Sonntag, 26. März 2023

3. Seetag

Heute ist Sonntag, und ich habe ausnahmsweise mal so richtig Lust auf Frühstück. Und da die gestern genannte Generation sonntags traditionell etwas länger schläft, im Gegensatz zu mir, zumindest heute, habe ich um 8.00 Uhr das Tag- und Nacht-Bistro praktisch für mich alleine, zumindest die ersten fünf Minuten. Danach kommen noch ein paar Gäste, meistens von der Crew, denn Künstler, Angestellte in den Geschäften und Offiziere dürfen - wenn sie wollen - auch in den Gästebereichen essen, zumindest in denen mit Selbstbedienung.

Danach hätte ich gerne ein bequemes, ruhiges Plätzchen zum lesen, aber irgendwo im öffentlichen Bereich. Dazu am besten geeignet sind zum Beispiel die frei zugänglichen Sitzbereiche der Bars, die noch nicht geöffnet haben. Leider empfehlen sich aufgrund des Wetters leider nur die inneren, frische Seeluft fällt also flach. Seit die Mein-Schiff-Flotte über die Jahre ihre ursprüngliche Hintergrundbeschallung von sehr dezenter Fahrstuhlmusik auf deutlich hörbare softe Popmusik umgestellt hat, spielt für mich auch der Lärmpegel eine gewisse Rolle, denn mit steigendem Alter wird die Konzentrationsfähigkeit nicht gerade besser. Aber auch dafür ist gesorgt: seit einigen Jahren gibt es auf diesem Schiff, in der Mitte zwischen Bug und Heck, unten auf Deck 3, also an der Stelle, wo man die Schiffsbewegungen, egal in welcher Richtung und Heftigkeit, am wenigsten spürt, die „Grööne Bar“. Alles ist aus nachhaltigem (ich hasse dieses Wort) Material in sanften Grün-, Grau und Brauntönen gehalten, die Sessel sind aus recyceltem Material, der Teppich hat ein Gütesiegel für nachhaltige Baumwolle (oder so etwas ähnliches), mitten im Raum steht eine Wand aus drehbaren Holzplatten, ungefähr so groß wie bayerische Frühstücksbretter, wo vorne immer Fragen zum Thema Umweltschutz bei Kreuzfahrten drauf stehen, und hinten drauf natürlich die Antworten. Das wird zwar viel benutzt, stört mich aber nicht, weil es keine Geräusche verursacht, außer manchmal ein verhaltenes „aha“ oder „echt jetzt?“ oder „das hätte ich nicht gedacht!“. Auch die oben beschriebene Musik gibt es hier nicht, und wurde ersetzt durch sehr leises Vogelgezwitscher, Meeresrauschen, und ähnliches. Ein perfektes Plätzchen, um in Ruhe zu lesen. Bis ein schrilles „Mama“ mein Ohr beleidigt, weder dezent noch überhaupt in irgendeiner Weise hierher passend. Die anwesenden Vertreter der Urgroßelterngeneration ist begeistert von dem vierjährigen Jungen, der durch die Bar tobt und über den zertifizierten Teppich rollt. Ich nicht, wobei ich zugeben muss, dass dieses Kind seine Schreie nur in ganz normaler Lautstärke ausstößt, und schon nach kurzer Zeit von seinem Vater wieder eingesammelt wird.






Ruhe. Frieden. Mal abgesehen von dem dummen Geplapper der Frau des Pärchens am Nebentisch. Aber dann geht er weg, und Ruhe ist.

Fünf Minuten später. Captain Helge erklärt über die Lautsprecher, dass jetzt eine Notfallübung für die Crew stattfindet, um die sich die Gäste selbstverständlich nicht kümmern und auch nicht mitmachen müssen. Wie auch, man versteht ja die Alarmcodes nicht. Hättet Ihr zum Beispiel gewußt, dass man sich bei code „bravo“ nicht verbeugt, sondern ein Brand ausgebrochen ist? Ok, wenn Ihr bereits lange genug mitlest wisst Ihr das, ich habe es 2014 schon mal erklärt. Aber es geht besser: code „alpha theatre starbord“ bedeutet bei uns, das vor der rechten Theatertür ein medizinischer Notfall herum liegt und dringend auf den Doc wartet. Die gleiche Meldung bei Carnival Cruises bedeutet, dass es rechts im Theater brennt. Abgesehen von der Geräuschkulisse muss man jetzt als Gast nur noch ertragen, dass alle paar Minuten eine größere Menge von Crewmitgliedern vorbei trabt, entweder ganz normal oder auch mit klappernder Feuerwehrausrüstung beladen, manchmal sogar schwitzend in feuerfesten Schutzanzügen verborgen, mit sehr eingeschränkter Sicht. Tatsächlich lassen sich ein paar Beinahe-Unfälle mit entgegen kommen Rollator-Piloten nur knapp vermeiden. Was für den einen oder anderen ganz unterhaltsam scheint, ist mir zu laut, und ich lese weiter auf meiner Kabine.


Ach ja, noch schnell zum Thema seekrank: die Show heute Abend muss leider ausfallen, weil ausgerechnet die beiden Hauptdarsteller seekrank sind. Den Gästen dagegen geht es gut.


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