der Begegnung mit Touristen, aber es sind keine, und das kleine Auto quetscht sich problemlos an dem großen Reisebus vorbei.
Dann ist die 25. Serpentine erreicht, alle steigen aus, der Nebel reißt auf, und es gibt freie Sicht nach unten, wo mittem im Kotorfjord (der eigentlich gar keiner ist) gut sichtbar die Artania liegt. Selbst die kleinen Tenderboote, die zwischen ihr und dem Hafen hin- und herfahren sind deutlich erkennbar.
Als alle genügend Bilder gemacht haben, gibt es in einem etwas morsch wirkendem Landgasthof in der Nähe die montenegrinischen Landesspezialitäten zu probieren: reifen, etwas trockenen Schafskäse, extrem leckeren Prosciuttoschinken (heißt hier anders, ist aber welcher), und dazu ein Gläschen halbtrockener Rotwein. Tageszeit? Egal! Hauptsache lecker. Die Montenegroer (oder wie auch immer die heißen) machen durchaus leckere Sachen, und wer mal wirklich vollkommen abgeschiedn Urlaub machen will: hier geht das. Strom und fließendes Wasser haben sie, aber mit Handynetz und Internet dürfte es hapern. Preislich sind sie interessant, zumindest bei den Souvenirs. Für einen ziehmlich großen Magnetpon in Form einer Amphore wollten sie gerade mal einen einzigen Euro. Das dürfte seit 30 Jahren das billigste Andenken sein, das ich irgendwo auf der Welt gekauft habe.
Kaum zurück auf dem Schiff, hängen sie mir wieder diesen Tender vor das Fenster. Na gut, das wusste ich ja vorher. So gesehen ist es gut, dass wir öfter tendern als vorgesehen.

Serpentinen und eine Bucht wie ein Fjord? In so einer Gegend war ich auch mal unterwegs, aber das Land hieß anders, Moment, ich komme noch drauf ... ah ja, Jugoslawien.
AntwortenLöschenJaja, lange ist's her!
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