Mittwoch, 21. Oktober 2015

Plötzlich Fünfzig

Und so haben wir es auch heute wieder, das überraschende tendern. Kein Problem, denn mir kann heute nichts spektakulär genug sein, und das werde ich auch noch kriegen. Aber von Anfang an, beziehungsweise, noch vorher. Ich hatte noch nicht erzählt, warum wir gestern nicht an den Landungssteg durften. Da hatten sie etwas später ein gößeres amerikanisches Schiff angebunden. Begründung: das größere Schiff kriegt den Anleger. Nun gut. Heute müssen wir tendern, weil am Steg achon die "Minerva" liegt (die unter dem Namen "Alexander von Humboldt" vor ein paar Jahren für Phoenix gefahren ist, aber wer will das schon wissen). Alles wie immer, nur ist die "Minerva" viel kleiner als wir. Irgendwas scheint an meiner Theorie noch verbesserungswürdig zu sein. 
Ok, wir tendern. Als wir dabei in die Heckwelle eines entgegenkommenden Tenders geraten, freue ich mich: "endlich schaukelt mal was!" - "warte nur, bis wir im Mittelmeer sind!" droht mir ein Mitreisender. Sind wir doch eigentlich? Aha, die Adria wird offenbar nicht für voll genommen. Ok, zurück zur Überschrift.
Nein, heute ist nicht mein fünfzigster Geburtstag, der Ruhestand nähert sich zum Glück schon schneller. Aber ich habe ja - wie der eine oder andere von Euch weiß - dieses Hobby "Ländersammeln". Mein Ziel ist es, bis zum Eintritt der Rente (das lässt sich irgendwie kalkulieren) bzw. bis zu dem Zeitpunkt, wo ich - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr reisen kann/möchte/will - wenigstens 50 Länder besucht haben möchte. Es war klar, dass dieses (für den Rest der Welt völlig unwichtige) Ziel auf dieser Reise erreicht werden würde, aber Montenegro erschien mir irgendwie nicht interessant genug dafür, auch wenn das ein schönes kleines Land ist. Aber dank dem sauwetterbedingten  ausgefallenen Besuch von Kroatien, fällt das Jubiläumsziel nun zusammen mit dem exotischsten Hafen dieser Reise: Saranda in Albanien. Wir Touristen werden in betagte, aber einigermaßen gepflegte, und zumindest saubere Busse gebeten, und schon geht es los durch die von betonmäßigen Wildwuchs geprägte City von Saranda, immer aufwärts zu einer kleinen Burg mit unaussprechlichem Namen, den ich zu allem Überfluß auch schon wieder vergessen habe. Der Weg allein ist abenteuerlich: weil die Straßen in der Stadt so achmal sind, schaffen es die Albaner mit ganz wenigen Autos ein Riesenverkehrschaos zu erzeugen. Zudem bevorzugen sie diese Sternfahrzeuge, denen man eingebaute Vorfahrt nachsagt, und so fahren viele von ihnen auch, nämlich recht abenteuerlich.
Außerhalb der Stadt sind die Straßen auch nicht breiter. Allerdings wird der wenigere Verkehr durch deren schlechteren Zustand mehr als ausgeglichen. Die meisten sind nicht geteert, und alle sind nicht gesichert. Je steiler der Berg, den man hoch muß, desto mehr Spaß macht das. Serpentinen haben sie auch, wenngleich nicht so viele. Den Nervenkitzel von 25 montenegrinischen packen sie locker in 5 albanische. der unbefestigte Parkplatz ca. 50m unterhalb der zu besichtigenden Burg bietet locker Platz für 4 Reisebusse, weswegen die 6 anwesenden Reisebusse sich nicht nur ohne den Austausch von Blech und Spiegeln mit den Platzverhältnissen und Massen an aussteigenden Touristen arrangieren, sondern nach der Besichtigung auch noch genau anders herum wieder zur Rückfahrt bereit stehen. Manchmal gibt es im richtigen Leben tatsächlich Dinge, da kommt kein Filmtrick mit.
Ob sich der Besuch auf der Ex-Burg, die heute als Restaurant und Event-location arbeitet, lohnt, sei dahin gestellt, aber die Aussicht - einerseits auf abgeerntete Felder, andererseits auf schwitzende Touristen, aber letzterseits auf die nahegelegene Insel Korfu und die sehr viel näher verschlafen vor sich hin dümpelnde Artania - hat viel schönes. Das hat auch unsere nächste Station, einer Klosterruine, die wir über genauso schlechte, aber einigermaßen ebene straßenartige Gebilde erreichen, glaube ich jedenfalls. Genau weiß ich es nicht, denn wir haben acht Busse auf einem schlammigen Feld, zehn Minuten Fußweg zum Kloster, zehn zurück, bei fünfzehn Minuten Gesamtaufenthalt (Ihr habt die rein rechnerische Diskrepanz vermutlich bemerkt) - also, da scheint mir die anwesende Schafherde als Filmmotiv wesentlich lohnender, auch wenn das die beiden selbständig arbeitenden Hütehunde etwas nervös macht. Seltsam - der heftige Busverkehr scheint sie nicht zu stören.

Es gibt noch einen Programmpunkt auf dem Ausflug heute: das blaue Auge. Nein, hat nichts mit boxen zu tun. Auf unbefestigten Wegen, steil bergauf, und das direkt neben einem Stausee (fragt mich bitte nicht, ob wenigstens die Staumauer irgendwie betoniert ist, ich weiß es nicht), bis hin zur Quelle des Flusses "Mezopotan". Die sprudelt aus einer Tiefe von ca. 50m kräftig in tiefblauer Farbe, was man am besten von einer verrosteten und verrotteten Plattform aus direkt oben drüber sehen kann, wenn man sich traut. Ich habe mich nicht getraut, wie übrigens die meisten anderen auch nicht. Und wenn mir die Aufnahmen davon, so wie sie jetzt sind, dann vielleicht doch nicht gefallen, bleiben immer noch die beiden großen "P": Photoshop oder - Papierkorb.
Nach der Besichtigung und vor der Rückfahrt soll es noch eine Erfrischung geben. Kaffee, Espresso, Wasser, Cola, Bier - ach nein, das kostet. Wenige hundert Meter unterhalb der Quelle gibt es eine wirklich schöne Location, so eine Art urigen Biergarten, mit verschiedenen Sitzgelegenheiten. Eine davon haben sie sogar über den Fluss gebaut, der an dieser Stelle schon fünfzig Meter breit ist. Die Terrasse darüber ragt etwa 20m hinein. Es ist echt schön da zu sitzen. Inzwischen ist auch bekannt, dass man doch ein Bier kostenlos bestellen darf, aber ein kleines. Der Biergarten macht insgesamt den Eindruck einer entsprechenden bulgarischen Lokalität in den 70ern. Es ist alles irgendwie da, aber aus irgendeinem Grund gelangt es nicht zu den Gästen. Den Zustand des Ladens kann man mit viel Good will noch als wildromantisch bezeichnen, aber den Service eher nicht. Obwohl vier Busse zu je 50 Personen angemeldet sind, gibt es nur einen Kellner und einen Barista. Ehe es einen Aufstand gibt, ergreifen die vier Tourscouts, die vier lokalen Reiseleiter und sogar
 ein paar Gäste die Initiative, und nach wenigen weiteren Minuten hat jeder sein Getränk und ist zufrieden. Cool, was so ein paar Gastro-Laien bewirken können, oder? Ich hoffe, die Albaner nehmen davon ein bißchen mit, denn sie haben ein tolles Land, mit dem sie eigentlich viel Geld verdienen könnten im Tourismus. Bisher haben sie leider noch nicht einmal das mit dem Souvenirverkauf realisiert. 
Auf dem Rückweg kommen wir auch ein zweites Mal heil an dem wenig Vertrauen erweckenden Stausee vorbei, erreichen heil unseren Tender, unter Wellengang das Schiff, und sportlich mit einem großen Satz die Gangway der Artania. Der Wind hat deutlich aufgefrischt. Das kann ja heiter werden!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Das Allerletzte

Montag morgen, 9.30 Uhr. Ich genieße das wirklich sehr gute Frühstücksbuffet (das es gut ist, sollte man für 18€ auch erwarten). Eine halbe ...