Freitag, 24. März 2023

1. Seetag

Ich mache mir diesmal keine Gedanken über möglichst kreative Bezeichnungen für Seetage, dafür werden es einfach zu viele sein, sondern zähle sie nur. 

Wie schon erwartet, fahren auf dieser langen Reise größtenteils Rentner mit, also Menschen im Metallalter: Silber im Haar, Gold in den Zähnen und Blei in den Knochen, einige junge Paare, und tatsächlich auch mindestens ein schulpflichtiges Kind. Der Altersdurchschnitt dürfte etwas zwanzig Jahre höher liegen als bei meiner letzten Reise, aber die Menschen sind bis jetzt nicht weniger kontaktfreudig, offen, fröhlich und höflich als die Mitreisenden im Herbst. Und natürlich sind sie alle sehr kreuzfahrterfahren, denn wer bucht als Neuling eine Atlantik-Kreuzfahrt von vier Wochen? Das sind ja schon gleich zwei Risikofaktoren. Obwohl - ich habe im vollen Zug gestern ein älteres Paar kennen gelernt, das sich all das, zuzüglich eines dritten Risikofaktors gegeben haben: sie kennen sich zwar schon lange, sind aber erst seit Januar (2023!) ein Paar. Der Mann, absoluter Kreuzfahrtneuling, hatte die Reise bereits im Herbst als Single gebucht, und seine neue Freundin, ebenfalls absoluter Kreuzfahrtneuling, wollte dann mit. Ich hoffe, ich treffe die beiden, nennen wir sie Harry und Sally, ab und zu mal an Bord, denn da bin ich wirklich gespannt, was sie für Erfahrungen machen. Ich hoffe natürlich, nur gute.





Gegen Nachmittag meldet sich dann auch endlich mal Captain Helge (ich bin schon einmal mit ihm gefahren, in 2020, von Madeira bis Teneriffa) und gibt mit seiner zarten, brüchigen, oft etwas weinerlich klingenden Stimme (also voll dem Gegenteil von Morten Hansen) die Wetteraussichten bis Lissabon, also für die nächsten drei Tage bekannt: in der Nordsee wird sich das Schiff etwas bewegen, in der englischen See (wir kennen das als Ärmelkanal) und weiter Richtung Westen wird es schlimmer, so mit Windstärke 6 und Wellen von 4-5 Metern, bei trübem Wetter und Regen, woraufhin uns die als stürmisch bekannte Biskaya erwartet und das Schiff etwas schütteln wird, bis wir Nordspanien erreichen, da werden die Wellen dann etwas niedriger, bis wir am Montag in den Fluss Tejo einfahren, wo es zwar Lissabon, aber dafür gar keine Wellen gibt. Er erzählt das so traurig, dass Kreuzfahrtdirektor Michael Mühe hat, die Stimmung wieder aufzulockern. (Ein Kreuzfahrtdirektor ist die oberste Instanz von Hotel und Gästebetreuung und sitzt nur knapp unter dem Kapitän, wobei seine Qualifikation zwischen Organisator, Moderator und Pausenkasper liegen sollte. Bei Michael, der zur eleganten weißen Uniform Krawatte und Socken in schreiendem Orange trägt, überwiegt schon optisch der Pausenkasper. Dazu passend hat er natürlich einen holländischen Slang, und beendet jede seiner Ansagen mit den Worten: „Was Sie auch tun, tun Sie es mit einem Lächeln ins Gesicht!“. Na, wir bedanken den Kreuzfahrtdirektor und freuen auf weiteres…


 

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