Sonntag, 12. Mai 2013

Von Schlangen und Paraden


Von Nürnberg nach Hamburg wollte ich nicht fliegen, denn mit dem Zug geht es, rechnet man die Extrazeiten für Check-In und Flughafentransfer dazu, genauso schnell. Außerdem ist die Bahn komfortabler, und bietet sogar Ruheabteile an. In so einem sitze ich, aber außer mir weiß es keiner. Eine Horde Niederbayern, alle schon schwer im Metallzeitalter (Silber im Haar, Gold in den Zähnen und Blei in den Knochen) unterhält in wechselnder Besetzung den ganzen Wagen. Vermutlich nicht absichtlich, aber mindestens einer von ihnen scheint für sein Hörgerät neue Batterien zu brauchen. Der Gießkannentenor seiner Ehefrau jedenfalls lässt darauf schließen. Als die Themen Krankheit, Nachbarn und mißratene Kinder genügend durchgehechelt sind, kommt es zu Reiseerlebnissen, erst die letzten drei Jahrzehnte, und dann die unmittelbare Zukunft. Ihr ahnt es schon? Genau, die Herrschaften bleiben mir die nächsten zwei Wochen erhalten. Aber das Schiff ist ja groß...

Groß ist auch die Schlange, an der man sich in Hamburg anstellen muß, um einen Platz in einem der Busse für die Weiterfahrt zum Hafen zu ergattern. Sie reicht über den halben Bahnhofsplatz, und ist im Gegensatz zu einem echten Reptil eher hinten bissig, wegen der Warterei. Aber die Busse kommen im Fünf-Minuten-Takt, und bald sind wir alle an Bord, rechtzeitig zum Finale des diesjährigen Hamburger Hafenfests, das mit der Ausfahrt dutzender Schiffe endet: große und kleine, lange und kurze, mit Motor, Dampf oder Segeln, alle voller winkender Menschen, und alle fahren laut tutend an uns vorbei. Doch dann tutet unsere Schiffssirene, und alle an Bord müssen zur Seenotrettungsübung. Als die vorbei ist, sollen wir sofort losgehen. Geht es aber nicht, denn die Parade läuft noch, und das beste kommt gerade: über 300m lang, der Rumpf in einem matten anthrazit, die Aufbauten weiß, der riesige Schornstein leuchtend rot, und als sie uns passiert, verdunkelt sich quasi die Sonne: die HMS Queen Mary 2 gibt sich die Ehre, voller winkender Leute, martialisch laut tutend, und - ganz unbritisch - mit etlichen deutschen Flaggen geschmückt, die auf den Balkons der Passagiere hängen.



Jetzt ist unsere Zeit gekommen. Die letzten Leinen werden gelöst, Sekt an die Passagiere verteilt, die Schiffshymne abgesungen, und sie beginnt: die Fahrt rund um Großbritannien.

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