Mit dem Auslaufen gestern Abend hat nun die Überquerung des Atlantik begonnen: sechs Seetage am Stück. Zum Glück sind fünf davon nur 23 Stunden lang (wir müssen ja die sechs Stunden Zeitumstellung von der Dominikanischen Republik zurück holen). Und damit niemandem langweilig wird (es gibt weder Internet noch Fernsehen), haben sich die Entertainment-Verantwortlichen alle möglichen Aktivitäten einfallen lassen: Sport, Sonderangebote, Filme, Mitmachaktionen und auch Kunstvorträge. Da ich bekanntlich extrem kunstinteressiert bin, sitze ich jetzt gerade im ersten von fünf im großen Theater, obwohl er von 11.30 Uhr bis 13.30 Uhr dauert. Ich sehe die eine oder andere sich runzelnde Stirn. OK, der Vortrag dauert nur eine Stunde, der Rest ist die ab jetzt stattfindende mittägliche Zeitverschiebung. Kunstinteressiert bin ich tatsächlich, aber die Hauptmotivation diese Vorträge zu besuchen liegt darin, dass ich den Lektor Marc Benseler vor ein paar Tagen zufällig beim Abendessen kennen gelernt habe und er mich neugierig gemacht hat. Und ich sage Euch: es hat sich gelohnt!
Donnerstag, 17. April 2025
Mittwoch, 16. April 2025
Die dritte Insel
Nach einer angenehm ruhigen Nacht auf See liegen wir heute vor der Insel Dominica. Das schöne an der Hafenstadt Roseau ist der wenige Verkehr und die Nähe zum Zentrum. Das weniger schöne ist, dass hier bis auf bunte Häuschen und einen spektakulären Gewürzmarkt nur wenig geboten wird und man stets aufpassen muss, nicht in eines der tiefen Löcher zu treten, die jeden Gehsteig in unregelmäßigen Abständen zieren.
Am Abend gibt es die erste, großartige One-Man-Show von Stephan Lucas, die so gefragt ist, dass bei weitem nicht alle Interessenten in die Schaubühne passen. (Und wenn jetzt jemand denkt, es müsse „auf“ die Schaubühne heißen, irrt er, denn die Schaubühne ist nicht die Bühne an sich, sondern das kleine Theater insgesamt heißt so. Der alte Name war „Klanghaus“, den hätten sie wohl besser behalten sollen…)
Dienstag, 15. April 2025
Noch sind wir nicht weiter gefahren
Immer noch Barbados. Die Nacht war laut und hell, aber mit geschlossener Balkontür hat man nichts gehört. Während viele Gäste noch ihr Frühstück in sich hinein schaufeln, beginnt bei mir ein Landausflug, der die charmanten Städtchen von Barbados zeigt, mit viel Freizeit, um zum Beispiel noch ein paar Ostergeschenke einzukaufen. Hätte ich mir aber auch schenken können, den Ausflug. Obwohl Barbados als reiche Insel gilt und eine teure Insel ist, wirkt es abseits der Touristenzentren recht herunter gekommen, und auch die Arbeit außerhalb der Touristensaison ist sehr knapp, sofern man nichts mit dem Hafen zu tun hat. Ostergeschenke kaufe ich natürlich auch nicht, für wen auch? Aber immerhin - schön, auch mal die andere Seite gesehen zu haben.
Montag, 14. April 2025
Es wird weniger. Oder?
Bridgetown, Hauptstadt der Insel Barbados. Wir liegen in einem sehr geschäftigen Industriehafen, wo Tag und Nacht jede Menge Container bewegt werden, und das metallische Quietschen und Rumpeln der Hafenkräne niemals endet. Ihr kennt das schon, denn ich bin nicht zum ersten Mal hier. Schlecht ist, dass wir hier übernachten werden. Gut dagegen ist, dass heute etwa 1.400 Passagiere aussteigen. Schlecht ist, dass ungefähr genau so viele neu dazu kommen. Und ganz übel ist, dass sich mit dem Passagierwechsel die ohnehin schon große Menge der mitfahrenden und überall laut herumtrampelnden Schreihälse verdoppelt. Aber das wird schon gehen, man muss sich nur fern halten: vom Pool, vom Buffetrestaurant, von der Eisdiele, vom Dönerstand, von - Moment, jetzt sitzen auch schon welche an der Theke der TUI-Bar. Das geht jetzt aber wirklich etwas weit…
Sonntag, 13. April 2025
Die erste Insel
Lautes Hundegebell weckt mich, und die Aussicht zeigt als erstes einen grünen, mit bunten Häuschen durchsetzten Hügel.
Da Hunde nicht erlaubt sind, und wir auch garantiert keinen Hügel mit uns herum schleppen, müssen wir wohl irgendwo angelegt haben. Und das ist auch so. Wir liegen vor Kingstown, dem größten Hafen des kleinen Inselstaats St. Vincent und die Grenadinen (was ja fast erfunden klingt) und sind das letzte Kreuzfahrtschiff dieser Saison (Kreuzfahrten in die Karibik gibt es nur Spätherbst bis Winterende). Die Hälfte der Geschäfte im Kreuzfahrtterminal hat auch geschlossen, wegen Saisonende oder weil Sonntag ist, so dass es sich. nicht lohnt, ein Taxi in die Stadt zu nehmen. Die Insel ist sehr grün und für Naturverbundene sicher reizvoll, aber touristisch noch kaum erschlossen und fällt deswegen jetzt langsam in einen Dornröschenschlaf.
Als wir abends ablegen, sind die Hunde wieder wach. Gut, dass sie nicht mitfahren. Wäre doch ein bißchen laut auf die Dauer. Aber das ist es sowieso. Warum, erzähle ich Euch morgen.
Samstag, 12. April 2025
Es geht weiter
Nach einem schnellen Kaltgetränk in der Hoheluftbar ganz hinten oben, wo es mir aber auch zu warm ist, geht es erst einmal auf die Kabine, wo ich eine prima Aussicht habe auf die guten zweihundert Meter durch die tropische Wärme. Allerdings sind die jetzt komplett besetzt von einsteigewilligen Passagieren, die bis zu einer Stunde in der Wärme ausharren müssen, weil das Einsteigen so langsam geht. Fragt mich nicht, warum.
Ich halte nach der langen Reise erst einmal ein Schläfchen, und als mich danach der Wecker nicht ohne Mühe aus den Träumen reißt, steht der Koffer vor der Tür, und ich kann mich zum Abendessen umziehen. Vorher ist aber noch Sicherheitsübung, wie der Kreuzfahrtdirektor aus dem Lautsprecher unter meinem Schreibtisch erklärt. OK, kennt man ja alles, und auch das heute angebotene Menue ist nicht neu aber lecker.
Nach dem Abendessen führt mein Weg in die TUI-Bar, wo ich fast umgehend eine neue Bekanntschaft schließe: Walter, ein Frührentner irgendwo aus einer waldreichen Gegend in Hessen, schwer verständlich, aber sehr nett. Die Unterhaltung klappt trotzdem, und nicht lange, schon steuere ich unbarmherzig auf den Peinlichkeitsmoment dieser Reise zu. Stell Euch vor: ich sitze an der Bar, auf dem vorletzten Hocker rechts, mein Gesprächspartner Walter, auf dem letzten Hocker rechts, und rechts von ihm wiederum kommen und gehen ständig wechselnde Leute, die mal eben ein Getränk an der Theke abholen wollen. Von diesen Leuten kriege ich kaum etwas mit, weil Walter, zwar schlank aber groß, diese verdeckt. Wir sind gerade beim Thema „Künstler und Promis an Bord“ angelangt, und mein Originalsatz, den ich gerade zu Walter sagen will, hätte lauten sollen:
„Diesmal fährt ja niemand interessantes mit, außer Stephan Lucas, mit dem würde ich mich gerne mal unterhalten“ (Wem der Name nichts sagt, weil er keine Gerichtsshows guckt: Stephan Lucas war und ist in vielen Folgen von Richter Alexander Holt und Richter Ulrich Wetzel als Staatsanwalt zu sehen, und wird an Bord mehrere juristisch gefärbte, unterhaltende One-Man-Programme aus seinem Leben als Strafverteidiger zeigen.
Zurück ins hier und jetzt. Ich schaue Walter an, und beginne meinen Satz „Diesmal fährt ja niemand interessantes mit.“ Manchmal mache ich Pausen, wo ich es besser lassen sollte. Ich wende den Blick also meinem Glas zu, nehme einen Schluck, schaue wieder zu Walter, neben dessen Kopf der von Stephan Lucas auftaucht, und mich mit gerunzelter Stirn ansieht. Nach einem kurzen Uuups-Moment kläre ich ihn auf und quatsche ein bißchen mit ihm. Er ist sehr nett und findet die Situation ähnlich lustig wie wahrscheinlich Ihr jetzt, macht gleich Reklame für seine Shows und ist auch sonst sehr offen und freundlich. Man merkt: er würde lieber mit uns an der Theke sitzen, anstatt seine mitgebrachte Familie mit Mineralwasser zu beliefern. Und ich sage Euch eins: Gerichtsshows werden für mich nie wieder das selbe sein.
Freitag, 11. April 2025
Es geht los
Der Flieger soll um 9:40 Uhr starten, deshalb plane ich, den ICE um 6.00 Uhr zu nehmen. Oder den um 6.27 Uhr, der ist dann immer noch drei Stunden vor Abflug am Flughafen. Das könnte gerade so reichen. Es wird der spätere, in den man aber sehr früh einsteigen kann, mit dem guten Gefühl, dass die sehr kurze Bahnreise keinen Raum für Abenteuer bieten wird. Bis die erste Durchsage kommt, in der sich die Zugchefin dafür entschuldigt, dass sie den Tag mit einer schlechten Nachricht beginnen muss, weil man heute nicht am Flughafen halten kann. Ich will schon aufspringen und flüchten, so lange die Türen noch offen sind, da kommt sie um die Ecke mit „der Zug hält nicht am Fernbahnhof, sondern am Regionalbahnhof“, was nur ein anderer Eingang ist und sich nachträglich als Vorteil heraus stellt, weil näher an meinem Ziel, der Halle C des Terminals 1. Heute scheint ein guter Tag zu sein, denn die in dieser Halle übliche mehrfach gewundene Riesenschlange fehlt. Es gibt drei Schalter für die Holzklasse (die bei Condor „Economy“ heißt), da ringelt es sich minimal, einen für die für die Business Class, wo gar keiner ist, also, kein Kunde, und einen Schalter für die Klasse dazwischen, die Premium Economy, wo ich hin muß, und gerade mal einer steht, der gerade abgefertigt wird. Bis ich dort bin, ist der auch schon weg. Ich bin sofort dran, und habe damit meinen Koffer zum letzten Mal auf dieser Reise mehr als drei Meter weit selbst bewegt. Zum Glück, denn er wiegt diesmal 19kg, was für meine Verhältnisse ungewöhnlich viel ist. Zumindest war das der Plan.
Auch am Nadelöhr Sicherheitscheck ringelt sich nichts außer den Drängelabsperrungen davor. Ich werde auf dem kürzesten Weg herein gebeten, und dann ist auch das erledigt. Pünktlich eine halbe Stunde vor Abflug sitzen alle in einem lustig gestreiften Flugzeug, und es geht pünktlich los.
Wir könnten sogar früher, dürfen wir aber nicht. Dass neben mir ein molliger, breitschultriger Mann sitzt, der ständig zu mir herüber quillt, macht den Flug leider etwas unbequem. Der Mann ist sehr nett und würde lieber zu seiner Frau auf der anderen Seite quellen, aber die ist leider noch dicker als er. Links von mir ist zum Glück der Gang, aber der ist so schmal, dass ständig Leute anstoßen, also an mir, nicht mit mir: andere Passagiere auf dem Weg zur Toilette und zurück, der mollige Flugbegleiter, die hübsche schlanke Flugbegleiterin, aber zum Glück kein einziges Mal der harte Servicewagen. So etwas habe ich auch schon mal erlebt, bei Air Berlin. Trotz gutem Essen und freien Getränken bis alles weg ist zieht sich der Flug, vor allem wegen der Enge. Aber die Stimmung ist gut, zudem haben wir Rückenwind und sind eine halbe Stunde früher da als geplant. In La Romana (Dominikanische Republik) ist das kein Problem, da fliegt kaum einer hin. Wir müssen weder Pässe vorzeigen noch unsere Koffer vom Band wuchten (falls sie überhaupt eins haben), sondern werden direkt vom Flugzeug in die Transferbusse zum Schiff geschickt. Ein paar Minuten Fahrt bis zum Cruise Terminal, und dann heißt es warten im klimatisierten Bus, denn niemand hatte Bescheid gegeben dass wir früher kommen, und wir sind die ersten heute. In Windeseile wird der Check-In eröffnet, und der Inhalt von mittlerweile dem ganzen Flugzeug ringelt sich zu den Schaltern. Für Suitengäste gibt es einen Extraschalter, damit die nicht so lange anstehen müssen, und den dürfen auch Schwerbehinderte benutzen, was ich gerne mache. Eine kurze Kontrolle, ein Foto, nochmal gute zweihundert Meter durch die tropische Wärme zu Fuß, und dann ist das Schiff erreicht.
Da morgen Seetag ist, wo nichts passiert, es aber über heute noch viel zu erzählen gibt, werde ich das morgen tun. Habt viel Spaß!
Donnerstag, 10. April 2025
Einführungsrunde
Der Plan ist wie folgt: ich nehme den ICE 26 um 15.30 Uhr, bin dann um 18.00 Uhr am Fraport, gebe den Koffer beim Vorabend-Check-In ab, habe ihn dadurch morgen früh schon von der Backe und muss nur noch beim Sicherheitscheck Schlange stehen. Mein Hotel für die erste Nacht liegt am Bahnhof, wohin ich dann mit der S-Bahn zurück fahren würde.
Mein Zug hat schlappe 70 Minuten Verspätung, woraus später noch 80 werden. Nicht so schlimm, um 16.00 Uhr kommt wieder einer. Der allerdings ist ausgebucht, hat zwei Wagen weniger als geplant und wird dennoch von vielen Leuten gestürmt, die eigentlich 15.30 Uhr hätten fahren wollen. Ich beschließe, auf den richtigen Zug zu warten, denn immerhin wartet dort ein reservierter Platz auf mich.
Mit Hundert Minuten Verspätung komme ich schließlich am Frankfurter Hauptbahnhof an, beziehe mein Hotel (das näher am Bahnhof liegt als ich morgen an Strecke zurück legen muss um den Flughafen zu durchqueren) und schlafe kurz und gut.
Und das, obwohl ich morgen wieder mit der Deutschen Bahn fahren muss!
Mittwoch, 9. April 2025
Vorbericht
Oder?
Donnerstag, 4. Juli 2024
Abenteuer Bahn
Als mir heute morgen, im Bett, ganz spontan dieser Titel eingefallen ist, wusste ich natürlich noch nichts vom heutigen Tag. Aber ganz von vorn:
Es ist mein letzter Morgen auf der Vasco da Gama, und eigentlich müssten wir gerade in Bremerhaven anlegen. Tun wir aber nicht. Ein Blick aus dem Fenster zeigt mir - nur Wasser, über das wir mit der uns höchst möglichen Geschwindigkeit eilen. Viel ist das ohnehin nicht…
Da ich die Kabine schon um acht Uhr geräumt haben muss (welche Zumutung, da schlafe ich doch normalerweise noch!), mein Bahnhofsshuttle aber erst um 11.30 Uhr fährt, brauche ich eine vorübergehende Bleibe. Zu diesem Zweck hatte ich mir schon vor Tagen die unterste Etage des Atriums ausgesucht, wo es außer einigen durchgesessenen Sofas und Sesseln, etlichen Bistro-Tischen und Stühlen, jeweils einer Toilette sowie der an Bord allgegenwärtigen Überdekoration gar nichts gibt. Auch Menschen sind in diesem Bereich eher rare Ware, und darum will ich die letzten drei Stunden an Bord hier auf einem der durchgesessenen Sofas verbringen.
Frohen Mutes nehme ich mein Handgepäck, verlasse die Kabine und fahre mit dem - ach nein, am Abreisetag sind sämtliche Aufzüge dauerhaft von schwergängigen Mumien in Begleitung überdimensionaler Gepäckstücke belegt - laufe drei Decks tiefer, betrete das Atrium und bin ein ganz klein wenig überrascht, dass ich gerade noch einen Bistrostuhl bekomme. Binnen Minuten ändert sich der Raum von voll auf brechend voll, und ich werde allmählich den Gedanken nicht los, dass andere Leute einen ähnlichen Gedanken hatten wie ich.
Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis wir endlich da sind, eine weitere, bis die Fahrgastbrücke sitzt, und noch eine, bis die Behörden das Schiff endlich freigeben, das Gepäck ausgeladen werden kann, und die Leute, die ihres schon haben, von Bord gehen dürfen. Und auch solche wie ich, die ihren Koffer dem Tefra-Service (ein Kurierdienst für Gepäckstücke) anvertraut haben. Und das sollte sich als eine meiner besten Ideen ever erweisen. Zumindest für heute. Den Rest erfahre ich am Montag, wenn mir der Koffer nachhause gebracht wird (hoffentlich), aber dann wird diese Story längst beendet sein.
Obwohl der KD mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass die Umgebung der Gangway frei zu halten ist und nur die Gäste das Schiff verlassen sollen, die dran sind, gibt es erstmal eine so heftige Verstopfung von Deck 6 nach Deck 5 und den Gang entlang zum Ausgang, dass dagegen die jedes Abführmittel machtlos wäre. Wie fast immer im Altersheim: die Leute hören einfach nicht zu. Inzwischen liegen wir gut zwei Stunden hinter dem Zeitplan, was der KD mit der halbstündigen Schleusenverzögerung in Holland gestern erklärt. Ok, er ist Österreicher, aber haben haben die wirklich eine andere Mathematik?
Allmählich löst sich der Stau auf, und schließlich mache auch ich mich auf den Weg zu den Bussen. Dabei gehe ich weder über Los noch zu den deckweise aufgestellten Koffern sondern setze mich in den nächsten Shuttlebus zum Bahnhof.
Los wäre jetzt gut gewesen, denn es gibt zwei Sorten Busse: einen vom Schiff, der konnte man im Abreisepaket enthalten, und einen von der Stadt, der kostet Geld. Wäre ja nicht schlimm, aber als er voll ist (nebst dem Gepäckanhänger) kommt die bis dahin abwesende Fahrerin zurück und erklärt, dass dieser Bus leider nicht mehr anspringt, und alle wieder aussteigen müssen. Ginge ja noch, aber die Koffer wieder rauspuzzeln mach sicher keinen Spaß. Zudem sind etliche Leute ohnehin ziemlich angefressen, weil sie aufgrund der Verspätung des Schiffs ihre supergünstigen Bahntickets mit Zugbindung jetzt in die Tonne drücken und neue kaufen müssen, die dann sicher nicht mehr so supergünstig sind. Zugbindung habe ich keine, und die geplante Verbindung erreiche ich wahrscheinlich auch noch. Trotzdem ordere ich vorsichtshalber mal schnell eine Platzkarte für den nächsten Zug, zwei Stunden später, die ich aber sicherlich nicht brauchen werde.
Am Bahnhöfchen von Bremerhaven kommt dann pünktlich ein RE an, fährt pünktlich los und kommt auch pünktlich in Bremen an, auf Gleis 7. Weiter geht es auf Gleis 6. Das könnte doch der gleiche Bahnsteig sein, oder? Könnte ja, ist er aber nicht. Rolltreppen gibt es hier nicht, die Aufzüge sind ähnlich gefragt wie auf dem Schiff, auch von den selben Menschen, also: Treppe runter und auf der anderen Seite Treppe wieder hoch, um dann zu erfahren, dass man den Zug wegen einer Verspätung auf Gleis 3 verlegt hat. Immerhin, Verspätung vermeidet weitere Hetze. Also, etwas gemächlicher Treppe runter, auf der anderen Seite wieder hoch. Ich bin froh, dass ich im Urlaub Treppen steigen trainiert habe, eigentlich um am WE eine einigermaßen gute Figur zu machen, wenn ich die ca. 100 Stufen der Tribüne hochklettere, während alle, die mich kennen, schon oben sitzen und mich sehen können. Und noch viel, viel mehr froh bin ich, dass ich das gerade alles ohne Koffer machen konnte. Anderen geht es nicht so gut.
Aus den zwanzig Minuten Verspätung werden fünfundzwanzig, kein Problem, es geht ja jetzt durch bis Nürnberg. Der Zug ist wegen irgendwelchen Ausfällen ziemlich überfüllt, aber davon merkt man in der 1. Klasse nichts. Hier wäre noch etwas Platz.
Ich freue mich über das gut funktionierende WLan an Bord und mache eine Bestellung bei Rewe fertig, damit ich morgen früh nicht erst einkaufen gehen muss. Leider kann ich die Bestellung nicht abschicken, so gut ist das WLan auch wieder nicht. Alternativ lese ich ein bißchen, und als der kleine Hunger kommt, bestelle ich eine Kleinigkeit im Bord Bistro. Online. So gut ist das WLan dann doch wieder.
Nach kurzer Zeit, wir erreichen gerade Hannover und sollen hier an ein Zugteil vor uns angekuppelt werden, um dann gleich als langer Verband weiter zu fahren. Die Vereinigung passiert mit einem heftigen rumms, dann sind die Zugteile verbunden, und die Leute können aus- und einsteigen. Mit professioneller Routine verbindet der Lokführer die technischen Systeme der beiden Zugteile, wobei sich unerwartet und zum Schrecken einiger Ein- und Aussteiger sämtliche Türen schließen. Der Zugchef entschuldigt sich für das Versehen. Kleinigkeit, kein Problem, niemand hat sich weh getan und die Passagiere nehmen es locker.
Nach zehn Minuten die nächste Durchsage, in relativ kleinlautem Ton: „Leider lassen sich die beiden Zugteile, trotz aller Versuche, nicht kombinieren“. Im Zug herrscht atemlose Stille. „Ich bringe wirklich nur sehr ungern schlechte Nachrichten, aber ich muss die Passagiere im hinteren Zugteil (das ist der, wo ich sitze) bitten, in den vorderen Zugteil umzusteigen!“. Tumult, Koffer werden geworfen, man versteht das eigene Wort nicht mehr. Ein. verärgerter Mob wälzt sich - aufgrund der vielen Koffer nicht ohne Mühe - aus dem hinteren Zugteil nach draußen. Auf dem Bahnsteig wälzt sich eine aufgebrachte Stampede zusammen mit Tonnen von Gepäck den langen Weg zum vorderen Zugteil. Aber warum? Wie sollten die Passagiere aus unserem überfüllten Zug zusätzlich zu den bereits reichlich vorhandenen Passagieren noch in den anderen Zug passen? Warum werden keine alternativen Verbindungen angeboten? Man muss es nicht verstehen.
So viele wie möglich quetschen sich in die überfüllten Wagen. Selbst in der ersten Klasse ist nicht mehr der winzigste Stehplatz zu bekommen.
Der Zug fährt ab und hinterlässt einen Bahnsteig voller Gestrandeter, die sich jetzt selbständig um eine neue Verbindung kümmern. Ein Bahnbeamter sucht für mich in seinem handy und gibt mir die Auskunft, dass heute kein durchgehender Zug mehr nach Nürnberg fährt, was schlicht und ergreifend falsch ist. Ihr erinnert Euch an meine Extra-Platzkarte? Mit solchen Mitarbeitern, sorry, kann aus der Bahn nichts werden.
Nach einer halben Stunde leert sich der Bahnsteig, denn ein Zug nach München, der aber nicht über Nürnberg fährt, nimmt den größten Teil der Gestrandeten mit, während ich im handy meine Platzkarte für den nächsten, meinem Ersatzzug, suche. Leider spricht es nicht mit dem DB-WLan. Der Laptop seltsamerweise schon und zeigt mir nicht nur die Platzkarte, sondern schickt jetzt auch die Rewe-Bestellung ab.
Inzwischen ist es 16.20, in einer Stunde bin ich zuhause. Also, das war der Plan. Der jetzt einlaufende, pünktliche Zug soll gute drei Stunden bis Nürnberg brauchen. Er ist mäßig besetzt, mein Platz ist frei, und los geht’s. Ich bestelle mir per WLan einen Kaffee, das heißt, ich möchte es, aber das WLan geht in diesem Zug nicht. Gar nicht. Irgendwas ist immer.
Zum Glück gehen manche Dinge auch analog: die nette Mitarbeiterin des Bordbistro läuft durch den Wagen, fragt was man möchte und man sagt es ihr einfach. Eigentlich ist das viel schöner als online.
Damit endet diese Reise, ganz ohne weitere Ereignisse. Also, fast, denn als der Zug um 19.45 Uhr Nürnberg erreicht, haben wir schon wieder zwanzig Minuten Verspätung…
Danke für’s fleißige Mitlesen. Bis zum nächsten Mal.
Euer
Captain Spareribs
Mittwoch, 3. Juli 2024
Nasse Füße? Nein danke!
Seit vier Uhr morgens jagt die Vasco da Gama ein kleines Lotsenboot durch das Kanalsystem vor Amsterdam, erwischt es aber nicht. Soll sie ja auch nicht, denn das Boot vor uns und der dazugehörige Lotse auf der Brücke bringt uns sicher zu einem der seltenen Innenstadt-Liegeplätze in Amsterdam, für die man mittlerweile außer Geld auch noch gute Beziehungen braucht, wegen der Umwelt, denn: wer Autos aus der Stadt verbannt, ist auch not very amused über Kreuzfahrtschiffe, denen man ja immer nachsagt, sie wären Dreckschleudern. Egal, wir sind heute da.
Leider schüttet es wie aus Eimern, und ich traue mich nur vom Schiff, weil wir eine überdachte Fahrgastbrücke benutzen können. Im Hauptgebäude des Cruiseterminals gibt es einen großen Souvenirstand, der fast alles hat was ich will. Und nach den Preisschocks in London ist es hier richtig günstig. Danach - zurück aufs Schiff. Kalt und nass durch Amsterdam schleichen macht nämlich keinen Spaß. Kühl ist es geworden, zum ersten Mal seit Wochen habe ich eine Jacke an. Eine dünne, während die anwesenden Altersheiminsassen dick eingemummelt sind.
Eine Tischnachbarin liest aus dem Tagesprogramm vor: „heute Abend verabschiedet sich der Captain“. Wie doof denke ich mir, der soll uns doch morgen noch in Bremerhaven abliefern…
Nach zwei Wochen mit diesen Leuten bin ich wohl etwas seltsam geworden, und bekannt. Ok, ich falle vielleicht ein ganz kleines bißchen auf, denn auf diesem Schiff gibt es genau zwei Altersklassen: Die Älteren bis ganz Alten: das sind die Passagiere.
Die Jungen, zumeist in Uniform, manchmal auch nur mit Namensschild: die arbeiten hier.
Ja und ich. Zumindest optisch falle ich auf (heute wurde ich auf vierzig geschätzt, ernst gemeint, und die Dame hatte keinen Sehfehler!), und auch durch meine fast allabendliche Anwesenheit in der Poolbar, wo ich, fast immer am selben Tisch, mit guter Sicht, dadurch aber auch gut sichtbar, meine Geschichten zu Bits und Bytes mache, um sie anschließend ins Internet zu jagen. („zu Papier bringen“, wie man früher sagte, hat irgendwie künstlerischer geklungen, oder?)Ich werde öfter angesprochen, was ich da so mache, und stoße auf reges Interesse bei den Senioren. Manchmal fragt auch ein Kellner ganz verschämt (weil - man soll ja die Kunden nicht belästigen), und nicht selten brechen Passagiere angefangene Gespräche ab mit den Worten „ich will sie ja nicht bei der Arbeit stören.“ Seitdem klappe ich, so ich Lust auf Unterhaltung habe, direkt den Deckel zu. Das hilft. Tatsache ist, ganz viele Leute kennen mich jetzt, und ich werde ständig angesprochen. Da sind so die ganz einfachen, freundlichen Dinge, wie vorhin im Aufzug: „Ich kenne sie. Sie arbeiten immer so fleißig!“ Gut, ich habe den Laptop unterm Arm, das hilft beim Erkennen.
Oder total nette, wie gestern Abend. Ich schleppe mich im Atrium eine Treppe hoch, oben steht eine Frau, lächelt mich an, ausnahmsweise kriege ich es mit und lächle natürlich zurück. „Sie können ja doch lächeln!“ sagt sie ganz erfreut. „Ich beobachte sie nämlich schon seit Tagen“ (auwei, die stalked mich???), „und sie machen immer so ein böses Gesicht!“ Ich erkläre ihr wahrheitsgemäß, dass es sich dabei - jetzt lacht nicht, oder gerne doch - um einen von meiner Mutter geerbten Geburtsfehler handelt: entspannt sich mein Gesicht, zieht es sich in die Länge und sieht automatisch böse aus. Und ich bin hier an Bord eigentlich immer entspannt, aber auch glücklich. Die Erklärung versteht und akzeptiert sie. Wie schön. Aber es kommt besser:
Vor wenigen Tagen betrete ich das Pooldeck, da ruft eine Dame hinter mir: „Über sie haben wir gerade geredet!“ Jetzt redet man schon über mich?? Ich bin entsetzt.. „Sie wüssten das bestimmt!“ ja, was denn? „Da war gerade so ein komisches Schiff, da am Windpark, das ist ganz langsam gefahren, so vor zehn Minuten, da habe ich zu meinem Mann gesagt sie wüssten bestimmt was das für eins ist. Leider ist es weg. Es war rot und hatte einen Hubschrauberlandeplatz, aber auf den Seiten war es so niedrig, und…“ - „Nun lass doch den Herrn auch mal was sagen.“ meldet sich der Ehemann nicht ganz ohne Mühe zu Wort. Mit der einen Hirnhälfte suche ich noch eine angemessene Formulierung für „ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, und ich glaube du auch nicht“ frage ich meine andere Hirnhälfte, weswegen sie auf die Idee kommt, ich hätte tiefer gehende nautische Kenntnisse. Ich habe - da bin ich mir sicher - mit niemandem an Bord über Nautik gesprochen, höchstens mit dem einen oder anderen darüber, dass ich schon auf anderen Schiffen war. Erstaunlich viele der Gäste hier kennen nämlich nur die Vasco da Gama.
wie auch immer - ohne das seltsame Schiff gesehen zu haben, kann ich leider nicht weiter helfen. Mit möglicherweise auch nicht, aber einfacher wäre es schon.
Kleiner Zwischeneinschub zur Begriffsklärung für die nächste (und letzte) derartige Geschichte:
Gestern stehe ich am info-Stand der Bordreiseleitung und warte, dass ich dran komme. Was ihr wissen müsst: im Tagesprogramm steht dann „von zehn bis zwölf Uhr öffnet Katinka den Infostand und beantwortet ihre Fragen.“ Blöde Formulierung. Überhaupt, das Bordprogramm. Würde ich für jeden Rechtschreibfehler einen Euro kriegen, käme ich mit einem Guthaben nachhause. Aber ich schweife ab, daher zurück zum Infostand. Vor mir sitzt ein sehr gebrechlicher Mann, sagte er hätte da eine Frage, reicht der Katinka ein riesiges seniorengerechtes Android-Handy über den Tresen und bittet sie, ihr irgendetwas einzustellen, was er nicht checkt. Das ist jetzt keine von den Fragen, die in ihren Zuständigkeitsbereich fallen. Könnte sie helfen, täte sie es trotzdem, so sind die Leute hier, aber sie gibt Handy zurück mit einem bedauernden „weiß ich leider nicht. Ich bin ein iPhone-Girl“. Der Ausdruck gefällt mir und bleibt deswegen im Gedächtnis. Zurück zu mir:
Ich sitze beim Abendessen, da steht die Dame von Nebentisch auf, eine guterhaltene 78-Jährige, kommt zu mir, grüßt freundlich und sagt: „Sie sind doch so ein Apple-Fan!“. Nun gut, richtig, aber woher weiß sie das schon wieder? Vielleicht gut kombiniert, wegen dem angebissenen Apfel auf meinem Laptop…
„Darf ich sie mal was fragen?“ Klar darf sie, und sie schildert mir ihr Problem: Plötzlich kann sie per WhatsApp keine Bilder mehr zu ihrem Mann schicken, und auch nicht er zu ihr, der hat nämlich bloß so ein Google Pixel, aber eigentlich da klappt alles, und bei ihrem iPhone nicht. In Gedanken formuliere ich den Begriff „iPhone-Granny“, während ich alle mir bekannten Probleme mit ihr durchgehe, leider ohne Erfolg.
Etwas später. Ich sitze wieder auf meinem „Arbeitsplatz“ von dem ich noch erwähnen muss, dass er eine akustische Besonderheit hat: Man hört hier praktisch alles, was auf dem Pooldeck geschieht. Und - wichtig zu wissen, ich habe es ausprobiert - auf dem Pooldeck hört man alles, was an diesem Tisch geschieht.
Ich überlege gerade einen besonders genialen Schluss für ein Kapitel, und da kommt er, in Gestalt des Mannes der iPhone-Granny. Er stellt sich vor mich hin, mit leicht errötetem Gesicht, erhitzt und freudestrahlend, und verkündet lautstark: „Stellen sie sich vor, mit meiner Frau klappt es wieder!“
Ich kann nicht anders, als ihm vollkommen ehrlich gemeint und ebenso laut zu antworten: „Das freut mich aber sehr, dass es mit ihrer Frau wieder klappt!!“
Das Allerletzte
Montag morgen, 9.30 Uhr. Ich genieße das wirklich sehr gute Frühstücksbuffet (das es gut ist, sollte man für 18€ auch erwarten). Eine halbe ...
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Es ist Ostersonntag. Als ich vor zwei Jahren ebenfalls über Ostern mit einem Schiff der Mein Schiff Flotte unterwegs war, klopfte es früh um...
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Der Plan ist wie folgt: ich nehme den ICE 26 um 15.30 Uhr, bin dann um 18.00 Uhr am Fraport, gebe den Koffer beim Vorabend-Check-In ab, habe...











