Früh um sechs klingelt das Telefon. Es ist niemand dran, aber das hat seine Richtigkeit. Weckruf! Ein langer Tag mit über 400km Busfahrt und am Schluss hoffentlich vollen Taschen liegt vor mir.
Ziehmlich pünktlich (darüber wundere ich mich in letzter Zeit immer wieder) erscheint ein dicker, fetter Thomas-Cook-Bus und sammelt im Laufe der nächsten halben Stunde Gäste aus ca. 10 verschiedenen Nationen ein. Das kann ja heiter werden! Wird es auch, denn Keving, unser Reiseleiter, gebürtig in Santo Domingo, wo unsere Reise hinführt, ist das reine Sprachgenie. So moderiert er über das Busmikrofon souverän auf deutsch, englisch und seiner Muttersprache Spanisch, und flötet dann noch unseren einzigen französischen Gästen die Erklärungen in ihrer Muttersprache unplugged ins Ohr. Die Gäste aus Rußland, Bulgarien, Holland, Belgien, Thüringen und Kärnten kommen sprachlich auch sehr gut klar. Das kann man vom Wetter nicht behaupten, während der Fahrt verdichtet sich der Starkregen zum Wolkenbruch, und die Sicht ist fast keine mehr.
Mit beeindruckender Bugwelle stoppt der Bus vor dem Parkplatz zur Tropfsteinhöhle Tres Ojos, der komplett unter Wasser steht. Die Höhlen selbst wahrscheinlich auch, wir werden auf den Nachmittag vertröstet.
Als nächstes steht ein Fotostop am Kolumbus-Leuchtturm an. Als ich meine Kamera einschalte, fragt sie mich, ob ich die Sicherheitshinweise für Unterwasserbetrieb lesen möchte. Nein, so schlimm ist es noch nicht, und im übrigen macht sie das immer, die Meldung läßt sich nicht abschalten.
Etwas später: Das Kolumbushaus kann man nur über den höher gelegenen Parkplatz besuchen, der untere, direkt am Fluß Osama (bedeutet "tief" und hat keinen terroristischen Hintergrund) ist überflutet.
Nach der Besichtigung und einem spartanischen Mittagessen stehen die Besichtigung der Kathedrale und anschließend etwas Freizeit an, Treffen um 15:00 Uhr unter dem Baum vor der Kathedrale rechts. Jetzt kommt mein großes Abenteuer: Zigarren kaufen in Santo Domingo die zweite. (wer die aufregende Episode eins davon nicht kennt: einfach fragen, ich erzähle sie gerne).
Es beginnt wie das letzte Mal, naja fast, denn es regnet nicht: ich überquere den Kathedralenplatz, schaue dumm (meine Spezialität), und werde sofort von einem Herrn in meinem Alter angesprochen: billige Souvenirs, leckerer Rum, toller Kaffee. Um ihn los zu werden, werfe ich im siegessicher die Marke der gesuchten Zigarren an den Kopf. Und setze noch hinzu, was ich im letzten Jahr gelernt habe "orrrriginale!" möglichst entschlossen, und möglichst viele "r". Das war anscheinend nötig, denn er fragt kurz nach: "no fakes?" - "no, solo orrrrriginales, màs imporrrrtante!" bekräftige ich. Jetzt reicht es aber mit den "r"s, denn ich habe heute noch nicht viel getrunken, und das Rollen tut dem Hals nicht gut.
Der kleine Mann denkt nicht lange nach, und bringt mich zu einem Laden, den ich - nebenbei bemerkt - vorher schon gesehen hatte, und der mir irgendwie bekannt vorkam, und wirklich: keine drei Minuten später stehe ich vor dem Zigarrenverkäufer, der mir schon im letzten Jahr das gewünschte verkaufen konnte. Auch dieses Mal muß er erst einige Kisten davor wegräumen, auch dieses Mal ist nicht allzu viel da, aber die wilde Hatz durch das verregnete Santo Domingo ist mir erspart geblieben.
Und jetzt habe fast eine Stunde Zeit! Kaffee trinken wäre toll, und was mache ich Depp? Gehe ins Hard Rock Café. Seid Ihr schon einmal in einem gewesen? Also, ich nicht. Das ist der Hammer! Man kriegt die Tür aufgemacht, und kommt in einen großen, relativ dunklen Raum. Links und rechts stehen Tische mit schwarzen Kunstlederbänken, ähnlich wie in vielen amerikanischen Roadmovies die Schnellrestaurants aussehen, nur daß sie dort meistens rote Bänke mit Aussicht nach draußen haben, dazwischen Tische mit Stühlen, am Kopfende eine ziemlich große Bühne mit einem einsamen Schlagzeug. An den Wänden gerahmte Schallplatten und Cover aus den 60ern und 70ern (keine CDs), und alle 5-10 Meter ein großer Flatscreen, wo Auftritte von ausgewählten Rock-Giganten zu sehen und zu hören sind, z.B. Brian Adams und später Stevie Nicks (wem das nichts mehr sagt: sie war eine der Sängerinnen von Fleetwood Mac). Ich bleibe im T-Shirt-Shop hängen, suche mir eins aus, und verlange es in XXL. Die Verkäuferin, die, wie alle Mitarbeiter in diesem Laden sehr cool, sehr kompetent, sehr amerikanisch (incl. Slang) und auch sehr gut aussehend ist (alle Mitarbeiter sehen aus wie amerikanische Rapper), erklärt mir, das die T-Shirts alle amerikanisch ausgezeichnet sind, und mir die gewünschte Größe wohl nicht passen würde. Sie zeigt mir eins, und wirklich, darin könnte ich zelten. Sie verkauft mir XL, das sieht aus wie drei Nummern kleiner, und auch das ist noch weit weg von körpernah, und gleich noch ein weiteres, weil runtergesetzt.
Kaffee trinken habe ich vor lauter Begeisterung vergessen, aber in einem traditionellen, auf Fünfziger Jahre gemachten kleine Lokal nebenan nachgeholt. Der Kellner zeigt nach meiner Bestellung vorsichtshalber, wie klein ein Espresso ist. Er ist so groß wie bei uns, er schmeckt lecker, und während ich ihn genieße, betrachte ich die altmodische Einrichtung. Vieles sieht aus, wie aus den USA der Nachkriegsjahre, an der Decke hängen Schinken und Würste, was nun wieder eher dominikanisch ist, aber die Rechnung ist wirklich fortschrittlich: der Ausdruck weist neben einer utopisch aussehenden Summe in Pesos unaufgefordert auch den Betrag in US$ und in Euro aus. Über die hätten sie sich aber nicht so gefreut, weil sie nur Scheine getauscht kriegen. 2$ hingegen, das geht in Papier.
Und dann war es Zeit für die Rückfahrt. Im letzten Jahr, der eine oder andere erinnert sich vielleicht noch, habe ich den Bus zu meinem Schrecken von weitem wegfahren sehen, aber der Reiseleiter hatte mich gesucht, und den Bus zurück gepfiffen.
In diesem Jahr stand genau einer pünktlich unter dem vereinbarten Baum.
Nämlich ich.
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