Wie der Kreuzfahrtdirektor gestern noch spät mitteilte, hat Korsika, wo wir hin wollen, unerwartet montags geschlossen. Naja, nicht ganz Korsika, aber aufgrund der stürmischen und unberechenbaren Wetterlage in der Umgebung von Genua und weiter südlich (Ihr habt sicher aus den Medien davon erfahren) wurde der Hafen von Ajaccio geschlossen. Und bevor wir auf die Idee kommen, stattdessen Sardinien anzulaufen, sperrt der Hafenmeister von Cagliari auch schnell ab. Also, eigentlich, weil sie gleich daneben liegen und auch so schlechtes Wetter erwarten. Kapitän Morten Hansen, der berühmte, beschließt deswegen heute einen Seetag einzulegen, morgen ganz früh in Barcelona zu sein, und zum Ausgleich dort einen ganzen Tag zu bleiben. Auf diese Weise würden wir der Schlechtwetterfront so weit wie möglich entkommen. Wir fahren also Richtung Westen und sind guter Dinge. Das Schiff bewegt sich, dafür ist es ein Schiff, auch wenn es anstatt nur vorwärts zu fahren über die eine oder andere Welle hoppelt, dabei fröhlich von links nach rechts schaukelt, und manchmal von rechts nach links. Ich filme ein bißchen auf den Außendecks. Das geht auf Deck 4 sehr gut, aber leider nicht nach vorne, weil man da nicht rausgucken kann. Das wiederum geht auf Deck 5 ganz gut, wenn auch der starke Wind etwas lästig ist. Auf Deck 6 ist die Sicht besser, aber der Wind so richtig stark. Und als ich mich wegen der noch besseren Sicht auf Deck 7 wage, muss ich das Kamerastativ fest halten, damit es von dem Orkan nicht weggeblasen wird. Auch bei mir selbst habe ich jetzt Bedenken und bin froh, dass ich so schwer bin.
Dann hätten wir noch, oberhalb der Brücke, Deck 9. Aber da ist niemand. Warum, kann ich mir auch nicht so recht erklären. Und der Wind wird stärker.
Nicht zum, sondern nach dem Mittagessen gibt es draußen "grobe See", was mich an den doofen Metzgerwitz erinnert: "ich hätte gerne 100 Gramm von der groben fetten" - "Die hat heute Berufsschule!". Die See dagegen hat natürlich keine Berufsschule, sondern produziert Wellen bis 6m Höhe, und das bei starkem Wind bis 49 km/h. Das stört ein Schiff wie die "Artania" allerdings noch nicht, genausowenig wie die meisten Passagiere. Allerdings laufen die meisten, als hätten sie zu viel getrunken. Per Durchsage kommt der Hinweis, man solle sich auf den Außendecks und Balkons wegen der Feuchtigkeit von unten und oben nur sehr vorsichtig bewegen. Aus der groben See wird sehr grobe und dann hohe, der Wind steigert sich stürmisch und dann zum Sturm bis 88 km/h, und seemännisch sind wir schon bei Windstärke 10. Die Passagiere werden gebeten, die Außenbereiche nicht mehr zu betreten, und sich grundsätzlich gut fest zu halten. Das Fenster meiner Kabine liegt ungefähr 15m über dem Meeresspiegel, und ich kann trotzdem vom Sofa aus die Gischt sehen, die unser Schiff erzeugt. Ab und zu hört man einen schweren Schlag, und dann neigt sich es sich etwas mehr nach links als sonst. Eigentlich sollte heute Begrüßungscocktail und shakehand mit dem Captain sein, aber da man befürchtet, die Fotos werden nicht so schön, wenn man sich am Captain festkrallt, wegen den Wellen, wird die Veranstaltung abgesagt. Nach dem nächsten Schlag fallen in meiner Kabine sämtliche Gläser und Flaschen um, Obstkorb, Vase und Plastikblume gehen zu Boden, der Apfel aus dem Obstkorb durchfliegt mit einem Affenzahn die ganze Kabine, und der Stuhl kommt ins Rutschen, direkt auf die sich öffnende Schranktür zu. Aber immerhin: noch ist nichts kaputt. Da der Sturm gerade mal sein Niveau hält, stopfe ich Gläser und Flaschen soweit wie möglich in die Minibar, lege den Rest in einen leeren Schubkasten, Sofakissen drauf, alles safe. Bis jetzt. Kurz nach dem nächsten Schlag kommt die Durchsage, dass man das auf Deck 8 befindliche Buffettrestaurant heute nicht öffnen wird, weil soeben stapelweise Teller zu Bruch gegangen sind. Man bittet das zu entschuldigen, geht aber davon aus, dass aufgrund des Wetters heute auch ausnahmsweise zwei Restaurants reichen werden. Die Stewardess kommt rein für den abendlichen turn-down und wundert sich wahrscheinlich, dass ich bei dem Sturm ausgerechnet "Fang des Lebens" gucke, eine DMAX-Doku über Krabbenfischer in der Behringseee. Bei denen herscht auch immer Windstärke 10 oder schlimmer, aber die Fischkutter sind gerade mal so lang wie unser Schiff breit ist. Oder schlimmer kriegen wir jetzt auch, aus dem Sturm wird ein starker und dann ein orkanartiger, die Wellen überschreiten locker die 10-Meter-Marke. Gerade wird die abendliche Show abgesagt, weil der letzte Schlag die Bühne abgeräumt und die Instrumente des Orchesters in alle Richtungen verstreut hat. Während ich überlege, wo ich mich festhalten soll falls es noch schlimmer wird, bieten sie über Lautsprecher an, Tee und Zwieback durch den Kabinenservice liefern zu lassen, es gäbe in den restlichen Restaurants aber auch richtiges Abendessen. Als sich gegen halb acht der Sturm seltsamerweise etwas legt, schwanke ich vorbei an vielen bereitgestellten Kotztüten ins nicht sehr gut besuchte Restaurant (Überraschung) und lasse es mir schmecken. Währenddessen kommt die Erklärung für das vermeintliche Abflauen des Sturms: wegen einem Wasserrohrbruch im Crewbereich musste man das Schiff aus dem Wind nehmen und Kurs Richtung Tunesien nehmen, bis alles repariert ist. Danach geht es weiter nach Barcelona, bewegt, aber nicht mehr so schlimm. Meine Schranktür ist in der Nacht nur noch ein einziges Mal aufgesprungen, und aus dem Bett gefallen oder gar seekrank geworden bin ich auch nicht.

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